Keine EinzelfälleAlso doch: Gewalt gegen Lehrer

„Ich werde Sie töten, ich bringe Sie um!“ An fast jeder zweiten Schule in Deutschland wurden Lehrer schon einmal angegriffen, beleidigt oder bedroht. Das zeigt eine Umfrage unter 1200 Schulleitern. Von Einzelfällen kann keine Rede sein.

An unserer Schule gibt es kein Mobbing, keine Drogen, keine Gewalt; wenn, dann sind es nur bedauerliche Einzelfälle.“ Wer als Schulleiter heute so redet, macht sich verdächtig. Die Ergebnisse der jüngsten Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) „strafen die Ministerien Lügen, die behaupten, Gewalt gegen Lehrer sei ein Randphänomen“, so der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. Ob die Gewalt von Schülern oder von Eltern ausging, wurde nicht erfragt. Laut der Umfrage sind 39 Prozent der Schulleiter der Meinung, Gewalt gegen Lehrer sei „eher ein Tabuthema“. Im Jahr 2016 hatten noch 57 Prozent der Befragten dieser Aussage zugestimmt. Allerdings wurden damals nicht die Schulleitungen befragt, die die Probleme eher verharmlosen, sondern die Lehrer selbst. Als Vertreter des Systems Schule müssen alle Beteiligten fürchten, dass das Öffentlichwerden von Gewalt dem guten Ruf schaden könnte. Daher wird den Lehrern nicht selten unter Androhung rechtlicher Konsequenzen ein „Maulkorb“ verpasst.

Aus Angst um den „guten Ruf“

Die Gewalt gegen Lehrer wird auch politisch tabuisiert oder als bloßer Sonderfall dargestellt. Für die Studie wurden die Kultusministerien der sechzehn Bundesländer angeschrieben. Neun antworteten nicht oder hatten keine Daten über Gewalttaten gegen Lehrkräfte erfasst. Trotz fehlender Statistiken versicherte ein Ministerium, „dass es nur um Einzelfälle geht“. Zuletzt hatten Lehrer einer Schule in Sachsen-Anhalt in einem Brandbrief um Hilfe gebeten, und an einer Berliner Grundschule wurde ein Sicherheitsdienst eingesetzt. Die Ursachen sieht Udo Beckmann an mangelnden positiven Vorbildern: „Die sprachliche Verrohung, die wir im täglichen Umgang erleben, spiegelt sich auch bei den Kindern wider.“ Wenn wahrnehmbare Gewalt nicht markiert und unterbunden wird, verliert sich der Blick für die darunter liegende, unsichtbare Gewalt und für die scheinbar harmlosen Respektlosigkeiten, die manche Kinder aus dem Elternhaus mitbringen. Niemand wagt, den vielfachen Erziehungsmangel anzuprangern – dass die Eltern für die Kinder nicht „präsent“ sind, keine Geborgenheit und Stabilität geben. Oft wird der Beziehungsmangel mit Konsum „gesättigt“.

Weibliche Lehrkräfte sind noch häufiger Angriffen verbaler oder körperlicher Art ausgesetzt als männliche Kollegen. Offenbar kommen manche Schüler – und manche Väter – nicht mit einer Frau als Autoritätsperson zurecht. Zu verbaler Gewalt kam es laut der Studie an 59 Prozent der Haupt-, Real- und Gesamtschulen, seltener an Grundschulen und Gymnasien. Ein Viertel aller befragten Schulleiter berichtete von körperlichen Angriffen auf Pädagogen, in Nordrhein-Westfalen sogar ein Drittel. Ähnliches wird auch aus Österreich berichtet. Lehrerinnen dort beklagen fehlende Unterstützung durch Schulleitungen und Schulbehörden aus Angst, dass Probleme öffentlich werden könnten. Gelegentlich werden die Lehrer selbst zum „Buhmann“ gemacht: Sie seien unfähig, die Kinder anregend zu unterrichten. Viele Lehrer fühlen sich überfordert durch Kinder mit sonderpädagogischen Bedürfnissen, mangelnden Deutschkenntnissen und durch traumatisierte Schüler. Wenn ihren Schülern etwas nicht passe, so eine Wiener Lehrerin, höre sie: „Ich werde Sie töten, ich bringe Sie um!“ Außerdem steige der Druck seitens der Eltern, die ihren Kindern Vorteile verschaffen wollen, Erschöpfung und Burn-out seien bei Lehrkräften längst keine Seltenheit mehr.

Erziehung ist Elternsache

Die anfängliche, vielleicht bloß verbale Gewalt zu verschweigen oder nicht zu ahnden, hat zur Konsequenz, dass man blind wird auch für die sichtbaren Phänomene von Gewalt und Ausgrenzung. Die Konsequenzen: Verharmlosung und Tatenlosigkeit. Dass gewalttätige Schüler zuhause Gewalt erleben, möglicherweise innerhalb der Familie gedemütigt werden oder verwahrlosen, rechtfertigt gerade nicht, ihnen keine Grenzen zu setzen. Die häufig geäußerte Vermutung, Schüler übten Gewalt aus, weil zuhause etwas im Argen ist, mag zwar zutreffen. Deshalb sind Disziplinarmaßnahmen aber umso nötiger. Lehrer, Mitarbeiter und Mitschüler müssen vor der Gewalt durch die betreffenden Schüler geschützt, Fehlverhalten muss klar benannt und sanktioniert werden. Erst wenn die unmittelbare Gewalt als solche markiert und beendet ist, kann und muss die pädagogische Aufarbeitung geschehen, mittels derer dann hoffentlich auch manche der oft geforderten Werte und Haltungen vermittelt werden können.

Ein besonderes Problem ist freilich, dass Schulleiter und Lehrer immer rascher mit Klagen von Eltern rechnen müssen, wenn diese meinen, ihr Kind sei ungerecht behandelt worden. Lehrer ersetzen aber nicht die Eltern. „Schule ist für Schüler da – Warum Eltern keine Kunden und Lehrer keine Eltern sind“ heißt ein Buch, herausgegeben von den Jesuiten-Pädagogen Klaus Mertes und Johannes Siebner (Herder, 2010). Es bringt eine wichtige Spannung auf den Punkt: Wenn die Eltern ihrem Erziehungsauftrag nur ungenügend nachkommen, muss Schule disziplinarisch eingreifen. Alles andere ist ein groteskes Missverständnis der Rolle von Schule, dem aber manche Eltern sowie politische und mediale Anwälte aufsitzen. Lehrer müssen die Einhaltung von Regeln für einen konstruktiven, gewaltvermeidenden Umgang gewährleisten und die Befolgung bestimmter – auch gesellschaftlicher – Verhaltensregeln durchsetzen können, nicht zuletzt, um sich selbst zu schützen. Dabei müssen sie von den Schulbehörden und Ministerien mit allen Mitteln unterstützt werden, was bislang aber kaum der Fall ist.

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