Requiem pour L.Mozart in Afrika: Requiem für L.

So hat man das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart noch nicht gehört. Der Komponist Fabrizio Cassol und der Choreograf Alain Platel verbinden es mit afrikanischer Musiktradition und machen es so zu einer zeitgemäßen Meditation über Sterben und Tod: „Requiem pour L.“

Mozart würde sich im Grabe umdrehen. Gut möglich, dass einige der Gäste in der Stuttgarter Staatsoper genau diesen Gedanken haben. Das „Requiem“ steht auf dem Spielplan. Jenes Werk also, das viele geradezu als Gottesbeweis sehen: Weil es solch vollendete Musik gibt, muss es auch den Vollkommenen geben. In jedem Fall gehört das Mozart-Requiem zu den bekanntesten, wichtigsten Kompositionen überhaupt. Längst hört man es eher in Konzertsälen als in Kirchen. Ein Hochamt der bildungsbürgerlichen Kultur, gerade im November. Die allgemeine Erwartungshaltung dabei ist, sich von den Klängen wegtragen zu lassen, sanft erschüttert zu werden von der dunklen Grundstimmung der hinlänglich bekannten und zugleich immer fremder werdenden Form der Totenmesse. Am Ende trifft man sich bei Sekt und Canapés im Foyer. Dort wird dann erörtert, ob der Chor bei den Fugen nicht doch ein zu schnelles Tempo an den Tag gelegt hat.

Aber dieses Requiem ist anders. Das wird von der ersten Sekunde an deutlich. Der Vorhang hebt sich, und der Blick wird frei auf eine große Leinwand. Darauf erscheint eine Frau mittleren Alters, sie liegt auf einem geblümten Kissen. Offensichtlich geht es der Frau nicht gut. Zwar scheint sie nicht direkt Schmerzen zu haben. Doch ganz offensichtlich schwindet ihre Kraft, ihre Lebensenergie. Immer wieder schließt sie die Augen, sucht Ruhe, manchmal bewegen sich ihre Lippen langsam, als würden sie die Worte Jesu am Kreuz mitsprechen: „Mich dürstet.“ Kann das wirklich sein? Wird die Frau etwa…?

Ja, es ist tatsächlich so: Diese Frau liegt im Sterben. „L.“ heißt sie. Man erfährt nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens und dass sie aus Flandern stammt. Sie hat erlaubt, dass man sie während ihrer letzten Stunden filmt. Den kompletten Abend wird man frontal mit diesen Schwarz-Weiß-Bildern konfrontiert. Das ist manchmal schwer zu ertragen, führt an persönliche Grenzen. Und so stellt sich eine erste Verunsicherung ein. Wie oft wird im Theater „gestorben“! Am Ende aber löst sich doch alles immer als Spiel auf. Alle treten lebendig vor den Vorhang und lassen sich beklatschen. Aber hier ist nichts gespielt, es geht – heiliger Ernst – um wirkliches Sterben.

Die Sterbende auf dem Kissen

Dieser ergreifende Auftakt zeigt die Richtung an, in die es in den kommenden knapp zwei Stunden geht. Wer sich auf einen ruhigen, erhabenen und erhebenden Abend eingestellt hat, muss sich schnell neu sortieren. Bei einem aufmerksamen Blick ins Programm hätte man es erahnen können. Denn dieses „Requiem pour L.“, die Totenmesse für die sterbende Frau auf dem Kissen, ist als „inspired by Wolfgang Amadeus Mozart“ angekündigt – also als eigenständiges Werk, für das sich der Komponist, der Belgier Fabrizio Cassol, von Mozart lediglich inspirieren ließ.

Was genau hat der Komponist gemacht? Bekanntlich hat Mozart sein Requiem nicht fertiggestellt. Während der Arbeit daran erkrankte er schwer, vermutlich an einer Infektion mit rheumatischem Fieber, und starb. Das Werk lag deshalb zum Zeitpunkt seines Todes im Dezember 1791 nur als Fragment vor. Dass es dennoch als komplettes Stück erklingen kann, ist Mozarts Schülern zu verdanken, vor allem Joseph Eybeler und Franz Xaver Süssmayr. Doch deren Ergänzungen hat Fabrizio Cassol nun wieder aus der Partitur entfernt. An ihre Stelle fügte er afrikanische Musik und Sprache ein, zum Latein der Liturgie treten Lingala und Suaheli hinzu. Auch andere „Weltmusik“, etwa aus Indien, wurde verarbeitet. Er wollte, so der Komponist in einem Interview, „heute lebenden Menschen vertrauen, das Requiem auf ihre Art zu einem Ende zu bringen“. Dies sei musikalisch gar nicht abwegig, afrikanische Musik passe gut zu den Harmonien Mozarts. „Es war irre zu sehen, wie gut sich klassische und barocke Musik aus Europa tatsächlich mit außereuropäischen musikalischen Traditionen verschmelzen lassen.“

