Kompetent in Sachen ForschenFähigkeiten, die Sie brauchen, um Lernprozesse von Kindern zu unterstützen

Wie die Bohne keimt und wächst, das weiß man doch … – „Vermeintlich!“, stellte Dajana Knieling fest, die spontan ein routiniertes Angebot über das Keimen von Bohnen zu einem Projekt erweiterte. Hier reflektiert sie, welche Kompetenzen sie dabei entwickelte, um Kinder bei Forschungsprozessen gut zu unterstützen.

Kompetent in Sachen Forschen
© Dajana Knieling, Neckargemünd

Dass ich mich selbst auf Entdeckungs- und Lernreise begeben würde, ahnte ich nicht, als ich nach der Fortbildung zu naturwissenschaftlicher Bildung und Literacy1 (siehe Kasten) das Angebot zum Keimen und Wachsen vorbereitete. Mein anfängliches Vorgehen war zudem routiniert und überaus alltäglich: Mit der Geschichte „Jack und die Bohnenranke“ führte ich zum Thema hin und wir säten Bohnen in Bechern. Da es Freitag war und warme Temperaturen angesagt wurden, fürchtete ich, dass die Samen in trockener Umgebung übers Wochenende nicht keimen würden. So gab ich den Kindern die Bohnen-Becher mit nach Hause – mit dem Auftrag, sie täglich zu gießen. In der kommenden Woche wollte ich dann mit den Kindern die unterschiedlichen Keim- und Wachstumsstände vergleichen. Auch ich nahm einen Becher mit.

Was in der darauffolgenden Woche passierte

Nichts geschah, keine Bohne keimte. Ich wollte das Angebot schon als Misserfolg abschreiben, da überraschte mich meine Bohne. Die hatte ich im Auto vergessen und als ich mich an diesem Tag auf den Heimweg machte, entdeckte ich im Augenwinkel etwas Grünes: Diese Bohne hatte gekeimt! Neugierig geworden fragte ich zuerst mich und dann zusammen mit den Kindern: Wie kann es sein, dass meine Bohne gekeimt hatte und die der Kinder nicht? Die Kinder waren genauso neugierig wie ich. Gemeinsam überlegten wir, wie und wo wir unsere Bohnen aufbewahrt und versorgt hatten, und diskutierten Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede.

Verschiedene Wachstumsbedingungen wurden festgehalten

Dabei kamen wir zu sehr interessanten Ergebnissen: Alle Bohnen lagen in der gleichen Erde und jeder Samen war im Kindergarten einmal gegossen worden. Aber dann gab es Unterschiede, die sich vermutlich auf das Wachstum auswirkten:

  • Wie tief ein Samen in der Erde liegt
  • Wie viel Wasser dem Samen zur Verfügung steht (feuchte, nasse, trockene Erde)
  • Standort des Bechers, in dem sich der Bohnensamen befindet (schattig, sonnig, dunkel, hell …)
  • Temperatur: warm, kalt, angenehm …

Ein komplexes Experiment folgt

Die zusammengetragenen Aspekte zeigten, wie viele Faktoren auf das Keimen der Bohnensamen wirken. Wir stellten Vermutungen an und Hypothesen darüber auf, welche Bedingungen die besten sein könnten. Dann prüften wir sie: Dafür setzten wir Bohnen unterschiedlich tief in die Erde und legten manche Samen nur in Wasser. Die in der Erde liegenden Samen gossen wir über mehrere Tage unterschiedlich stark. Außerdem stellten wir einige Becher in die Sonne bzw. in den Schatten. In den darauffolgenden Wochen war zu beobachteten, welches die besten Voraussetzungen sind.

Resümee

Bei diesem Prozess habe ich vor allem gelernt, von einem geplanten pädagogischen Angebot abzuweichen und offen zu sein für unerwartete Ereignisse und Ergebnisse. Ich habe die naturwissenschaftliche Fähigkeit entwickelt, genau zu beobachten – nicht nur das zu sehen, was zu sehen ich erwarte, sondern was tatsächlich zu sehen ist. Ich lasse mich nun besser auf eine Entwicklung ein und führe nicht zu einem Ergebnis hin, das meiner Meinung nach herauskommen sollte.

Meine Erfahrung zeigt: Für Fachkräfte, die Forschungsprozesse von Kindern gut begleiten und erweitern wollen, ist es bedeutsam, dass sie ihren eigenen Forschergeist hervorlocken. Ihn zu kennen und „zu füttern“ ist das Wichtige.
Natürlich, es braucht Mut, gemeinsam mit Kindern naturwissenschaftliche Phänomene zu erforschen, ohne die Antworten schon im Voraus zu kennen. Außerdem sind Geduld und Zeit gefragt: Die verschiedenen Wachstumsbedingungen für Bohnen nachzustellen statt den Kindern einfach die Antwort zu geben, hat viel Gelassenheit und Zeit erfordert. Und auch die Kinder mussten sich in Geduld und Beharrlichkeit üben. Unsere Frustrationstoleranz wurde auf eine harte Probe gestellt. Doch es hat sich gelohnt und daher versuche ich nun, Kinder neugierig zu machen. Ich stelle ihnen Fragen, motiviere sie, ihre Umgebung und ihre Mitmenschen aufmerksam zu beobachten. Ich lasse sie fühlen, lauschen, „Gedankenexperimente“ anstellen und rege an, Schlussfolgerungen zu ziehen und kreative Lösungen zu entwickeln. Ich bin überzeugt: Es ist von Vorteil, wenn sich Kinder und Fachkräfte im Prozess des Antworten-Findens auf Augenhöhe befinden. Durch den Zufall, dass der Bohnenkeimling in meinem Auto war und ich ihn dort vergessen hatte, wurde mein Interesse geweckt. Die Kinder konnten meine ehrliche Verwunderung spüren und dieser Funke übertrug sich. Fachkräfte sollten die Wirkung solcher Momente erkennen und verstehen. Es geht um eine besondere Art zu denken und sich die Welt wirklich aneignen zu wollen und nicht darum, ein tolles Angebot zu machen.

Verknüpfung der Bildungsbereiche Naturwissenschaften und Literacy

Die Kinder sammeln Erfahrungen mit …

  • Vorlesen und Erzählen durch das Bilderbuch „Jack und die Bohnenranke“
  • eigenen Fragen und Vermutungen: Woran liegt es, dass manche Bohnen wachsen und andere nicht? Vielleicht braucht die Pflanze mehr Wasser zum Wachsen oder mehr Sonne?
  • neuen Begriffen, wie z. B. Bohnenranke, Keimling, keimen
  • Naturphänomen: Keimen und Wachsen
  • Zahlen und Mengen: Zählen und Verteilen der Bohnen
  • Beobachtungen und deren Verbalisierung: „Meine Bohne wächst nicht/schnell/ langsam.“
  • Vergleichen: „Die Bohne von meiner Erzieherin ist gewachsen. Aber meine und die von meinem Freund nicht.“
  • Diskussionen untereinander und mit den pädagogischen Fachkräften
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