Konstruktive Auseinandersetzung mit Kindern"Ich will aber!"

Wenn Kinder wütend sind fliegen schon mal die Fetzen

Ich will aber
Streiten ist wichtig, denn dabei erwerben Kinder Konfliktkompetenz. © Getty Images

Charlotte weigert sich, schlafen zu gehen, Lina trödelt jeden Morgen so lange, bis die Mutter ausflippt, und Jan will einfach nicht akzeptieren, dass es jetzt kein Eis gibt. Familie verläuft nie reibungslos. Ein Zusammenleben mit anderen Menschen ohne Konflikte ist nicht möglich, schreibt der dänische Familientherapeut Jesper Juul, „das einzige, was wir uns aussuchen können, ist, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten.“

Manche Erwachsene neigen dazu, Streit und Reibereien mit einem Mangel an Glück und Harmonie zu verwechseln. Dabei sind Auseinandersetzungen wichtig und notwendig. Wenn es darum geht, unterschiedliche oder gar entgegengesetzte Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, lernen Kinder am Vorbild ihrer Eltern, sich für ihre Interessen, ihre Integrität einzusetzen – sie erwerben, ganz allgemein, Lebenskompetenz.

Aber auch die Erwachsenen sollten Streit mit ihren Sprösslingen als Chance begreifen. Viele Eltern stammen noch aus einer Generation, in der Kinder als gut erzogen galten, wenn sie funktionierten. Wer nicht folgsam war, wurde bestraft. „Wer so aufgewachsen ist, weiß nicht, wie man auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen achtet. Das können Eltern mit ihren Kindern vor allem in Konflikten lernen“, sagt Christine Ordnung. Die Familienberaterin hat vor vier Jahren das Deutsch-Dänische Institut für Familientherapie und Beratung (ddif) gegründet. „Kinder brauchen Eltern, die wissen, was sie wollen und was nicht, und die das klar formulieren“, sagt sie. Soll Charlotte ins Bett, weil sie sonst zu wenig Schlaf bekommt oder weil Papa nach einem stressigen Tag seine Ruhe haben will? Wenn er seinen Wunsch ehrlich und authentisch formuliert, ist er ein stimmiges Vorbild: Ich möchte, dass du jetzt ins Bett gehst, weil ich Zeit für mich brauche. Du kannst aber dort gerne noch ein Buch anschauen oder ein Märchen hören.

Ja oder Nein statt Jein

Nun verhalten sich Erwachsene aber oft mehrdeutig, weil sie zwischen Moralvorstellungen, die aus ihrer Kindheit stammen, Erziehungskonventionen und eigenen Bedürfnissen hin- und hergerissen sind. Jans Mutter etwa geht Folgendes durch den Kopf: „Bin ich jetzt zu hart, wenn ich ihm das Eis verbiete? Aber ich muss mich auch mal durchsetzen lernen, und überhaupt, die Kinder von xy dürfen nur zwei Mal die Woche Süßes essen.“ Also bekommt Jan auf seine wiederholte Frage „Bekomme ich ein Eis?“ zu hören: „Du hattest doch erst gestern ein Eis ... du kannst nicht immer alles bekommen, was du willst ... musst du denn immer so rumnörgeln?“ Aber auch bei einem klaren „Nein, heute nicht“ werde jedes gesunde Kind nachbohren, sagt Familienberaterin Ordnung. Sie rät in solchen Fällen, das Nein zu wiederholen und über andere Dinge zu reden. „Erwarten Sie kein verständnisvolles ‚Okay’ Ihres Kindes.“

(Eigene) Fehler akzeptieren

Manchmal entstehen Konflikte auch, weil Eltern den Fähigkeiten ihrer Kinder zu wenig Vertrauen schenken. So ist die dreijährige Lina morgens vielleicht bockig, weil sie ihrer Mutter sagen will: „Ich kann mich alleine anziehen!“ Dann sollte die Mutter anerkennen, dass ihre Tochter autonomer geworden ist, und ihr mehr Zeit geben. Leider kann man Konflikte nicht planen und so etwas wie eine optimale Situation gibt es nicht. Keiner verliert gern die Nerven, keiner will schreien, dennoch tun es Eltern immer wieder. Oft wünschen sie sich dann, sie hätten es anders geschafft. Entscheidend ist aber, sagen Pädagogen, dass nach jeder Störung, nach jeder Auseinandersetzung alle Beteiligten ein Stück dazu gelernt haben.

„Kinder haben kein Problem damit, wenn Eltern Fehler machen. Die Erwachsenen sollten aber die Verantwortung dafür übernehmen“, meint Christine Ordnung: „Gestern habe ich etwas gesagt, was ich nicht sagen wollte. Gestern bin ich wild und wütend geworden. Das tut mir leid.“

So kommen Ihre Botschaften an

  • Sagen Sie genau, was Sie von Ihrem Kind wollen und was nicht. Eine klare Kommunikation hilft Ihnen und Ihrem Kind.
  • Sprechen Sie in der Ich-Form, ohne Gehorsam zu verlangen: „Ich möchte, dass du heute am Tisch sitzen bleibst, bis alle fertig sind. Kannst du das machen?“ Lassen Sie Ihrem Kind einen Moment Zeit zu antworten. Fragen Sie aber nur, wenn Sie ein Ja oder Nein als Antwort akzeptieren.
  • Seien Sie authentisch. Wenn Gestik und Tonfall nicht mit dem Inhalt der Botschaft übereinstimmen, verwirrt das Ihr Kind.
  • Verletzen und kränken Sie Ihr Kind nicht. Vermeiden Sie pauschale Anschuldigungen wie „Du bist unmöglich“, „Immer musst du etwas kaputt machen“ oder „Kannst du nicht einmal hören?“

„Frust gehört dazu“

Interview mit der Familienberaterin Christine Ordnung vom Dänischen Institut für Familientherapie und Beratung in Berlin (ddif)

Was können Eltern tun, wenn Konflikte mit Kindern eskalieren?

Frust, Wut oder Trauer sind legitime Gefühle, um die Enttäuschung nach einem „Nein“ zu verarbeiten. Das ist wichtig für die Kinder, um wieder in ihre Balance zu kommen. Je nach Anlass und Temperament des Kindes fällt dieser Prozess länger, lauter, kürzer oder leiser aus.

Wie reagieren Eltern dann am besten?

Die Kinder wahrnehmen und ihren Ärger respektieren. Sie erleben so, dass sie nicht alles bekommen, was sie wollen, aber dass es erlaubt ist, sich darüber zu ärgern. Daher sollten Eltern diesen Prozess nicht unterbrechen (jetzt reicht es aber), abwerten (was, darüber regst du sich auf?) oder belächeln (so klein und schon so wütend), sondern anerkennen: Du bist richtig sauer.

Und wenn sie gerade zum Beispiel im Supermarkt sind?

Ja, das ist nicht leicht. Ich wünsche Eltern, dass sie sich dann eingestehen können: Mein Kind ist wütend und braucht Zeit. Oft reagieren gerade die Kinder, die ihre Frustration nicht ausleben dürfen, bei einem „Nein“ besonders heftig.

Was tun, wenn aus einem Konflikt ein Machtspiel wird?

Kinder machen es nicht besser als ihre Eltern. Bei einem Machtkampf liegt es bei den Erwachsenen, ihr Verhalten zu ändern und aus dem Kampf auszusteigen. Wird eine Situation immer destruktiver, dann sollten die Eltern schauen, ob es im Grunde nicht um etwas anderes geht, vielleicht etwas, das in der Familie vor sich hin schwelt.

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