Kinderarmut darf nicht sein

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von einer prekären Einkommenssituation seiner Eltern betroffen. Das sollte in einem sozialen Rechtsstaat wie Deutschland nicht sein. Ein Statement von Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik.

Kinderarmut darf nicht sein
© David-W - photocase

Ständige Erfahrungen von Mangel und Verzicht in der Kindheit tragen mit dazu bei, dass sich junge Menschen weniger wohl und weniger zugehörig zur Gesellschaft fühlen.1 Junge Menschen, die dauerhafte Armutslagen erleben und SGB-II-Leistungen beziehen, sind seltener in einem Verein aktiv oder an organisierten Freizeitaktivitäten beteiligt als besser gestellte Gleichaltrige. Dadurch entsteht laut Annette Stein und Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung die Gefahr, dass sich diese jungen Menschen aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit auch als Erwachsene von der Gesellschaft abkoppeln – mit weitreichenden Folgen. „So hängt unter anderem auch die politische Beteiligung mit dem sozialen Status zusammen: je niedriger der sozioökonomische Hintergrund, desto geringer die Wahlbeteiligung. Gerade in Zeiten einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft sollte dies ein Warnsignal sein.“2 Die „zunehmende Polarisierung“ wird jedoch einerseits gerade von der Bertelsmann Stiftung beklagt, andererseits seit Jahrzehnten aus ihrem Hause mit einflussreichen Konzepten zur Privatisierung, Flexibilisierung, Deregulierung und Neoliberalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche (in- V O N Michael Klundt klusive Bildung und Sozialstaat) maßgeblich mit vorangetrieben.3 Somit ist die Bertelsmann Stiftung kurioserweise seit Jahren sowohl an marktradikalen Konzepten zur Polarisierung der Gesellschaft als auch an verschiedenen Studien zu deren negativen Folgen, z. B. in Form von Kinderarmut, beteiligt.

Diese Maßnahmen könnten Kinder- und Familienarmut vermeiden:4

  1. Es braucht: einen armutsfesten Mindestlohn, Aufgaben- und nicht Ausgaben-orientierte Kinder- und Jugendhilfe, eine vollständige Gebührenfreiheit für frühkindliche Bildung sowie ein kostenloses gesundes Mittagessen. Zudem muss das Existenzminimum neu berechnet werden, da die momentane Ermittlung nachweislich nicht bedarfsgerecht ist.
  2. Notwendig ist der Abbau von Ungerechtigkeiten in der Familienförderung. Denn derzeit bekommen die Reichsten am meisten.5
  3. Der Zugang zu Sozialleistungen muss durch Bündelung an einer Stelle einfacher gestaltet werden, um Bürokratie, Stigmatisierung, Demütigung und Unkenntnis zu vermeiden.

Arme Kinder haben arme Eltern, deshalb …

… ist bei allen Überlegungen wichtig – auch in Richtung Kindergrundsicherung –, dass Kinder und ihre Familien nach den anvisierten Maßnahmen auch wirklich aus Armut und Hilfsbedürftigkeit befreit werden. Dabei sollte man nicht der Illusion verfallen, Kinder als anscheinend „autonom“ aus dem Familienkontext fiktiv herauszulösen und mit einer „eigenständigen Kindergrundsicherung“ oder Ähnlichem scheinbar aus der Bedürftigkeit zu holen, während der Rest der Familie weiterhin in der Hilfsbedürftigkeit verbleibt. Arme Kinder sind in der Regel Kinder armer Eltern und sollten nicht gegen sie ausgespielt werden.

Pauschale Konzeptionen auf den Prüfstand

Überdies sollte jede Konzeption, die pauschal allen und damit auch vielen nicht bedürftigen Eltern und Kindern mit enormen Finanzmitteln unter die Arme greifen will, daraufhin kritisch unter die Lupe genommen werden, wie ihre effektiven Folgen für die Verhinderung und Verminderung von Kinderarmut aussehen. Das heißt, die Ziel-Mittel- Relation bedarf einer präzisen Analyse. Außerdem ist es auch und gerade für ein Eingreifen in politische Diskurse über soziale Polarisierung wichtig, die Primärverteilung des gewachsenen gesellschaftlichen Reichtums bei allen sinnvollen Forderungen von Maßnahmen gegen Kinderarmut im Blick zu behalten. Schließlich kann ein arm gemachter Staat nur schwerlich Armut bekämpfen.

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