Wie eignen sich Kinder naturwissenschaftliches Wissen an? Dieser Frage ging ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerd Schäfer an der Universität Köln nach. In Zusammenarbeit mit der Stadt Mülheim an der Ruhr wurde dafür im Jahr 2004 die Lernwerkstatt gegründet. Kindergruppen aus den Mülheimer Tageseinrichtungen besuchten unter Anleitung eines Forscher*innenteams das Lernwerkstattgebäude.
Nach der erfolgreichen Evaluation und Dokumentation der Forschungsergebnisse wurde die „Lernwerkstatt Natur“ im Rahmen des Early-Excellence-Konzeptes als zusätzlicher Bildungsraum für die Mülheimer Kindertageseinrichtungen weitergeführt. Die Kita-Kinder können die Lernwerkstatt zwei Mal zwei Wochen pro Jahr und zu verschiedenen Jahreszeiten besuchen. Im Witthausbusch, dem Grüngürtel rings um die Naturwerkstatt, gibt es ein Tiergehege, einige Bachläufe, Hänge, Wald und Wiesenflächen – viel Platz für Forschung und Erkundungstouren. Die Lernwerkstatt, ein treibhausähnliches Glashaus, wird zum Nachsinnen genutzt. Hier stehen den Kindern unter anderem eine Leseecke, ein großzügiger Werkbereich mit zwei Werkbänken und Werkzeugen, ein Atelierbereich mit Staffelei und unterschiedlichsten Kreativmaterialien sowie eine Wasserstation mit Alltagsmaterialien zum Experimentieren zur Verfügung. Außerdem gibt es zwei Holzöfen zum Erleben des Elements Feuer und ein dazugehöriges Außengelände mit verschiedenen Bau- und Spielmaterialien.
So klappt es im Alltag
Um 9 Uhr kommen die Kinder in der Lernwerkstatt an. Am ersten Tag besprechen wir die Regeln, bevor es rausgeht. Am zweiten Tag schauen wir uns Fotos und Videos des Vortages an, um diese zu reflektieren. Nach der eher theoretischen Einheit ziehen wir uns wetterfest an und gehen in den Wald. Die Kinder entscheiden über den Weg und das Ziel. Gemeinsam forschen und experimentieren wir an einem Ort, der von den Kindern bestimmt wird. Die Materialien aus dem Bollerwagen werden nach Bedarf ausgetauscht oder erweitert (Taschenlampe zum Ausleuchten einer Höhle, Fernglas, um Vögel zu beobachten, Lupen, um Pflanzen und kleine Tiere genauer zu betrachten …).
Etwa um 11.30 Uhr kehren wir in die Lernwerkstatt zurück. Nach der Mittagszeit entscheiden die Kinder, wer wo aktiv sein möchte. Mit den Fundstücken aus dem Wald und den Materialien, die im Lernwerkstattgebäude zur Verfügung stehen, sinnen sie über den Vormittag nach. Wir malen an der Staffelei zum Beispiel den Hügel, Bäume und den Bach, bauen ein Tiergehege auf dem Bauteppich oder versuchen, verschmutztes Wasser zu reinigen, je nach den Erlebnissen am Morgen. Die Eindrücke werden verarbeitet. Zum Abschluss des Waldtages reflektieren Kinder und Fachkräfte in einer Erzählrunde den Vormittag. Der Rückblick auf den Tag verrät, was den Kindern besonders gut oder gar nicht gefallen hat. So sammeln sie auch Ideen und Wünsche für den nächsten Tag.
Im Glashaus dürfen die Kinder alle Materialien nutzen, die offen zugänglich sind, und selbst entscheiden, an was sie werken möchten (wenn sie nur die Werkzeuge ausprobieren möchten, ist dies auch möglich). Wir planen keine Projekte. Wenn die Kinder ein Thema haben, gehen wir darauf ein und bieten Hilfestellung. Es ist uns wichtig, dass sie möglichst selbstständig eine Lösung finden. Der Raum verändert sich regelmäßig. Immer wieder wird er nach Bedarf umgebaut. Auch das Material überprüfen wir häufig und verändern es, um auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können. Zudem bringen die Kinder immer wieder neue Materialien aus dem Wald mit.
Unser Weg zur Naturwerkstatt
Petra: Ich habe an dem Projekt unter der Leitung von Professor Schäfer zur frühkindlichen Entwicklung von Kindern in der Natur teilgenommen und sofort den Wunsch gehabt: So möchte ich arbeiten. In meiner eigenen Biografie war es ganz normal, draußen in der Natur und mit Alltagsmaterialien zu spielen – ich bin 1960 geboren und ohne Fernseher und Computer aufgewachsen. Meine eigenen Kinder hatten diese Dinge zwar, aber auch bei ihnen habe ich festgestellt, dass Spielzeug lange nicht so viel Spaß macht wie das Draußenspielen, mit ganz normalen Sachen wie Kartons, Dosen, Töpfen usw. Auch im Kindergarten gab es „spielzeugfreie Tage“, an denen die Kinder viel Spaß hatten.
