Die sexuelle Revolution und die KircheSexualitäten heute

In den letzten 60 Jahren hat sich mit Blick auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Sexualität eine atemberaubende Wandlung vollzogen. Notwendig ist heute, die Vielfalt der Lebenswelten wahrzunehmen und diese nicht nach den traditionellen Ordnungskategorien Ehe oder Sünde zu sortieren, sondern nach Gutem und Sündhaftem im Einzelnen zu suchen. Das führt dann auch dazu, dort mutig hinzuschauen, wo die menschliche Sexualität herabgewürdigt wird.

Die Anforderungen im Wettbewerb um den Ehrentitel Skandalfilm in Sachen Sex sind eindeutig gestiegen. Genügte 1951 noch der blanke Busen von Hildegard Knef in „Die Sünderin“, um die neugegründete Bundesrepublik in Wallung zu bringen, musste der dänische Regisseur Lars von Trier jetzt leidvoll erleben, dass selbst Koitusszenen in Nahaufnahme und diversen Positionen wie zuletzt in „Nymph()maniac“ keine Garantie mehr für diesen Titel sind, allenfalls in Kombination mit exzessiver Gewalt gegenüber einer Frau ließen sich noch 2009 („Antichrist“, vgl. HK November 2009, 579 ff.) einige Kritikerinnen zum Tango scandale überreden. Hildegard Knef hätte die Veränderung der Tabus gefreut, kommentierte sie doch die Reaktionen auf ihren unverhüllten Körper wie folgt: „Und das alles, nach dem, was vorher in unserem Land passiert war. Da hatte man nun etwas, wo man seine übrig gebliebenen Zähne reinhacken konnte. Die deutsche Frau entkleidet sich nicht vor Millionen.“

In der Tat hat sich in den letzten 60 Jahren in puncto Sexualität eine atemberaubende Wandlung vollzogen. Sexuelle Handlungen zu zeigen, gehört mittlerweile buchstäblich zum Standardprogramm hochpreisiger TV-Serien, die immer noch nur einen Bruchteil dessen zeigen, was im Internet jedem zugänglich ist, der das Feld der Suchmaschine auszufüllen im Stande ist. Ja, selbst die künftige konservative Bildungselite übersetzt in der Schule mit 15 Jahren Ovids Anleitung zum gemeinsamen Orgasmus aus der „Ars amatoria“.

Genießen hier die Enkel der sexuellen Revolution endlich deren Früchte im Paradies postmoderner Freiheit, an dessen Zäunen nur einige religiöse Fundamentalisten noch protestieren und Plakate gegen die „sexbesessene“ Gesellschaft hochhalten? Oder aber ist dieses Bild böse überzeichnet und sind die Vertreter der katholischen Kirche viel eher liebe Onkel, die draußen mit dem Kleidchen warten, damit sich die Kinder doch wenigstens was drüber ziehen? Nein: Spätestens bei diesem Bild bewegen wir uns auf das Tabu zu – klerikale Onkel mit Kinderkleidchen in der Hand…

Sexualität, Gesellschaft und katholische Kirche führen bis heute eine innige, hochproblematische Dreierbeziehung miteinander und gegeneinander – und frei ist keiner der drei genannten Begriffe von den beiden anderen. Allerdings haben sich die Machtverhältnisse dort zunehmend verschoben bis hin zu unserem vorhin bemühten Bild, das noch vor 100 Jahren ganz anders ausgesehen hätte: Ein wohlgeordneter Garten mit akkurat geschnittenen Büschen, in dem der Klerus als Wächter über alle Einwohner in sittsamen Gewändern patrouillierte und ab und an einen Sünder mit heruntergelassener Hose aus den schattigen Ecken hervorzerrte und ihn hinauswarf. Aber vielleicht ist es auch nur ein Vexierbild, das im Auge des Betrachters entsteht und noch ganz andere Bilder hervorbringen könnte.

Eine Zeitgeschichte der Sexualität im Spiegel der katholischen Moral

Museale und mediale Aufarbeitungen der Kultur der fünfziger und frühen sechziger Jahre boomen derzeit, gerade auch unter dem Fokus von Geschlechterrollen und Sexualität. Die augenzwinkernde Nostalgie und das fassungslose Staunen, mit denen ein junges Publikum dem Intimleben seiner Großeltern begegnet, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Zeit den letzten Höhepunkt der Epoche des Überwachens und Strafens in Sachen Sexualität darstellt und der eingangs zitierten Entrüstung über den blanken Busen im Film ein rigides Gesetzeswerk betreffend Sitte und Moral und eine noch weit rigidere christliche Sexualmoral zugrunde lagen.

