Im Jahre 2029 …Zukunftsperspektiven der Kindheitspädagogik

Wollen Sie wissen, was das nächste Jahrzehnt für die frühkindliche Bildung bereithält? Zwei Absolventinnen der Kindheitspädagogik, haben dazu Expert*innen befragt. Hier ihre Ergebnisse.

Im Jahre 2029...
© jozefmicic - fotolia

Als „Projekt mit ungewissem Ausgang“ 1 – so ordnet das Fachkräftebarometer den gegenwärtigen Akademisierungsprozess in der frühkindlichen Bildung in Deutschland ein. Und die Kindheitspädagog*innen selbst? Sie erachten die Kita eher als Durchgangsphase ihrer beruflichen Laufbahn.2 Obwohl sie mit ihrem Kompetenzprofil für den Arbeitsbereich Kita qualifiziert sind, sorgen niedrige Bezahlung und geringe Aufstiegsmöglichkeiten dafür, dass sie sich hin zu anderen Arbeitsfeldern orientieren. Doch wird das in zehn Jahren immer noch so sein?

Nur noch Akademiker*innen in der Kita? Im Jahre 2029 …

werden Kindheitspädagog*innen weiterhin gemeinsam mit Erzieher*innen und anderen sozialpädagogischen Berufsgruppen im Feld der frühkindlichen Bildung tätig sein. Die Teilakademisierung der frühkindlichen Bildung ist also als Ausgangspunkt zukünftiger Entwicklungen zu sehen.
Auch auf der Leitungsebene frühpädagogischer Einrichtungen wird wohl die Vollakademisierung ausbleiben. Leitungspositionen werden nach wie vor mit unterschiedlichen Qualifikationen besetzt. Es scheint also eine Grundvoraussetzung für die Zukunft der frühkindlichen Bildung, sich mit dem Arbeiten in multiprofessionellen Teams auseinanderzusetzen und diese in den nächsten Jahren weiterhin in den Fokus zu nehmen, sodass ein professionelles Zusammenarbeiten der unterschiedlichen Qualifikationen gefördert wird.

Nur noch in Führungspositionen zu finden? Im Jahre 2029 …

werden Kindheitspädagog*innen in sämtlichen Arbeitsfeldern arbeiten, die mit Kindern zwischen 0 und 12 Jahren entweder konkret oder auf übergeordneter Ebene zu tun haben. Viele werden zudem als Institutionsleitungen arbeiten, allerdings stellt das Bachelorstudium keine Voraussetzung für die Übernahme einer Leitungsposition dar. Außerhalb der Kita werden Kindheitspädagog* innen 2029 als Fachberatungen für Träger arbeiten oder als Multiplikator*innen Erkenntnisse neuer Forschungsprojekte ins Feld der frühkindlichen Bildung tragen. Für Kindheitspädagog* innen mit Masterstudium sind Stellen in den Bereichen der Kindheitsforschung und in der Aus- und Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte vorgesehen. Viele Studienteilnehmer* innen können sich darüber hinaus auch vorstellen, dass weitere Aufgaben und Arbeitsfelder speziell für Kindheitspädagog*innen überhaupt erst entstehen werden.
Sie arbeiten in multiprofessionellen Teams mit Fachkräften anderer Disziplinen und bringen ihr Wissen und ihre Kompetenzen gewinnbringend ein. Dabei profitieren Einrichtungen besonders von den Kompetenzen der Kindheitspädagog*innen in den Bereichen der Konzeptionsentwicklung und des Qualitätsmanagements. Kindheitspädagog* innen haben im Studium vielfältige Fähigkeiten erworben.

Anerkannt und entsprechend bezahlt? Im Jahre 2029 …

werden vor allem Kindheitspädagog*innen als Expert* innen für den Altersbereich zwischen 0 und 12 Jahren angesehen. Trägervertreter*innen werden ihre Kompetenzen und ihre Arbeit wertschätzen (was laut einer Studie aus dem Jahr 20153 noch nicht der Fall ist). Auch wenn die Anerkennung in der Fachpraxis seitens der Trägervertreter*innen steigt, scheint es nach Einschätzungen der Expert* innen unwahrscheinlich, dass die Kindheitspädagog* innen Erzieher*innen ersetzen werden. 2029 wird es weiterhin Fach- und Hochschulen zur Ausbildung von Fachkräften für Kitas geben. Nicht ganz eindeutig waren die Ergebnisse dazu, wie Kindheitspädagog*innen zukünftig entlohnt werden. Es scheint weder klar, ob es eine spezifische Eingruppierung im TVöD geben wird, noch, ob das Gehalt dem akademischen Ausbildungsniveau angepasst wird.

Was muss heute für morgen getan werden?

Auffallend ist, dass sich nur wenige der durch die Expert*innen ausformulierten Handlungsempfehlungen konkret auf die Kindheitspädagog*innen und deren Zukunft beziehen, sondern vielmehr allgemein auf die frühkindliche Bildung. Dies lässt vermuten, dass allgemein in der frühkindlichen Bildung ein Handlungsbedarf wahrgenommen wird, und zwar in folgenden Bereichen:

  • Auf der politischen Ebene: Als eine zentrale Handlungsempfehlung kann gesehen werden, dass sich insbesondere Politiker*innen für einheitliche Standards innerhalb der Praxis der frühkindlichen Bildung − z. B. in Form eines Bundesqualitätsgesetzes − engagieren sollten. Es sollten mehr finanzielle Mittel als Anreiz bereitgestellt werden, um nicht zuletzt die Professionalisierung durch die Akademisierung der frühpädagogischen Fachkräfte voranzutreiben. Gefordert wird zudem eine effizientere Nutzung der zur Verfügung stehenden Gelder, etwa für nachhaltige Projekte wie ein Bundesqualitätsgesetz bzw. die Ausbildungsqualität von Fachkräften und weniger für kurzlebige Praxisprojekte und Förderangebote. Die Politik wird demzufolge als wichtige Instanz wahrgenommen, um Themen der frühkindlichen Bildung und deren Bedeutung voranzubringen.
  • Auf der wissenschaftlichen Ebene: Hier lautet die Empfehlung, Kindheitspädagog*innen mit einem Masterabschluss für den Ausbau von Forschungsarbeiten der frühkindlichen Bildung einzusetzen. Die dadurch entstehende Verzahnung von Wissenschaft und Praxis sei eine Chance, Handlungsunsicherheiten innerhalb der Praxis langfristig entgegenzusteuern und ihnen vorzubeugen. Zudem sollten sich Hochschulen für kindheitspädagogische Studiengänge künftig noch stärker an Diskursen der frühkindlichen Bildung beteiligen und für mehr Anerkennung des frühkindlichen Bildungsbereiches einsetzen. Im Besonderen sollten Hochschulen Unterstützungsarbeit leisten, z. B. in Form von Lobbyarbeit, damit die kindheitspädagogische Profession im Jahr 2029 mehr Akzeptanz und Wertschätzung aus Praxis und Politik erfährt.
  • Für die Praxis: Alle Akteur*innen sollten sich für die Stärkung der frühkindlichen Bildung sowie für neue Professionen innerhalb dieses Bereichs einsetzen. Damit das spezifi sche Kompetenzprofil der Kindheitspädagog* innen für die Praxis sichtbar werde, dürften sich diese nicht allein auf die Bemühungen anderer Akteur*innen verlassen, sondern müssten − z. B. im Rahmen von gewerkschaftlichen Berufsverbänden − selbst aktiv werden. Außerdem sollten sich Akteur* innen der frühpädagogischen Praxis Gedanken dazu machen, in welchen Tätigkeitsbereichen Kindheitspädagog*innen mit ihrem Kompetenzprofil künftig kooperativ mit den anderen Berufsgruppen im Arbeitsfeld der frühkindlichen Bildung eingesetzt werden könnten. In der Zukunft seien eigenständige Tätigkeitsbeschreibungen für Kindheitspädagog* innen erforderlich, die sich vom Tätigkeitsprofil der Leiter*innen pädagogischer Einrichtungen und von Erzieher* innen unterscheiden.

Infos zum Forschungsprojekt

Gegenstand der Studie: Wie sehen Expert*innen die frühkindlichen Bildung der Zukunft?

Zielgruppe/Studienteilnehmende: Kindheitspädagog*innen; Kita-Leitungen; Trägervertreter*innen; Hochschuldozent*innen/Wissenschaftler*innen; Vertreter* innen von Berufsverbänden/Gewerkschaften; Politiker*innen

Fragestellung: Wo stehen Kindheitspädagog*innen 25 Jahre nach Einführung der Bachelorstudiengänge im Jahr 2029?

Erhebungsinstrument: qualitative sowie quantitative Fragebögen

Reichweite: Drei Erhebungsrunden mit 213 Befragungen

Kontext: Abschlussarbeit im Masterstudiengang „Bildung und Erziehung im Kindesalter“ an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Laufzeit: 08/2017 bis 11/2017

Einordnung der Ergebnisse: Erarbeitung von Orientierungswissen bezogen auf die Zukunft der Kindheitspädagog*innen im Jahr 2029

Wie sehen Sie die Kindheitspädagogik in der Zukunft?

„Kindheitspädagog*innen haben sich in den Kindertageseinrichtungen und weiteren Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe etabliert und erhalten eine dem Studium angemessene Vergütung.“

Heike Pommerening, Erzieherin, Sozialarbeiterin (B. A.), stellv. Landesvorsitzende der GEW Baden-Württemberg

„Im Sinne multiprofessioneller Teams, sind Kindheitspädago*innen für frühpädagogische Einrichtungen bereits jetzt wichtige Player und auch in Zukunft nicht wegzudenken. Mit ihrem eher wissenschaftlich basierten Wissen können so im Zusammenspiel mit allen anderen Akteur*innen eines multiprofessionellen Teams bereichernde Qualitätsimpulse gesetzt werden.“

Daniel Reinhard, Leitung „Kita am Seepark“ in Freiburg

„2029 sind Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen ein unverzichtbarer Teil in jeder Kindertageseinrichtung. Die Kita- Teams werden sich zu diesem Zeitpunkt aus Fachkräften mit unterschiedlichsten Qualifikationen zusammensetzen. Mit ihrem fundierten Wissen über frühkindliche Bildungsprozesse nehmen Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen hierin eine beratende und koordinierende Rolle ein. Dabei werden sie entsprechend ihrer Qualifikation bezahlt.“

Frank Jansen, Geschäftsführer Verband Katholischer Tageseinrichtungen (KTK)

„In zehn Jahren werden Kindheitspädagog*innen bundesweit als einschlägige und hoch qualifizierte Berufsgruppe für den frühkindlichen Bereich so gefragt sein, wie wir es heute schon in Baden-Württemberg sehen können.“

Dörte Weltzien, Professorin für Pädagogik der Kindheit an der EH Freiburg, Leitung Forschungsinstitut ZfKJ   

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