Bei Professor Schäfer habe ich eine einjährige Fortbildung gemacht, außerdem eine Weiterbildung zur Urbanen Naturpädagogin über zwei Jahre bei der Naturschule „Querwaldein“. Zusätzlich habe ich verschiedene Kurse besucht, unter anderem zu Themen wie Naturfarben, Kräuterkunde, Urspiel.
Zu Beginn meiner Arbeit hatte ich Bedenken, ob ich es dauerhaft schaffe, in der Natur zu sein, bei Kälte und Eis ... immer draußen, ohne Spielzeug und mit wechselnden Kindergruppen. Die Bestätigung haben mir die Kinder gegeben, die aufblühten. Selbst Kinder, die in der Einrichtung eher still waren, sprachen plötzlich lebhaft und viel.
Corinna: Als Stadtkind habe ich immer die Natur gesucht. In meiner Kindheit haben wir regelmäßig Urlaub auf dem Bauernhof gemacht, bei dem wir von der Bauernfamilie in ihre Arbeit mit eingebunden wurden. Noch immer zehre ich von den Erfahrungen, die ich als Kind dort erleben durfte. Als ich mit meiner Kindergruppe die Naturwerkstatt über drei Wochen besuchte, nahm ich das zum Anlass, mich für die Arbeit in der Naturwerkstatt zu bewerben. Gleichzeitig wurde ich zur Multiplikatorin für den Bildungsbereich Natur. Seit ich hier arbeite, habe ich viele Fortbildungen im Bereich Natur besucht. In den letzten zwei Jahren habe ich wie Petra bei „Querwaldein“ eine Weiterbildung zur Urbanen Naturpädagogin erfolgreich abgeschlossen.
Eine große Umstellung war es für mich, immer wieder neue Gruppen zu betreuen und zum Teil auch Erzieher*innen an die Hand zu nehmen und ihnen Mut zu machen, Kinder selbst ihre Umwelt erforschen zu lassen. Aber gerade das gibt mir jede Woche die Energie, weiterzumachen. Ich sehe die Freude, die Erfolge und das aufkommende Selbstvertrauen der Kinder und ihrer Erzieher*innen.
Unser Lern- und Entwicklungspotenzial in der Holzwerkstatt
Unser Fachwissen vertieft sich durch das intensive Arbeiten in und mit der Natur. Neue Erfahrungen sammeln wir gemeinsam mit den Kindern. Der Grundgedanke, nicht zu belehren, sondern gemeinsam mit den Kindern Wissen zu erarbeiten, bringt Entwicklungspotenzial mit sich. Erzieher*innen und Kinder werden so zu Lernpartner*innen.
Gleichzeitig wachsen die Sicherheit und das Vertrauen in sich selbst und in die Kinder. Eigene Stärken und Schwächen werden sichtbar. Die Einsicht, dass auch Erwachsene nicht alles wissen und können müssen, ist für Kinder ebenso hilfreich wie für uns selbst.
Unsere Tipps für Neueinsteiger*innen
Grundsätzlich ist in Lernwerkstätten eine Offenheit für Neues entscheidend, egal ob es um Materialien oder die Raumgestaltung geht. Auch ist es wichtig, Ideen und Wünsche der Kinder anzunehmen und umzusetzen. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Regeln auf ein notwendiges Minimum zu beschränken, um den Freiraum der Kinder nicht einzuengen. Nur durch Ausprobieren und Experimentieren lernen Kinder, mutig zu sein. Uns ist es wichtig, Kindern die Freiheit zu lassen, ihre Umwelt selbst zu entdecken. Dazu versetzen wir uns selbst in die Rolle des Kindes, probieren Dinge mit aus und sind nahe beim Kind.
Blick nach vorn
Wir wünschen uns, dass die Naturwerkstatt weiterhin bestehen bleibt und dass bundesweit weitere Lernwerkstätten für den Bildungsbereich Natur eingerichtet werden. Es erreichen uns zahlreiche Besuchsanfragen von Kitas aus anderen Städten, die wir aus zeitlichen Gründen leider nicht berücksichtigen können. Berufsschulen, Hochschulen sowie Universitäten haben allerdings (nach Vereinbarung) die Gelegenheit, die Lernwerkstatt zu besuchen und sich das Konzept und unsere Arbeit erklären zu lassen.
Unsere Grundausstattung
Im Wald:
Ein Bollerwagen gefüllt mit Alltagsmaterialien: Schüsseln, Kanister, Kellen, Siebe, Durchschläge, Becher, Kochlöffel, Seile, Rohre, Bürsten, Lupengläser, Lupen
Materialien in der Werkstatt: Forschungsmaterialien: Magnete, verschiedene Waagen, Maßbänder, Spritzen, Pipetten, Pinzetten, Lupen
Werkbank mit Werkzeugen: Hammer, Sägen, Akkubohrer und Schrauber, Feilen, Schmirgelpapier, Zangen, Heißklebepistole, Handbohrer, Zollstock
Bauteppich: Steine (verschiedene Formen, Größen und Farben), Holzscheiben, Aststücke, Tannenzapfen, Kastanien, Eicheln, Mühlesteine, Perlen, Setzkasten, Schütte, Schüsseln