Die FamilienschatzkistenInnovative Pädagogik in der Krippe

Mithilfe einer Spielkiste werden Eltern aktiv in die Entwicklungsförderung ihres Kindes eingebunden. Ein Interview über einen praxiserprobten Ansatz zur Unterstützung von Familien.

Die Familienschatzkisten
© Kindergarten Stadtmitte, Balingen

Frau Bolte, Sie sind Heilpädagogin und haben zusammen mit den Erzieherinnen Silke Schmid-Schlegel und Jessica Bewersdorf im Ev. Kindergarten Stadtmitte eine neue Form der Zusammenarbeit mit Eltern als niedrigschwelliges Beratungs- und Förderangebot entwickelt. Wie ist die Idee zum Projekt „Die Familienschatzkisten“ entstanden?

H. Bolte:
Das Projekt der „Familienschatzkisten“ wurde im Rahmen des „Innopäd U3“-Programms1 konzipiert und durchgeführt. Anstoß gab und gibt die besondere Situation der Familien, die unsere Einrichtung besuchen. Rund 90% der Familien haben einen Migrationshintergrund, ein hoher Anteil der Eltern ist belastet, häufig durch mehrere Faktoren wie Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, Trennung oder Scheidung. Wir haben zudem wahrgenommen, dass immer mehr Eltern unsicher in der Erziehung ihrer Kind sind. Auf der Ebene der Kinder war und ist es so, dass viele von einer altersgemäßen Entwicklung abweichen, herausforderndes Verhalten zeigen und zusätzlichen Unterstützungsbedarf haben – vor allem im sprachlichen Bereich. Ausnahmslos allen Eltern ist aus eigener Erfahrung die Schlüsselfunktion von Sprache deutlich: ohne sprachliche Kompetenzen keine soziale Integration und geringere berufliche Chancen. Mit dem Projekt „Die Familienschatzkisten“ verbinden wir die Ziele, die Familien stärker einzubinden, individueller auf jedes Kind einzugehen und die pädagogische Qualität zu verbessern. Es war uns von Anfang an wichtig, dass alle Kinder unserer Gruppe an diesem Angebot teilnehmen konnten, sodass auch Kinder mit 3 oder vereinzelt 4 Jahren eine Familienschatzkiste erhielten.

Das Projekt setzt sich aus moderiertem Spielen, Hausbesuchen und Elterngesprächen zusammen. Nacheinander beziehen Sie das Kind, seine Eltern und das Team ein. Worauf liegt anfänglich der Fokus?

S. Schmid-Schlegel:
Zunächst beobachten und dokumentieren wir den Entwicklungsstand des betreffenden Kindes, dann werten wir das Ergebnis zusammen aus. Beobachtet und dokumentiert wird der Tagesablauf, Interessen, Spielverhalten und Stärken, wobei jede mindestens eine freie Beobachtung macht. Dazu kommt eine Sprachstandserhebung und ggf. eine Videografie. Aufgrund dieser Beobachtungen stellen wir die individuelle „Familienschatzkiste“ zusammen. Die Schatzkiste enthält vier bis fünf Spielmaterialien. Davon ist mindestens ein Angebot dabei, bei dem die Eltern später während des Hausbesuchs gut einbezogen werden können, z. B. ein Regelspiel.

Was ist für die gelingende Einführung der Schatzkiste besonders wichtig?

J. Bewersdorf:
Wichtig ist, dass die Materialien einen hohen Aufforderungscharakter haben, leicht verständlich und selbst erklärend sind. Teilweise sind sie selbst gemacht. Der Inhalt ist nach einem bestimmten Förderschwerpunkt ausgerichtet. Der hohe Aufforderungscharakter entsteht dadurch, dass die Kiste individuell gestaltet ist. Sie orientiert sich an den beobachteten Interessen und Themen des Kindes sowie seiner Engagiertheit bei verschiedenen Aktivitäten. Die Bildungskiste wird dann im Freispiel abwechselnd von meinen beiden Kolleginnen angeboten. Das legen wir zuvor fest. In der Einzel- oder Kleingruppensituation finden sieben bis zehn moderierte Spielangebote statt, die zwischen 20 und 40 Minuten dauern.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt übergeben Sie die Schatzkiste bei einem Besuch der Familie. Wie reagieren die Kinder und Eltern auf den Hausbesuch?

