Der neue Anfang als Grundmotiv Romano Guardinis„Die Welt wird immerfort“

Am 16. Dezember 2017 wird in München das Seligsprechungsverfahren für Romano Guardini eröffnet. Für den Philosophen ist die Schöpfung nicht abgeschlossen. Die Welt ist aus Gottes Kraft und durch die Mitwirkung des Menschen immer im Werden – bis zu ihrer endgültigen Erlösung und Neuschöpfung hin.

Romano Guardini
© KNA-Bild

Er hat es vielen verschwiegen, wie tief er Gott den Vater angebetet hat, und wie vertraut ihm die Schönheit Christi war“, bezeugt der Freund Heinrich Kahlefeld von seinem Lehrer Romano Guardini. Und wie Vielfalt und Tiefe der Arbeiten Guardinis beweisen, leuchtet in dieser gespannten Haltung Großes auf. So stellt sich immer wieder die Frage, worin die einzigartige Thematik dieses Werkes besteht, worin seine Grundanschübe liegen, warum es unterschiedlichste Menschen – und in welcher Zahl! – mitnahm, in welchem Ziel es sich bündelt.

Der hier unterbreitete Vorschlag lautet: Guardini hat Gott als Kraft des Werdens gedacht und erfahren. Als dreimalige Kraft des Anfangs, ungeheurer Initiative: als Anfang der Schöpfung, erschütternder aber noch als Anfang der Erlösung – „größer als die Schöpfung“: „Und wenn schon das Schaffen, welches macht, dass das Nichtseiende werde, ein undurchdringliches Geheimnis ist, so ist allem Menschenblick und Menschenmaß vollends entrückt, was das heißt, dass Gott aus dem Sünder einen Menschen macht, der ohne Schuld dasteht. Es ist ein Schöpfertum aus der reinen Freiheit der Liebe. Ein Tod liegt dazwischen, eine Vernichtung (... Gottes) Unbegreiflichkeit trifft das Herz“ (Der Herr. Betrachtungen über das Leben und die Person Jesu Christi, Würzburg 1937, 168–169). Alles übersteigend ist noch ein dritter Anfang angekündigt: apokalyptisch, das heißt: das gesamte Dasein aufdeckend, wenn der Menschensohn kommen wird, um Erde und Himmel neu zu schaffen.

Von diesem zweiten, dem „anderen Anfang“ her wird das Werden des Menschen skizziert, der sich in das „Werk“ Gottes einsetzen lässt: in die Erlösung und Umwandlung der Welt auf die Apokalypse hin. Das „Werk“ wird zum Losungswort, auf dem die Arbeit von Burg Rothenfels fußte. Es gab die Hefte mit dem Titel „Gottes Werkleute“, die „Werkwochen“, den „Werkkreis“, den „Werkbund“; Rudolf Schwarz gab 1938 ein „Zeitbuch“ namens „Betendes Werk“ heraus. Auf diesem Losungswort fußte Guardinis lebenslange Ausfaltung der christlichen Existenz; es wurde zur Programmatik, in dessen Bewegtheit und eschatologischen Weitblick Guardini die Jugend und die Hörer an der Universität mitnahm.

Im Werden des Neuen liegt Freiheit, in der Freiheit entscheidet sich Schicksal, und Guardini wagte es, vom Schicksal Gottes am Menschen zu sprechen (Der Herr, 18–19), der ihn zur Freiheit bestimmt hatte. Auch Adam und Eva waren mit drei paradiesischen Aufträgen zum Werk vorgesehen; sie verfehlten es aber. Dennoch besteht die Aufgabe fort und muss erschwert fortgeführt werden, allerdings neu ermöglicht und unterfangen durch die Initiative Christi. Daraus erhob sich lebendig die Passion – Leiden und Leidenschaft – Gottes, und darin wurde auch der Mensch entscheidend, der sich in den Lichtraum seiner Initiativen stellt. „Gott ist gar nicht so, dass er eine fertige Wirklichkeit und auszuführende Forderungen entgegenstellt. Sondern er hat die Fülle der fordernden Wirklichkeit und zu erratenden, mit rechter Initiative u. Schöpfersch[aft] zu erfassenden Möglichkeit erzeugt. Die Welt wird tatsächlich so, wie der Mensch sie macht“, schreibt Guardini in einem Nietzsche-Entwurf der Dreißigerjahre (Archiv Mooshausen).

Bis zu Guardinis letztem unvollendeten Werk „Die Existenz des Christen“ läuft die Frage mit, zu welcher Umgestaltung denn das christliche Bewusstsein und Tun herausgefordert und befähigt seien. Von dieser Neuwerdung aus ist Guardinis Theologie nicht zuerst Anthropologie, sondern zuerst Rede vom göttlichen Logos, zuerst Rede von der Offenbarung, zuerst Rede von ihrem sich ungenötigt mitteilenden Geheimnis.

„Werden“ geschieht bereits im rechten Gebet: „Etwas von Christus zu erkennen oder in der Nähe des Herrn zu weilen, ist in sich schon ein heiliges Geschehen. So oft irgend ein Zug seiner heiligen Gestalt lebendig wird, oder ein Wort von Ihm uns berührt, bedeutet schon das ein inneres Werden“ (Vorschule des Betens, Mainz 1948, 172). Christus ist die Sichtbarkeit Gottes; weder der Vater noch der Geist sind für uns anschaulich. Aber in Christus kann Gott gesehen werden – und der Mensch begreift sich selbst neu. Im offenbaren Gott wird sich der Mensch offenbar.