Der neue Höreindruck ist tatsächlich eine Offenbarung. Die Solisten der klassischen Gesangsteile beherrschen ihr Metier virtuos, allen voran Nobulumko Mngxekeza und Owen Metsileng. Begleitet werden sie von einer Band, geniale Musiker mit Instrumenten, die im Opernhaus selten erklingen: Akkordeon, E-Gitarre und E-Bass, Schlagzeug. Besonders exotisch sind ein Euphonium – das ist ein Blasgerät zwischen Trompete und Tuba – und eine Likembe, ein afrikanisches Zupfinstrument. Ungeheuer lebendig klingt das zusammen: Mal steht Mozart klar und rein im Vordergrund. Ein anderes Mal ist es einfach Verfremdung, wenn die klassische Musik mit ungewohnten Instrumenten gespielt wird. Dann wiederum gibt es Teile, in denen fast nur die afrikanische Musik zu hören ist: traditionelle Ethno-Klänge, die typischen Triller inklusive, bis hin zu jazzigem Elektrosound.

Das Ganze ist freilich mehr als ein Konzert, wie ja schon die Einblendung des Films mit der sterbenden L. im Bühnenhintergrund deutlich macht. Auch die Musiker musizieren nicht nur, sondern sie tanzen, gruppieren sich immer wieder neu, zeigen kleine Gesten, etwa wenn sie gedankenverloren Totengedenksteine durch ihre Hände wandern lassen. Somit entzieht sich dieses Gesamtkunstwerk einer eindeutigen Zuschreibung. Es ist nicht einfach eine Musikaufführung, allerdings auch kein Theaterstück. Von „szenischer Musik“ hat jemand geschrieben. Das trifft es ganz gut.

Raus aus der Isolation

Verantwortlich dafür ist der Choreograf Alain Platel, seit Langem ein künstlerischer Weggefährte Fabrizio Cassols. Als Aktionsraum für die Musiker hat er eine Fläche schwarzer rechteckiger Quader geschaffen. Sie sind unterschiedlich hoch und lassen zunächst vielleicht an das Berliner Stelenfeld denken, an das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Diese Bedeutungsebene darf wohl mitschwingen. Doch sollte man das Bild nicht einengen. Es sind wahrscheinlich einfach Grabsteine gemeint.

Sie seien überzeugt, „dass es an der Zeit ist, sich über unsere europäischen Rituale des Sterbens und des Todes Gedanken zu machen“, haben Cassol und Platel erklärt. Offenkundig sehen sie den afrikanischen Umgang mit dem Lebensende als besser, ganzheitlicher, menschlicher an. Oder geht es genauer um das, was sie auch im Stück vorführen: um die Verbindung beider Traditionen? Prüfet alles und behaltet das Gute!

Wer das Stück daraufhin „liest“, dem können in der Tat bereichernde Gedanken kommen. Da ist zunächst überhaupt die Konfrontation mit dem Sterben, mit dem Tod, wie sie im leinwandfüllenden Antlitz der Frau aus Belgien aufscheint. Während die westlichen Gesellschaften das Lebensende weitgehend tabuisiert und aus der Öffentlichkeit in Krankenhäuser, Heime, Hospize verbannt haben, stellen Cassol und Platel diesen Teil des Menschseins direkt vor die Augen der Zuschauer. Ecce homo, seht den – sterbenden – Menschen!

Dies geschieht im Übrigen überaus würdevoll. Es hat nichts Voyeuristisches. Kurz bevor L. stirbt, wird die Kamera zur Seite gedreht. Man sieht dann nur noch einen kleinen Teil ihres Kopfes, eine Hand legt sich zärtlich darauf. Und danach – die Szene findet ziemlich genau in der Mitte des Stücks statt – gibt es einen Zeitsprung, werden frühere Aufnahmen gezeigt, in denen L. noch am Leben ist. Es geht sicher zu weit, dies als Hinweis auf die Auferweckung, auf ein Leben nach dem Tod, zu deuten. Eher schon darf man darin die Aufforderung sehen, Verstorbener nicht als Toter zu gedenken – sondern sich an die Augenblicke zu erinnern, die man gemeinsam erlebt hat.

Überhaupt ist Gemeinschaft, Begleitung, wichtig. Schon im Film ist die sterbende L. nicht allein. Angehörige und Freunde umgeben sie, wenden sich ihr zu. Immer wieder huschen sie durchs Bild. Und dann sind da noch die Musiker auf der Bühne, die bisweilen mit der Frau auf der Leinwand zu kommunizieren scheinen. Einmal hebt L. die Hand, und einer der Sänger winkt ihr zu. Die Aussage ist klar: Sterben gehört raus aus der Isolation und rein in die Gemeinschaft, so wie es früher auch hierzulande üblich war. „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, lautet ein viel zitiertes afrikanisches Sprichwort. Gleiches scheint auch für das Ende des Lebens zu gelten.

