TürkeiReligionsfreiheit ist nicht einmal Kultfreiheit

Die Türkei kennt entgegen allen amtlichen Behauptungen keine Religionsfreiheit, ja nicht einmal Kultfreiheit. Das hat die türkische Journalistin Sibel Hurtas akribisch analysiert und nachgewiesen. Seit Jahren verhindert der Staat die Wahl eines neuen armenischen Patriarchen, greift in die Verwaltung kirchlicher Schulen, Krankenhäuser und Altersheime sowie in Klosterverwaltungen ein und blockiert christliche und jüdische Stiftungen, denen verboten wurde, ihre Vorstandsmitglieder neu zu wählen. Auch werden christliche Liturgien polizeilich überwacht.

Die Istanbuler Enthüllungsjournalistin bezweifelt auch, dass die im Juli unterzeichnete „Erklärung über volle Religionsfreiheit“ freiwillig beschlossen wurde. Darin beschwören achtzehn Patriarchen, Bischöfe und Rabbiner, dass es keinerlei Unterdrückung vonseiten des Staates gebe. „Wir sind frei, nach unserem Glauben zu leben und unsere Gottesdienste traditionsgemäß abzuhalten. Verlautbarungen, die unsere Unterdrückung behaupten oder andeuten, sind völlig unwahr.“ Die armenische Tageszeitung „Agos“, die zu den wenigen oppositionellen Stimmen zählt, titelte ironisch: „Wir haben Religionsfreiheit – und wissen’s nicht.“

Hurtas, die 2004 den Tod des armenischen Journalisten Hrant Dink als Auftragsmord entlarvt hatte, kommt zu dem Schluss: Es war eine der türkischen Obrigkeit besonders willfährige Gruppe unter den Kirchenleitungen, die die Erklärung verfasst und den Amtsbrüdern reihum zur Unterschrift vorgelegt hatte. Der armenische Parlamentarier Garo Paylan meinte: „Als ich diese Erklärung zu Gesicht bekam, wurde mir eines klar: Unsere geistlichen Oberhäupter sind nichts als Geiseln in der Hand der Türken.“ Die Unterschrift signalisiere „staatsbürgerliche Loyalität – nicht mehr“.

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