Empfehlungen zum Management des StrukturwandelsEin neues Ehrenamt für die Kirche

Die Arbeit ehrenamtlich Engagierter stellt eine wichtige Ressource für die Funktionsfähigkeit kirchlicher Strukturen dar. Gleichzeitig befindet sich die Kultur der Ehrenamtlichkeit insgesamt in einer tiefgreifenden Transformation.

Bunte Handabdrücke
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In einem kürzlich geführten Forschungsinterview brachte eine Ehrenamtskoordinatorin des Erzbistums Paderborn den aktuellen Wandlungsprozess des Ehrenamts auf den Punkt: „Leute, die sich für einen langen Zeitraum oder für was Undefiniertes engagieren, gibt es auch noch, aber das wird immer weniger. Das kenne ich eigentlich so gar nicht mehr.“

Die Arbeit ehrenamtlich Engagierter stellt eine wichtige Ressource für die Funktionsfähigkeit kirchlicher Strukturen von der Gemeinde über die Pfarrei bis in Verbände und Einrichtungen dar. Unter den Bedingungen abnehmender finanzieller Spielräume und der Verringerung des hauptamtlichen Personals liegt ein wachsendes Gewicht auf der Arbeit und den Kompetenzen der Ehrenamtlichen. Zugleich befindet sich die Kultur der Ehrenamtlichkeit in einer tiefgreifenden Transformation, die ein neues Selbstverständnis, neue Bedürfnisse und Engagementformen hervorbringt.

Während die Rahmenbedingungen im kirchlichen Feld lange Zeit auf eine dauerhafte Bereitschaft zur Übernahme oft unspezifischer und bei Bedarf erweiterbarer Aufgaben ausgelegt war, formiert sich heute der Wunsch nach präzisen und zeitlich eingegrenzten Zuständigkeiten.

Dieser Strukturwandel vom „traditionellen“ zum „neuen“ Ehrenamt, den Gabriele Denner in Bezug auf Kirche diagnostiziert hat („Traditionelles“ und „neues“ Ehrenamt. Der Strukturwandel des freiwilligen Engagements, in: Denner [Hg.], Hoffnungsträger, nicht Lückenbüßer. Ehrenamtliche in der Kirche, Ostfildern 2014, 37–49) findet in allen gesellschaftlichen Teilbereichen statt: Sportvereine, Quartiersentwickler und Musikschulen stehen vor der gleichen Situation eines gewandelten Ehrenamtsverständnisses. Aus dieser Situation ergeben sich Reflektions- und Lernprozesse, in denen die Kirche nicht alleine dasteht.

Die Ansprüche des „neuen“ Ehrenamts können als Anlass und Motivation für einen organisatorischen Wandel dienen, der, auch jenseits der unmittelbaren Einsatzgebiete der Ehrenamtlichen, Partizipationsformen, Organisationskultur und Qualitätsmanagement der Kirche weiterentwickelt. Vor dem Hintergrund der Überlegung, dass der Strukturwandel des Ehrenamts als Ressource der organisationsbasierten Kirchenentwicklung verstanden werden kann, führte das Team des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap) im vergangenen Jahre in Zusammenarbeit mit dem Erzbistum Paderborn ein Forschungsprojekt durch: Auf Grundlage einer quantitativen Befragung von über 500 ehrenamtlich Engagierten sowie Interviews mit ausgewählten Ehrenamtskoordinatorinnen und -koordinatoren wurden Erkenntnisse und Strategien zur bestmöglichen Förderung des Ehrenamts abgeleitet.

Aus der einschlägigen Forschungsliteratur sowie auf Basis dieses Projekts werden zudem die umfänglichen Aspekte des Strukturwandels ersichtlich; es handelt sich nicht um ein neues Detail oder einen kurzfristigen Trend, sondern um eine richtungsweisende Umwälzung: Strukturell einschneidend ist die Transformation von der langfristigen, prinzipiell unbegrenzten Verpflichtung zu genau definierten, teils projektförmigen Aufgaben. Daraus ergibt sich ein Veränderungsdruck auf die Arbeitsorganisation, Aufgabenteilung und Arbeitskultur. Dieser Druck trifft nicht nur auf den Strukturkonservatismus der kirchlichen Sozialgestalt, sondern teils auch auf Beharrungskräfte auf Seiten der traditionell Engagierten: Im Erzbistum Paderborn beispielsweise sind die Ehrenamtlichen im Durchschnitt seit 25 Jahren und überwiegend in den klassischen dauerhaften Engagementformen aktiv.

