KirchenstreitMoskau – Kiew – Konstantinopel – und etwas Rom

In den Kirchenstreit um die Anerkennung einer unabhängigen – autokephalen – ukrainischen orthodoxen Nationalkirche mit einem Kiewer Patriarchat, losgelöst vom Moskauer Patriarchat, hat sich auch Staatspräsident Wladimir Putin eingeschaltet: „Ich möchte eines betonen: Politisches Manövrieren in diesem sensiblen Bereich wird immer zu schwerwiegendsten Konsequenzen führen, insbesondere für diejenigen, die es tun… Unsere gemeinsame Pflicht, vor allem für die Menschen, ist die Wahrung der geistigen und historischen Einheit.“

Weiterhin unklar ist, inwiefern die sonstigen autokephalen Kirchen, insbesondere die klassischen von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem, den Kurs des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel gutheißen, eine eigenständige ukrainische Kirche, abgetrennt von Moskau, anzuerkennen. Der letzte formal-kanonische und quasi-liturgische Akt, diese Anerkennung mit der Überreichung einer amtlichen Bulle an Kiew zu bestätigen, war bei Redaktionsschluss noch nicht vollzogen.

Das Argument zugunsten einer Autokephalie lautet: Man wolle über ein Landeskonzil die getrennten orthodoxen Kirchen zu einer einzigen zusammenführen, die dann aber eben von Moskau losgelöst wäre. Doch scheint der selbsternannte „Kiewer Patriarch“ Filaret, der Oberhaupt dieser „geeinten“ Kirche sein möchte, selbst unter den „eigenen“ Gläubigen nicht überall ungeteiltes Vertrauen zu genießen. Der Osteuropa-Korrespondent Oliver Hinz schreibt in KNA: „Ein Konsenskandidat für die neue Landeskirche, der alle Beteiligten integriert, ist Filaret nicht. Für nicht wenige Ukrainer ist er eine Reizfigur, die zur Spaltung des Landes beiträgt.“ Auch die scharfmacherischen Äußerungen des ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko gegen Moskau und seine durchsichtigen politischen Absichten, die er mit der Kirchenautonomie verbindet, sind alles andere als förderlich für die Lage der Orthodoxie insgesamt.

Die österreichische Nachrichtenagentur KAP zitiert den serbischen Publizisten Miodrag Lazarević: Die orthodoxe Welt habe sich geändert und werde nie mehr so sein, wie sie war. Konstantinopel habe im Kampf um die Oberhoheit gewonnen, aber der Preis sei hoch. Unterdessen hat der Leiter der Abteilung für die Außenbeziehungen im Moskauer Patriarchat, Metropolit Hilarion Alfejev, Papst Franziskus, mit dem er Mitte Oktober zusammentraf, gelobt. Dieser vertrete eine ausgewogene Haltung angesichts der innerorthodoxen Ereignisse und halte sich in dem Streit zurück.

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