Die Aufrechterhaltung des Scheins der heilen Welt, wie sie insbesondere im deutschen Sprachraum, aber auch in Italien mit Blickverweigerung auf die faschistische Vergangenheit verbissen betrieben wurde, gestaltete sich ganz wesentlich als Erhaltung und Überhöhung der heilen Familie. Diese sah man nicht etwa durch kriegs- und ideologietraumatisierte Eltern, sondern durch jede Form von alternativem Sexualleben, ja durch ein sichtbares und benanntes Sexualleben überhaupt gefährdet, was zu einer Kultur des Verschweigens, des Kriminalisierens und der Doppelmoral führte.

Die Verlogenheit in Bezug auf die eigene, unrühmliche Vergangenheit fand ein Pendant in der scheinheiligen Gegenwart sauberer Familienidylle. Sexualität wurde auch in der Öffentlichkeit unterschieden in produktive Sexualität in der rechtlich normierten Familie und alle Arten von Sexualität außerhalb dieses dafür bestimmten Ortes mit entsprechenden Sanktionen für uneheliche Mütter, Prostituierte und Homosexuelle, ja selbst für jugendliche Masturbation konnte die Einweisung in die Erziehungsanstalt drohen. Die Lehrbücher der Moraltheologie aus dieser Zeit, wie etwa die berüchtigte „Summa theologiae moralis“ der Jesuiten Hieronymus Noldin und Albert Schmitt bringen unter dem Titel „De sexto praecepto et de usu matrimonii“ den Klerikern (scho­larum usui) in Hinblick auf ihre Beichtkinder alle (und wirklich alle) Details des Sexuallebens bei, die ausschließlich ­unter dem Aspekt der Finalität (procreatio prolis) und natürlich des gottgegebenen Schamgefühls zu be- und verurteilen seien. Das Zusammenspiel medizinischer und religiöser Ordnungsinstanz führte zu einer obsessiven Befassung mit Sexualität insbesondere seitens des Klerus, deren Nachtseite erst Jahrzehnte später von den ehemaligen Beichtkindern offenbar gemacht wurde.

Es ist im Nachhinein schwierig festzustellen, welche Verlogenheit zuerst zum Protest geführt hat, die politische oder die sexuelle; ein enger zeitlicher Zusammenhang besteht in jedem Fall. Mitte der sechziger Jahre entdeckten immer mehr junge Menschen die zahlreichen Unstimmigkeiten und Leerstellen im Weltdeutungsmodell der Elterngeneration, bis schließlich einige wenige, die so genannten 68-er, ihr Unbehagen öffentlich und das Gegenteil von ihren Eltern machen wollten. Viele Regalmeter füllt mittlerweile die Literatur zu der Frage nach den Wirkungen und Nebenwirkungen der Revolution von 1968 ff. und eine eigene Abteilung nochmals die Rubrik „sexuelle Revolution“, und die wenigsten dieser Werke sind frei von Emotionen.

Die zwei Grunddeutungen lauten entweder: Diese Zeit und ihre Ideen haben überhaupt erst den heutigen, freizügigen Umgang mit Sexualität, deren Entkriminalisierung in vielen Bereichen und alternative Lebensformen ermöglicht – oder aber: Die 68-er haben die Verunsicherungen und Verwirrungen der Postmoderne im Allgemeinen und insbesondere in Bezug auf Geschlechterrollen und sexuelle Identitäten verschuldet. Es geht in beiden Auslegungen im Grunde also nicht um eine historische Darstellung, sondern um eine Erklärung der Gegenwart.

Auch die katholische Kirche hat ihr 1968. Am 25. Juli jenes Jahres wurde unter Paul VI. die Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlicht und damit der Anfang vom Ende kirchlicher Hegemonie über die Körper und Schlafzimmer ihrer Gläubigen eingeläutet. Man täusche sich nicht: Bereits jene Kapitel der sonst viel gepriesenen Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (GS; 1965), welche das Thema Ehe und Familie behandeln, legen in ihrer normierenden und zugleich spiritualisierenden Sprache beredt Zeugnis davon ab, wie weit weg die Kirche vom Leben ihrer Schäfchen, geschweige denn von gesellschaftlichen Entwicklungen entfernt war – und selbstverständlich wird bereits hier unter der heute kaum noch in diesem Sinne verständlichen Formulierung des „menschenwürdigen Vollzugs“ (GS 49) jede Art von Empfängnisverhütung ausgeschlossen.