Wunsch nach Gemeinschaft und Selbstverwirklichung

Zwischen den Formen und Trägerinnen sowie Trägern des Ehrenamts muss also ein produktiver Ausgleich geschaffen werden, der beiden Hintergründen und Motivationen wertschätzend begegnet und ihnen auf organisatorischer Ebene gerecht wird. Da sich der Veränderungsdruck unter anderem aus einem Generationenwechsel speist, ist ein sensibler Umgang mit der aktuellen Übergangssituation notwendig, der nicht die Dringlichkeit des Umdenkens verkennt.

Zum Stichwort Motivation ist zu unterstreichen, dass traditionelles Ehrenamt primär aus Zugehörigkeit, etwa zu einer Gemeinde, oder aus einem Gefühl der Verpflichtung, etwa gegenüber hilfsbedürftigen Personengruppen, erwachsen ist. Die Motivation der neuen Ehrenamtlichen hingegen speist sich aus dem Wunsch nach Gemeinschaft und Selbstverwirklichung. Vor allem letzterer Faktor erfordert eine veränderte Haltung zur Positionierung und Funktion des Ehrenamts in kirchlicher Organisation: Statt Menschen für bestehende Aufgabenprofile zu suchen, im schlimmsten Fall mit ehrenamtlichen Ressourcen Lücken zu stopfen und den Selbstzweck „Bestehendes um jeden Preis am Leben erhalten“ zu bedienen, müssen die Wünsche und Fähigkeiten der Engagierten im Fokus stehen.

Unter den Stichworten der Potenzialentfaltung und Charismenentwicklung wird der oder die ehrenamtlich Engagierte selbst zum Ausgangspunkt der Aufgabenbestimmung, die den Maximen der bestmöglichen Nutzung der individuellen Gaben und Kompetenzen und damit letztlich der Selbstverwirklichung dient. Von dieser Selbstverwirklichung profitieren, wie es auch aus dem Begriff des Charismas bei Paulus herausgelesen werden kann, letztendlich die Gemeinde und die Allgemeinheit insgesamt.

Gewöhnung an demokratische Kultur der Mitbestimmung

Der Strukturwandel des Engagements stellt die Machtverteilung, Entscheidungsfindung und den Umgangston kirchlicher Strukturen in Frage: „Es gibt Personen, die sehr autoritär sind. Das möchten viele nicht, so einen autoritären Umgang. (...) Es hat auch mit der Struktur zu tun. Kirche ist nun mal ein hierarchisches System.“ So fasst eine andere Ehrenamtskoordinatorin das Unbehagen und die Irritation vieler neuer Ehrenamtlicher beim Kontakt mit Kirchenvertreterinnen und -vertretern zusammen.

Dem steht eine gesamtgesellschaftliche Gewöhnung an eine demokratische Kultur der Mitbestimmung und Anerkennung, etwa auch im Bereich der Nichtregierungsorganisationen, entgegen. Die Ehrenamtlichen treffen mit ihrem Wunsch nach Partizipation, selbstbestimmtem Arbeiten und Gestaltungsfreiräumen auf eine autoritäre Struktur. Paradoxerweise findet mitunter eine Übernahme von Verantwortung durch Ehrenamtliche statt, die nicht notwendig durch Mitspracherecht und einen adäquaten Informationsfluss ergänzt wird. Entscheidungsbefugnisse sind oft nicht klar zugeordnet, intransparent und zu unflexibel, um etwa die Erprobung neuer Ideen zu ermöglichen.

Dabei ist zu betonen, wie auch im oben stehenden Zitat deutlich wird, dass nicht der individuelle Führungsstil oder der persönliche Umgang Ziel der Kritik sind. Verändern muss sich Kirche als System, um von den Ehrenamtlichen als produktives und selbstwertsteigerndes Arbeitsumfeld und zugleich befähigender und freudvoller Möglichkeitsraum wahrgenommen zu werden. Ehrenamt bedeutet, dass Menschen freiwillig ihre Freizeit investieren; ernst genommen zu werden. Spaß zu haben und die Arbeit als erfüllend zu erfahren, sind daher selbstverständliche Anliegen.

Zur Transformation des Ehrenamts gehört eine Veränderung der soziokulturellen Zusammensetzung der Engagierten, die mit einer thematischen Ausweitung einhergeht. Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass die kirchlich Engagierten überwiegend Frauen aus der Generation der Babyboomer sind, die aus den traditionellen kirchlichen Milieus stammen. Diese Generation steht momentan am Renteneintritt und bringt die notwendige Zeit für das Ehrenamt mit. Auch außerhalb des kirchlichen Raumes ist Zeitmangel eines der größten Hindernisse für ehrenamtliches Engagement. Vor und nach der Berufslaufbahn ist daher grundsätzlich eine erhöhte Aktivität zu verzeichnen. Flexible und projektförmige Arten des Engagements sind der Schlüssel, um Menschen in allen Lebensabschnitten die Mitarbeit in kirchlichen Räumen zu ermöglichen.