Eine Handvoll Asche

Wie noch lässt sich neu über Tod und Sterben denken? Als „Trauerzeremonie, die zugleich eine bestärkende Feier des Lebens ist“, haben Cassol und Platel ihr Stück bezeichnet. Dass sie dabei von der katholischen Totenmesse ausgehen, zeigt deren bleibende Kraft. Die gottesdienstliche Form, das scheinen die Theatermacher zu spüren, hat also tatsächlich etwas, das bis heute Trost spendet, das den Weg der Trauerarbeit strukturieren kann, das es zu bewahren gilt.

Allerdings wird das klassische Requiem ja gerade aufgebrochen und ergänzt. Die Art und Weise, wie wir im Westen auch kirchlich mit Tod und Sterben umgehen, stößt an Grenzen. Unsere Sicht, so kann man vermuten, stellt zu sehr die Trauer der Hinterbliebenen in den Mittelpunkt, auch das Ringen um einen Gott, der als Richter gnädig sein und die Schuld nicht anrechnen möge. Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Demgegenüber enthält der Trauerprozess, der aus der afrikanischen Tradition kommt, ganz andere Elemente. Zwar wird auch hier geklagt, ja sogar (Gott?) angeklagt, werden Schmerz und Verzweiflung hinausgeschrien. Einmal bläst ein Musiker eine Handvoll Asche in die Luft. Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück. Doch irgendwann springen die Musiker auch auf die Grabsteine, turnen zwischen ihnen herum, tanzen ausgelassen, lassen die Hüften kreisen. Wie ein Gospelkonzert kommt einem das streckenweise vor. Bei so viel Leben und Freude am (ewigen?) Leben hat der endzeitliche Hymnus über den „Dies Irae“, den „Tag des Zorns“, den Mozart als Teil der alten Liturgie natürlich noch vertont hat, keine Chance.

Mit Mozart auf dem Grab

Ein bisschen mehr Afrika wagen beim Umgang mit Sterben und Tod. Das ist es, was man vor allem von diesem Abend mitnehmen kann. Wem das fremd oder gar pietätlos vorkommt, der sei daran erinnert, dass die Auferstehung und das ewige Leben zum Markenkern des Christentums gehören. Paulus macht das vor, wenn er im ersten Brief an die Korinther (15,55) triumphierend, fast schon höhnisch, schreibt: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Angst vor dem Ende scheint der Apostel nicht gekannt zu haben. Stattdessen wollte er Zuversicht verbreiten: Jesus wurde aus dem Grab auferweckt, und deshalb dürfen auch die Gläubigen hoffen, dass es ihnen einmal genauso ergehen wird. Anders ergibt der Glaube laut Paulus keinen Sinn, wäre das Bekenntnis „leer“ und „nutzlos“.

Dass die Glaubensstärke des Paulus alles andere als selbstverständlich ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Die meisten hören zwar die Botschaft, tatsächlich trauen sie dem Ganzen aber nicht so recht. Nur jeder dritte Deutsche glaubt an ein Leben nach dem Tod, ergab eine Umfrage zu Ostern vor einem Jahr. Selbst unter Christen sind die Skeptiker in der Mehrzahl: Nur vierzig Prozent der Katholiken bekennen sich demnach zur Auferstehung, bei den evangelischen Christen ist es sogar bloß ein Drittel.

Und natürlich ist jeder traurig, wenn Angehörige oder Bekannte sterben. Diesen Aspekt wegzuwischen, wäre unmenschlich. Aber eigentlich hat im Blick auf das Ende eben auch die Freude ihre Berechtigung. Hochzeitsmahl, Festtafel, Gemeinschaft mit Gott – die Bibel spricht viel häufiger in schönen, freudigen Bildern vom Leben nach dem Tod als mit Bildern vom Gericht. Spuren davon kann man in der Liturgie und den Bräuchen der Kirche entdecken, etwa wenn bei Heiligen der Todestag gefeiert wird – als Beginn des eigentlichen Lebens bei Gott. Oder wenn vom „Heimgang“ geredet wird. Oder in der Reform der Begräbnisliturgie, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder stärker „den österlichen Sinn des christlichen Todes“ herausstellt, etwa durch Streichung des „Dies Irae“ und durch das Aufstellen der Osterkerze.

So stellen sich am Ende eines großen, immer würdevollen Abends ganz andere Gedanken ein als vielleicht noch zu Beginn. Aber selbst wer zurückkommt zu dem „Mozart würde sich im Grabe umdrehen“, liegt nicht ganz falsch. Wahrscheinlich würde er es tun, noch viel eher würde er aber wohl ganz herausspringen und mit den anderen auf dem Grab tanzen. Denn wie schrieb Mozart einmal: „Ich soll denken, dass ich eine unsterbliche Seele habe; nicht allein denk ich das, sondern ich glaube es – worin bestünde denn sonst der Unterschied zwischen Menschen und Vieh?“

Das „Requiem pour L.“ ist seit seiner Uraufführung Anfang des Jahres als Gastspiel in mehreren europäischen Häusern zu sehen, im Sommer in Basel, zuletzt in Stuttgart (unser Bericht) und Leipzig. Die nächsten Termine im deutschsprachigen Raum sind im Februar 2019 in Sankt Pölten sowie in Straßburg. Alle Daten unter www.lesballetscdela.be

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