Generalverdacht der Weltfremdheit

An der scheinbar simplen pharmazeutischen Frage der Verhütung durch hormonelle Kontrazeptiva (Pille) entzündet sich ein Diskurs über Sexualität, der gerade in seinem Bemühen, nicht einfach zu verbieten, sondern unter Aufbietung von Versatzstücken aus Moral, Psychologie, Bibel und Pastoral das Verbot als Meilenstein der Menschenwürde, insbesondere der Würde der Frau zu erklären, zur theologischen und pastoralen Bankrotterklärung der katholischen Kirche vor der beginnenden Postmoderne wird. Jegliches Sprechen über Sexualität steht fortan unter dem Generalverdacht der Weltfremdheit, Frauenfeindlichkeit und einem tiefen Misstrauen gegenüber zweckfreier sexueller Lust. Selbst bis dahin kirchentreue Katholiken und Katholikinnen begannen, anfangs noch unter schlechtem Gewissen, die Gefolgschaft in Bezug auf „Humanae vitae“ zu verweigern, ihre Kinder, sprich die Generation der ab 1970 Geborenen, wussten oft nicht einmal mehr, dass die Kirche ihnen Empfängnisverhütung eigentlich verböte.

Man kann den damaligen Verantwortungsträgern nun grenzenlose Naivität unterstellen oder aber – und weit schlimmer – eine durchaus vorausschauende Sicht auf die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte bis in die Gegenwart, die sie zu verhindern hofften. In der Tat hat die hormonelle Verhütung den Umgang mit Sexualität grundlegend verändert, ja war sie vermutlich das entscheidende Moment für den langfristigen Erfolg der sexuellen Revolution: Selbstbestimmte Sexualität ohne gesellschaftliche Sanktionen, wie sie die männlichen Anführer der 68er demonstrativ lebten, wurde für Frauen in der Praxis erst durch die Pille möglich, ebenso wie eine aktive Lebensplanung halbwegs auf Augenhöhe mit Männern und Lebensmodelle, wie sie zuvor dem anderen Geschlecht vorbehalten waren.

1968 wäre für die Kirche die letzte Chance gewesen, sich in den gesellschaftlichen Diskurs nicht nur einzuklinken, sondern ihn mit einer neuen Anthropologie von Geschlechterrollen und Körperlichkeit mitzugestalten. Doch statt dessen folgte ein defensives Schreiben nach dem anderen, von „Familiaris consortio“ (1981) bisMulieris dignitatem“ (1988) lesen sie sich alle wie aggressiv-resignative Realitätsverweigerungen, deren besonderes Merkmal oft genug war und ist, unter dem Deckmantel der Sorge um die Familie den neuen Umgang mit Sexualität zu verurteilen. Selbst den konservativen Backlash der achtziger Jahre, der wesentlich durch die Entdeckung und Ausbreitung von AIDS (und wohl auch ein wenig in geistiger Verwandtschaft überforderter Männer mit den Verfassern der Pillenenzyklika) befördert wurde, konnte die katholische Kirche nicht nutzen: Kondome, allenthalben als einzig wirksamer Schutz gegen die unheilbare Krankheit propagiert, kategorisch zu verbieten und statt dessen zur sexuellen Enthaltsamkeit und ehelichen Keuschheit aufzurufen, wurde von der Öffentlichkeit und auch von nicht wenigen kirchlichen Mitarbeitern nun endgültig nicht mehr als naiv, sondern als zutiefst zynisch und menschenverachtend empfunden.

Seit der Verweigerung von 1968 haben sich die Kirche und mit ihr große Teile der Theologie aus dem Spiel genommen und kommentieren die vielfältigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Diskurse rund um das Thema Sexualität aus ebenso sicherer wie nutzloser Entfernung, selbst der Aufmerksamkeitsfaktor für besonders weltfremde Sprüche wurde seit den achtziger Jahren sukzessive geringer, sodass mittlerweile das unter Moraltheologen kursierende Diktum „Niemand fragt. Kirche antwortet“ wohl weitgehend Gültigkeit hat.

Aber ist das ein Schaden? Nein, wenn man von einem Perpetuieren der offiziellen Lehre und entsprechender Stellungnahmen ausgeht, hierzu gilt nach wie vor die Schadensmeldung von Kardinal Carlo Maria Martini aus dem Jahr 2008 (http://chiesa.espresso.repubblica.it/articolo/209045?eng=y). Ja, wenn Hoffnung besteht, Theologie und Kirche auch in ihrem Denken und Lehren wieder der Lebensrealität anzunähern und sich mit dieser diskursiv, anstatt normativ auseinanderzusetzen.