H. Bolte:
Wir besprechen mit den Eltern im direkten Kontakt einen geeigneten Besuchstermin. Ein schriftlicher Weg würde aufgrund der Sprachbarriere nicht funktionieren. Viele Familien haben den Hausbesuch als besondere Wertschätzung empfunden und freuten sich, uns als „Gäste“ empfangen zu können. Auch für die Kinder war er eine wertvolle Erfahrung, da die beiden unterschiedlichen Lebenswelten, Kindergarten und Familie, auf diese Weise buchstäblich verknüpft wurden. Während des Besuchs kommen wir mit den Eltern ins Gespräch darüber, warum wir genau diese Schatzkiste für ihr Kind gestaltet haben. Das Kind präsentiert die Inhalte als Experte seiner Kiste. Dann findet ein gemeinsames Spiel mit dem Ziel einer modellhaften Interaktion statt. Danach wird auf die Themen und Fragen der Familie eingegangen. Die Familie entscheidet, wie lange sie die Kiste behalten möchte. Erfahrungsgemäß sind dies drei bis sechs Wochen. Oft wurde der Wunsch geäußert, den Hausbesuch zu wiederholen. Es war immer wieder faszinierend zu erleben, wie die Mütter sich veränderten, gelöster wurden, auf die Fachkräfte zugingen und das Gespräch suchten, um Fragen zu stellen oder ihre Meinungen mitzuteilen.

Was ist mit der Bezeichnung „Von der Komm- zur Gehstruktur“ gemeint?

J. Bewersdorf:
Bei Beratungsangeboten wird oft von den Eltern erwartet, dass sie zu den Berater*innen kommen, etwa in eine Beratungsstelle gehen. Gerade das ist aber für belastete Familien eine schwer zu überbrückende Schwelle. Deshalb, um eine niedrigschwellige Beratung zu den Fragen und Themen der Familie anbieten zu können, gehen wir auf die Familie zu.

Inwiefern verbessert das Projekt die pädagogische Qualität?

S. Schmid-Schlegel:
In einem abschließenden Elterngespräch geht es um die Erfahrungen des Kindes und seiner Eltern mit der Familienschatzkiste. Auch der Entwicklungsstand des Kindes wird in dem Gespräch dargestellt, manchmal unterstützt mit Videomaterial. Nach gemeinsamer Reflexion besprechen wir, in welche Richtung es weitergeht. Der gesamte Prozess wird für die Familie anhand der Portfolioblätter und einer Spielgeschichte von uns dokumentiert. Das Kind erhält ein Spielmaterial aus seiner Schatzkiste und darf es behalten. Das Kriterium ist, mit welchem Spielmaterial ein gewinnbringender Impuls erzielt werden kann. Nach etwa zwei Monaten findet ein Resümee statt, in dem geklärt wird, ob es weitergehenden Unterstützungsbedarf gibt. Wir sprechen darüber, was sich verändert hat, sowohl beim Kind als auch bei den Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind. Kommt die Familienschatzkiste zurück in den Kindergarten, dann steht sie allen Kindern im Freispiel zur Verfügung. Das Kind als Experte seiner Kiste zeigt den anderen Kindern die Inhalte.

Was ist das wichtigste Ergebnis des Projekts?

J. Bewersdorf:
Ein Ergebnis der Familienschatzkisten ist, dass sich die Beziehung zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften intensivierte und eine tragfähige Vertrauensbasis zwischen Eltern und Erzieher*innen aufgebaut werden konnte. Die Kinder zeigten eine positive Entwicklung in verschiedenen Bereichen: zum Beispiel Konzentration, Merkfähigkeit, Zuordnungsfähigkeit. Ausnahmslos alle Kinder verbesserten sich im Bereich der Sprache. Unsere pädagogische Qualität hat sich übrigens auch durch die zusätzliche wöchentliche Projektstunde verbessert, in der Zeit für Vorbereitung, Teamgespräche, Fallbesprechungen, Reflexionen oder Recherche vorhanden war. Von der kollegialen Beratung im multiprofessionellen Team haben wir alle profitiert und unsere Kompetenzen erweitert.

Wird auch das Kind in die Gespräche mit einbezogen und gefragt, was ihm gefallen hat und was nicht?

J. Bewersdorf:
Entsprechend dem Alter und der kommunikativen Fähigkeiten des Kindes wurde es zu den Inhalten der Kiste und den Erfahrungen beim Hausbesuch befragt. Auch die Portfolioblätter boten immer wieder einen Anlass, miteinander zu sprechen. Die Kinder wurden gefragt, ob sie mit den Schatzkisten spielen möchten. Sie entschieden auch, in welcher Reihenfolge und wie lange gespielt wurde.

Können Sie etwas zu den Ergebnissen der Ev. Hochschule Freiburg sagen, an der das Projekt wissenschaftlich begleitet wurde?

