Angekommen - wie läuft's?Erste systematische Erkenntnisse zur Arbeit mit Kindern und Familien mit Fluchterfahrung

In Freiburg arbeitende pädagogische Fachkräfte haben sich dazu geäußert, was sie brauchen, um Kinder mit Fluchterfahrung und ihre Familien professionell zu empfangen und zu unterstützen.

Angekommen – wie läuft’s?
© Primalux - fotolia

Auf die Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung fühle ich mich nicht genügend vorbereitet.

113 Befragte (98,3%) haben auf einer vorgegebenen Skala von „1=trifft völlig zu“ bis „6=trifft überhaupt nicht zu“ ihr Statement zu dieser Fragestellung abgegeben. Wie die Abbildung 1 verdeutlicht, bewegt sich die Mehrheit der Befragten (54,9%, n=62) im zustimmenden Bereich (1–3). 45,1% der Teilnehmenden (n=51) haben weniger zugestimmt (4–5). Die Mehrheit der Befragten fühlt sich also nicht ausreichend auf die Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung vorbereitet. Bei einer genaueren Betrachtung der Datenlage wurde deutlich, dass sich insbesondere Mitarbeiter/- innen mit kürzerer Berufserfahrung (bis 12 Jahre) nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Eine längere Berufserfahrung (mehr als 13 Jahre) scheint dagegen mit einem stärkeren Gefühl, vorbereitet zu sein, einherzugehen.

Welche Erfahrungen liegen im pädagogischen Alltag mit Kindern mit Fluchterfahrung vor?

Die Fragen zum Erfahrungsschatz wurden nur von den Personen beantwortet, die bereits Kinder mit Fluchterfahrung in ihrer Einrichtung betreuen. Dies war weniger als die Hälfte der Teilnehmenden (48,7%, n=56). Wir hatten angenommen, dass die pädagogische Arbeit mit den Kindern für die Fachkräfte schwierig bzw. herausfordernd sei, diese Annahme konnte im Rahmen der Befragung jedoch nicht eindeutig bestätigt werden. Die Gestaltung des pädagogischen Alltags und die Zusammenarbeit mit den Eltern birgt für die Fachkräfte bisher keine großen Schwierigkeiten, lediglich die Verständigung ist – wegen fehlender Sprachkenntnisse – teilweise nicht leicht.

Was braucht es in Ihrer Einrichtung noch, um vorbereitet zu sein?

Die Befragten (n=97) hatten vielfältige Ideen und Vorschläge, welche weiteren Schritte auf der Ebene der Einrichtungen eingeleitet werden müssten, damit diese darauf vorbereitet sind, Kinder mit Fluchterfahrung aufzunehmen und professionell zu betreuen (siehe Abbildung 2).

Was fehlt dem pädagogischen Personal, um auf eine gute Aufnahme und Betreuung von Kindern mit Fluchterfahrung und deren Familien vorbereitet zu sein?

Zu dieser Frage äußerten sich 96 Befragte (92,3%). Die meisten Fachkräfte (70 Nennungen) wünschen sich mehr Informationen bzw. Fortbildungen. Des Weiteren geben 13 Befragte an, Unterstützung in Form von Fachberatung zu benötigen. Für zehn Befragte ist die innere Haltung bzw. Einstellung gegenüber der Zielgruppe ebenso ein wichtiger Aspekt.

Wenn Sie die Inhalte für eine Fortbildung mit dem Thema „Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung in Kitas“ bestimmen dürften, welche Themen müssten Ihrer Meinung nach behandelt werden?

Hier wurden am häufigsten der „Umgang mit Traumatisierung“, „kulturspezifisches Wissen“ und sonstiges „Wissen über das Thema Trauma“ genannt. Weitere Angaben können der Abbildung 3 entnommen werden.

Fazit

Obwohl das pädagogische Fachpersonal zahlreiche Bedarfe äußerte, wie z. B. dass der Personalschlüssel verbessert werden müsse oder adäquate Fort- und Weiterbildungsangebote zur Verfügung stünden, befinden sich die Freiburger Kitas in der komfortablen Situation, dass das Personal den gestellten Herausforderungen im Hinblick auf die Aufnahme von Kindern und Familien mit Fluchterfahrung mit großem Interesse und Optimismus entgegentritt. Umso wichtiger ist es, dass Träger und/oder die Politik den Fachkräften unterstützende Maßnahmen anbietet. Stehen diese Maßnahmen erst einmal noch nicht zur Verfügung, kann die Handreichung „Stärkung von Kita-Teams in der Begegnung mit Kindern und Familien mit Fluchterfahrung“1 Fachkräften weiterhelfen. Sie bietet einen guten Überblick über die Lebensumstände der von Flucht betroffenen Menschen und enthält praktische Tipps für den pädagogischen Alltag mit der Zielgruppe und weiterführende Literaturempfehlungen. Zeigt ein Kind mit Fluchterfahrung stark herausfordernde Verhaltensweisen und stoßen die pädagogischen Mitarbeiter/-innen dadurch an ihre fachlichen Grenzen, empfiehlt es sich, externe Hilfe (z. B. in Form einer Supervision) aufzusuchen. Bei der Auswahl ist darauf zu achten, dass die Person über Erfahrungen im Bereich Trauma/Traumatisierung bei Kindern bzw. über eine entsprechende Zusatzausbildung verfügt. Die Frage der Kostenübernahme sollte vorab mit dem Träger geklärt werden.      

Infos zum Forschungsprojekt Gegenstand der Studie: Wie pädagogisches Fachpersonal die Aufnahme und Betreuung von Kindern mit Fluchterfahrung wahrnimmt und was es darüber denkt.

Zielgruppe/Studienteilnehmende: Pädagogisches Fachpersonal in Freiburger Kitas; alle Berufsgruppen: Erzieher/-innen, Kinderpfleger/-innen, Sozialpädagog(inn)en, Heilpädagog(inn)en usw.

Fragestellungen: Wie fühlen sich die Mitarbeiter/-innen auf die Aufnahme der Kinder mit Fluchterfahrung vorbereitet? Welche Erfahrungen liegen im pädagogischen Alltag mit Kindern mit Fluchterfahrung vor? Welchen Bedarf hat das Fachpersonal, um im Hinblick auf die Aufnahme der Zielgruppe vorbereitet zu sein? Welche Weiterbildungsinhalte sind relevant? u. a.

Erhebungsinstrument: anonymer Selbstausfüllerfragebogen

Reichweite: 538 Fragebögen wurden an die 131 Freiburger Einrichtungen verteilt

Rücklauf: aus 44 Einrichtungen wurden 115 ausgefüllte Fragebögen zurückgeschickt

Kontext: Die Studie ist eine Masterthesis im Rahmen des Abschlusses klinische Heilpädagogik M. A.

Laufzeit: 11/2015 – 12/2015

Einordnung der Ergebnisse: Die Studie ist die erste dieser Art, daher können die Ergebnisse nicht verglichen werden. 

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