Es sind sehr unterschiedliche Lebensrealitäten und dementsprechend auch Sexualitäten, denen wir begegnen. Allein daran muss katholisches Sprechen über das gegenständliche Thema scheitern, wenn es weiterhin in der Dualität von der kirchlichen Ehe als einzig legitimem Ort von Sexualität und allen anderen Formen sexueller Erfahrung als schwerer Sünde (vgl. Katechismus der katholischen Kirche III,2,2, Art. 6, Nr. 2351–2355) verharrt. Dann noch ernsthaft über das Verbot von Verhütung in der Ehe zu verhandeln, ist wirklich entbehrlich. Die wilde Ehe und freie Liebe, vor denen doch „Gaudium et spes“ so eindringlich warnte, sind in weiten Teilen auch des katholischen Europa, oft in wechselnden Partnerschaften, längst zur üblichen Lebensform geworden, und wo Ehen geschlossen werden, ist es nicht selten die zweite für einen oder beide Beteiligten – und nicht immer sind die Vertreter dieser Formen des Zusammenlebens verschiedenen Geschlechts.

Dass derartige Variationen von immer mehr Menschen, selbst Parteigängern christlich-konservativer Blöcke, akzeptiert oder zumindest schulterzuckend toleriert werden, mag auch daran liegen, dass gelebte Sexualität von ihrer strengen Finalität der Fortpflanzung entkoppelt erlebt wird und nicht-reproduktive Praktiken längst das Stigma der Perversion verloren haben.

Ein glücklicher Garten der Lüste also, in dem alle von jeglichem Tabu befreit ihren Trieben frönen können? Nicht ganz. Zweifelsohne wird heute in der Öffentlichkeit mehr über verschiedene Formen und Praktiken von Sexualität gesprochen und werden diese auch mehr gelebt als vor 50 Jahren; viele Tabus sind gefallen. Andere sind aber erst entstanden und ihr Bruch erregt nicht viel weniger als einst der blanke Busen im Nachkriegsfilm. Es sind gerade die Forderungen der sexuellen Revolution, welche neue Normen und Tabus haben entstehen lassen, allen voran jene rund um das erotisch aufgeladene Machtverhältnis der Geschlechter.

War Gewalt gegenüber Frauen selbst (und vielleicht gerade) in katholisch goutierten Filmen ein selbstverständlich legitimes Mittel des Mannes, diese für Haus und Bett gefügig zu machen und Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand bis in die neunziger Jahre unbekannt, so gilt sexuelle Gewalt heute weithin als Schande für den Mann. Mehr noch, selbst hierarchische Gewalt oder auch nur deren Andeutung, eingesetzt aus sexuellem Interesse, wird zumindest bei politischen Verantwortungsträgern nicht mehr toleriert, wie der tiefe Fall von männlichen Politikern in der jüngsten Vergangenheit dies- und jenseits des Rheins vor Augen führt.

Die jüngst medial öffentlich gemachte weibliche Lust an erotischen Unterwerfungsspielen à la „Feuchtgebiete“ (vgl. HK, November 2008, 562 ff.) und „Shades of Grey“ ist letztlich die Bestätigung dafür, dass Sexualität zwischen den Beteiligten auf einer Übereinkunft zwischen Gleichgestellten basiert, die Dominanz und Unterwerfung aushandeln, nicht aufgrund gott- und staatsgegebener Normen hinnehmen – und schon gar nicht aus dem Bett in das restliche Leben von Wirtschaft und Politik übertragen müssen.

Übereinkunft setzt freilich Diskurs voraus und dieser wiederum Streit- und Kritikfähigkeit sowie eine hohe Frustrationstoleranz. Letztere bringen nicht alle Zeitgenossen verschiedener Geschlechter gleichermaßen mit, sodass die Versuchung zu einer Nostalgie für die „gute alte Zeit“, als Sex noch gemacht und nicht geredet wurde und vor allem die Definitionsmacht von Lust und Begehren beim heterosexuellen Mann lag, groß ist – zumal bei jenen, die diese Vergangenheit nie selbst kennengelernt, wohl aber die Nebenwirkungen der neuen Unübersichtlichkeiten wie Scheidungen, Patchworkfamilien und mütterliches Multitasking von klein auf erfahren haben.

Das wohl härteste Tabu im Bereich der Sexualität, dessen auch nur vermutete Übertretung nicht nur rechtlich, sondern auch medial mitleidlos geahndet wird, ist die Konfrontation von adulter Sexualität und Kindheit. Wurde noch in den achtziger Jahren (zumindest in Österreich) im Schulunterricht sehr freimütig und mit leicht anzüglichem Grinsen über die einschlägigen Bildsammlungen hochgelobter Schriftsteller erzählt, enthebt heute derartiges kinderpornographisches Material (egal, ob tatsächlich pornographische Szenen oder „nur“ unbekleidete Kinder zu sehen sind) den Sammler jeglicher Berechtigung auf literarische oder menschliche Sympathie.