Um Jugendliche zu erreichen, aber auch um Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe zusammenzubringen, sollten neue Bereiche des Engagements erschlossen werden. Passende Ideen bestehen bereits auf Seiten der Ehrenamtskoordinatorinnen und -koordinatoren: „Mit Klima könnte Engagement noch enger verbunden werden: Klimawandel hat ein großes Engagementpotenzial, aber natürlich sind wir wieder die Letzten, die sich da Gedanken zu machen. Und es ist schade, dass wir nicht die Ersten sind, die sagen, wir müssen Gottes Schöpfung bewahren.“

Eine theologische Neudeutung ist notwendig

Die Besonderheit kirchlicher Ehrenamtskultur liegt unzweifelhaft in den genuin religiösen Motiven, die für die Aktiven auf zwei Ebenen eine große Rolle spielen: Während in Studien, die gesamtgesellschaftliches Engagement untersuchen, religiöse Motivationen eine eher untergeordnete Rolle spielen, zeigen sich die Bedeutung des Glaubens und des Eintretens für christliche Werte als zwei der wichtigsten Gründe für ehrenamtliches Engagement in der Kirche. Gleichzeitig wünschen sich die Engagierten, dass ihre Arbeit in christliche Sinngebung eingebettet ist, Raum für religiöse Praxis vorsieht und ein Ausleben der eigenen Religiosität ermöglicht.

Vor allem diese Wünsche äußern primär die Engagierten der älteren Generationen. Der Struktur- und Generationenwandel des Ehrenamts macht also mittelfristig auch eine theologische Neudeutung, eine aktualisierte religiöse Semantisierung und deren Umsetzung in neue Formen der Praxis notwendig, die eine adäquate biografische und sinntragende Einbettung ermöglichen. Eng damit verknüpft ist der Befund, dass die Öffnung des Engagements über konfessionelle Grenzen hinweg an vielen Stellen bereits Realität ist.

Durch die beginnende Abbildung gesellschaftlicher Diversität profitiert die ehrenamtliche Arbeit nicht nur zahlenmäßig, sondern auch durch die Vielfalt der eingebrachten Perspektiven, Lebenswelten und Erfahrungsräume. Auch wenn diese Öffnung durch die Kopplung von Ämtern an Kirchenzugehörigkeit begrenzt ist, ist eine nicht notwendige, aber mögliche Folge, dass das katholische Profil des Engagements stellenweise in den Hintergrund tritt. Da die religiösen Motive nach wie vor eine wichtige Rolle spielen, muss erkundet werden, wie die Öffnung gelingen kann und den Bedürfnissen der religiös motivierten Engagierten zugleich Rechnung getragen wird.

Aus den referierten Beobachtungen zum neuen Ehrenamt lassen sich konkrete Empfehlungen für dessen bestmögliche Förderung ableiten. Die Zukunft liegt in der Verwirklichung eines konsistenten Qualitäts- und Managementsystems, das im neuen Ehrenamt den zukunftsweisenden Typus erkennt und ihn konsequent fördert. Bestandteile dieses Systems sind Aufgabenbeschreibungen und Qualitätskennziffern für die Einsatzbereiche der Engagierten, die Aufstellung von Wirkungszielen und Ressourcenbedarfen für ihre hauptamtliche Begleitung sowie die Verwirklichung einer partizipativen und transparenten Leitungskultur.

Aufbau neuer Berufsbilder

Innerhalb der kirchlichen Strukturen muss eine personelle Trägerbasis zur Realisierung dieses Systems etabliert werden: Dies umfasst etwa den Aufbau neuer Berufsbilder wie Ehrenamtskoordinatorinnen oder Potenzialentdecker sowie die Entwicklung der zugehörigen Professionalitätskompetenzen und die Einrichtung von diesbezüglichen Aus- und Weiterbildungen. Zudem müssen diese Kompetenzen in bestehende Berufsbilder eingebaut und durch Feedback sowie Controlling abgesichert und weiterentwickelt werden.

Das Ehrenamtsmanagement nutzt das innovierende Potenzial des neuen Ehrenamts und richtet sich aus auf neue Akteure jenseits der klassischen kirchlichen Milieugrenzen, auf neue Inhalte jenseits der eingeübten Engagementsektoren, auf neue Allianzen, die kirchliches Engagement mit außerkirchlichen Akteuren vernetzen, sowie auf neue Einsatzzeiten jenseits der kirchlichen „Normalbiografie“.

Letztlich muss das Engagement in einer aktualisierten und neu kommunizierten Identität des Christseins fundiert werden, die progressive Bilder von Kirche und Gemeinde in den Menschen aktiviert, indem theologische Narrationen neu entdeckt werden.

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