H. Bolte:
Wir sind mit der KRIPS-R2 und GInA3 dreimal während des Projektverlaufs evaluiert worden. Während GInA für die Fachkräfte eine gute Gelegenheit zur Reflexion des eigenen Interaktionsverhaltens bot und positive Effekte aufzeigte, erfasst KRIPS-R verschiedene Qualitätsdimensionen im U3-Bereich. Hier wurde in den Bereichen „Zuhören und Sprechen“ und „Interaktionen“ eine Qualitätssteigerung von guter, angemessener Qualität zu ausgezeichneter Qualität erreicht. Noch deutlicher waren die Ergebnisse im Bereich „Strukturierung der pädagogischen Arbeit“. Hier war die Ausgangsqualität akzeptabel und entwickelte sich zu einer ausgezeichneten, entwicklungsbezogenen Qualität während der Projektlaufzeit.

Wo lagen Schwierigkeiten und was hat zum Gelingen beigetragen?

S. Schmid-Schlegel:
Das Projekt hatte eine sehr gute Resonanz bei den Familien. Schwierig war der Transfer in die andere Gruppe und innerhalb des Gesamtteams, das nur bedingt an der Weiterentwicklung teilnehmen konnte. Die größte Schwierigkeit stellt für uns die Weiterführung dieser Arbeitsweise dar, die als zentral und gewinnbringend für die Gruppe bewertet wurde, da eine Anschlussfinanzierung fehlt. Für das Gelingen waren die Konstanz im Projektteam, das zusätzliche Zeitkontingent, die Offenheit der Eltern, das Geld für die Ausstattung der Kiste sowie ein multiprofessionelles, flexibles Team entscheidend.

Welche Erfahrungen mit dem Kind, seinen Eltern oder den Kolleg*innen bestätigen den Erfolg des Projekts?

H. Bolte:
Den Kolleg*innen der anderen Gruppe fielen die Veränderungen bei Kindern und Erwachsenen ebenfalls auf. Die Kinder waren sehr motiviert und glücklich, als sie erfuhren, dass sie nun eine Familienschatzkiste bekommen. Sie haben teilweise gefragt, wann sie dran sind. Dass sie die Kiste als etwas Besonderes empfanden, spiegelte sich auch darin wider, dass Kinder auch nach zwei Jahren davon erzählten und sich noch sehr genau an die Inhalte und Themen erinnerten und das gemeinsame Spielen als schön beschrieben. Viele Eltern hatten Angst, dass die Spielmaterialien zu Hause kaputt- oder verloren gehen würden. Dies geschah aber nicht. Die Kinder forderten ein, dass regelmäßig gespielt wurde, gingen aber sehr achtsam mit den Materialien um. Die Eltern berichteten auch, dass die Kinder länger und konzentrierter spielten. Den Eltern wurde das Projekt als Angebot vorgestellt, alle nahmen dieses Angebot an und meldeten zurück, dass es eine positive Erfahrung war, die sie nicht missen möchten. Die Erfahrung, dass es um ihr Kind geht, dass beide, Kindergarten und Familie, das Beste für das Kind wollen, schuf ein tiefes Vertrauen – sodass eine Mutter formulierte: „Wenn Sie das sagen, machen wir das!“

Wie geht es weiter?

H. Bolte:
Das Projektteam entwickelt momentan eine modifizierte Variante der Familienschatzkisten, die mit weniger Geld und Zeitaufwand zu realisieren wäre. Es werden Sponsoren gesucht. Ganz zentral ist aber das zusätzliche Zeitkontingent, das die positive Qualitätsentwicklung ermöglicht hat.

Das Interview führte Susanne Weiss, Redaktion kindergarten Heute  

Die positiven Effekte für die Beteiligten sind:

Kind:

  • Intensivierte Beziehung zu den pädagogischen Fachkräften
  • Erfahrung von Selbstwirksamkeit
  • Öffnet sich, teilt sich mehr mit
  • Freundschaften entstehen
  • Selbstbewusstsein
  • Positive Lerneffekte
  • Wertschätzender Umgang mit dem Spielmaterial Familie:
  • Vertrauensverhältnis zu Fachkräften
  • Erkenntnisgewinn
  • Veränderte Wahrnehmung des Kindes
  • Schwierige Themen werden zur Sprache gebracht
  • Eltern und Fachkräfte ziehen an einem Strang Fachkräfte:
  • Verändertes und verbessertes berufliches Selbstverständnis
  • Kompetenzgewinn
  • Höhere Arbeitszufriedenheit
  • Engere und vertrauensvolle Zusammenarbeit im Team
  • Reflexion als Basis für das pädagogische Handeln
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