Natürlich steht hinter der wütenden Verteidigung kindlicher Unschuld auch eine Sehnsucht nach dem selbst verlorenen Paradies der Kindheit und wird das Kind zur Projektionsfläche zeitgeistiger Wünsche und Defizite, wie auch in anderen Zusammenhängen Psychiater und Pädagogen nicht müde werden zu betonen. Gerade wenn es um Sexualität geht, radikalisiert sich hier aber auch der oben angesprochene grundlegende Wandel von einem hierarchisch normierten zum gleichberechtigt konsensualen Verständnis: Nicht mehr die erwachende kindliche Sexualität ist schmutzig, wie es jahrzehntelange Masturbationsverbote drastisch propagierten, sondern das Ausnutzen der Macht des Erwachsenen gegenüber einem noch nicht konsens- und diskursfähigen Gegenüber.

Verbieten, retten oder doch hinsehen?

Die katholische Theologie und noch mehr die Kirche haben noch immer arge Orientierungsprobleme in der neuen Topographie des Gartens der Lüste und vor allem mit ihrer Rolle dort. Der großen Kränkung des Autoritätsverlustes folgte die Infragestellung der eigenen moralischen Prinzipien, ja sogar der Vorwurf, nicht Hüter, sondern Zerstörer der Bewohner des Gartens gewesen zu sein. Das Problem reicht aber noch tiefer. Das kirchliche Verständnis von Sexualität fußt noch immer in einer Ge- und Verbotsmoral, die Sünde über das Einhalten bestimmter Ordnungsstrukturen definiert, die aus einem anderen historischen und kulturellen Kontext stammen.

Diesen selbst um den Preis des Verlustes an Gläubigen zu perpetuieren, war lange die einzige offizielle Strategie und prägte die öffentliche Wahrnehmung von Kirche und Theologie zum Thema Sexualität als ein großes „Du darfst nicht!“. Parallel dazu bildeten sich immer mehr Gruppen unter dem Schlagwort der „kleinen Herde“, die eine vermeintliche Rettung aus der bösen Welt der sexualisierten Postmoderne anboten, gewissermaßen große Scheuklappen oder gar eigene abgezäunte Areale für jene, die zwar im Garten der Lüste bleiben, aber das sündhafte Treiben rundherum möglichst wenig sehen wollten, den Blick starr auf die ehemaligen Wächter jenseits des Zaunes gerichtet.

Eine dritte Option, die zaghaft von immer mehr Theologen beiderlei Geschlechts ins Auge gefasst wird, ist das genaue Hinsehen. Dabei könnte sich rasch herausstellen, dass manche Entwicklungen in der vermeintlich so sündigen Welt von heute Grundanliegen der christlichen Anthropologie sind: Die Anerkennung des anderen als gleichwertiges Gegenüber, nicht als Lust- und Herrschaftsobjekt, die Diskursfähigkeit, die Eigenverantwortlichkeit als Wert vor Pflicht- und Gebotserfüllung und anderes mehr sind Versprechen der Evangelien, die auch dann gelten, wenn sie für so weltlich Ding wie die Sexualität eingesetzt werden.

In diesem Sinn sollten wir froh sein, wenn der blanke Busen (von dem wir traditionell biblisch einmal annehmen, dass ihn auch Gott geschaffen hat) nicht mehr als Skandal empfunden wird, die Sympathiekundgebung für ein mörderisches Regime aber sehr wohl.

Hinsehen hieße auch, die Vielfalt der Lebenswelten zu erkennen und diese nicht nach den traditionellen Ordnungskategorien Ehe oder Sünde zu sortieren, sondern nach Gutem und Sündhaftem im Einzelnen zu suchen. Hinsehen könnte schließlich noch dazu führen, die wirklichen dunklen Ecken im Garten zu sehen und dort mutig hinzugehen, wo die menschliche Sexualität tatsächlich herabgewürdigt wird, in Zwangsprostitution und Kindesmissbrauch, in noch immer bestehenden Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen.

Ob die Welt heute eine kirchliche Umfrage zum Thema Ehe und Familie und hinter diesem Begriff verborgen zum Umgang mit Sexualität braucht? Eine Theologie und Kirche, die zuerst einmal die Fragen hört, bevor sie Antworten gibt, könnte nicht schaden.

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