Zwei erste Anfänge

Aus der Offenbarung steigt Unergründliches auf: das Geheimnis des neuen Anfangs. Gott selbst ist Anfang: bereshit und arche, wie die Genesis und der Johannesprolog identisch formulieren. Zu welcher geheimnisvollen Fähigkeit ruft die Anfangskraft die erstgeschaffenen Menschen?

„Damit ist gesagt, dass der Mensch aus der Welt hinaus in Gottes Höhe, und von Gott her in die Tiefe der Welt hinein gebaut ist. Ein wunderbares und furchtbares Dasein. Nach der Weise der Brücke ist der Mensch gebaut. Er ist kein Naturwesen, aber auch kein Engel. Ein Entwurf auf etwas Ungeheures hin, ein Plan zu einem Werke göttlicher Schöpfermacht. Den ersten Menschen aber ahnen wir als ein wunderbares Geheimnis unberührter Frische, reiner Kraft, leuchtender Schönheit, aller Verheißungen voll. (...) Als große herrliche Wesen. Sie müssen etwas von dem an sich gehabt haben, was man nachher ‚Götter‘ genannt hat, etwas von anderswoher Kommendes, etwas Mythisches. Sie hätten uns wohl erdrückt durch die Mächtigkeit ihrer Existenz. (...) Es ist etwas sehr Tiefes, wenn der Gedanke der ersten Menschen wirklich lebendig wird...“ (Gestalten aus der Heilsgeschichte. Fünf Morgenbetrachtungen, in: Burgbrief 2 [1933], 17 ff.). Aber eben diese Größe war Anlass der Versuchung: Nicht weil der Mensch klein gehalten, sondern weil er groß gedacht war, fiel er.

Alles Werdende hat seinen Ursprung in der Lebendigkeit des Logos, der schaffend anruft, Welt durchstrahlt, zur Begegnung anbietet. Gott ist nicht einfach statisch erfasstes „Sein“, er ist mehr als das: „Keinen Begriff kann man auf Gott ohne weiteres übertragen, nicht einmal das ‚esse‘ in seiner einfachsten Form. Das Sein bedeutet bei Gott etwas anderes“, so Guardini laut Mitschrift in einer Berliner Vorlesung vom Wintersemester 1925/1926. Immer schon ist göttliches Sein Wirken und Wirklichkeit, Bewegung und Tun, mit dem johanneischen Wort: Leben, zoe. Aus der Menschwerdung des Logos erhebt sich noch erschütternder, tiefer bewegend die neue „zweite Schöpfung“, der „neue Mensch“: „Was heißt Glauben? Aus Christus heraus, aus seinem Worte, aus seinem Bilde, aus seinem Leben, aus der Kraft seines erlösenden Todes und seiner Auferstehung überzeugt sein, dass die Welt nicht ist, wie sie sichtbar scheint. Sie ist auch das, aber zugleich mehr als das. Sie ist nicht darin versiegelt, sondern durch die Erlösung ist in ihr ein neuer Anfang geschehen. Von dorther geht eine zweite Schöpfung vor sich. Der Glaube aber hat es daraufhin gewagt und hält fest, dass dieses Werden der neuen Schöpfung sich in jedem Menschen vollziehen kann, durch jedes Wort, durch jedes Geschehen. Quer durch alles hindurch vollzieht sich das Werden des neuen Menschen, der gebildet wird nach dem Bilde Christi, auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes hin. Der Glaubende aber stellt sein lebendiges Sein diesem Werden zur Verfügung. Er nimmt es in seine Verantwortung auf. Er selbst wirkt es, ‚zusammen‘ mit Gott. Denn es soll sich ja nicht bloß an ihm zutragen, sondern es kann sich nur durch Freiheit verwirklichen; wohl von Gott gewirkt, aber im lebendigen Wollen und Wirken des Menschen, das heißt, in seinem Glauben“ (Karl-Heinz Schmidthüs [Hg.], Christliche Verwirklichung, Rothenfels 1935, 5).

Und der schauerliche Fall in die Sünde? Vor dem neuen Freiwerden und Mitwirken des Menschen liegt die Tragödie Gottes, liegen die Stunden von Gethsemane und Golgotha. „In der Angst Christi bricht sie (die Sünde) zur letzten, furchtbarsten Klarheit durch. Sie ist es, wovor Gottes Sohn das Grauen dieser Stunde empfindet“ (Der Rosenkranz Unserer Lieben Frau, Würzburg 1940, 57). Aber: „Eine Art des Aufarbeitens wäre unser Verlorensein gewesen, dadurch, dass die Welt ins Nichts geschleudert worden wäre. In der griechischen Mythologie gibt es eine Ahnung davon, dass Gott so hätte sein können. Gott aber hat ein Herzensband geknüpft zwischen sich und den Menschen. So ist er bis in den innersten Raum meines Daseins gegangen, der der vorbehaltenste zu sein scheint: bis in den Raum meiner Verantwortung. (...) In dem Maße ist Gott zu uns gekommen, dass Christus sagen kann: Deine Sünde ist meine Sünde, meine Sühne ist Deine Sühne; meine Heiligkeit gehört Dir“, so Guardini in einem Vortrag 1932 (Archiv Gerl-Falkovitz).

Die Welt ist nicht fertig

Wieder in die Offenheit Christi gestellt sind Welt und Mensch einander zutiefst verwandt: in Ursprung, im Fall, im Erlöstsein, in der pneumatisch zu wirkenden Zukunft. Aber all diese Dynamiken geschehen nicht über den Kopf des Geschöpfes hinweg. Christlich formuliert: In der Begegnung gerade des erlösten Menschen mit der Welt geschieht eine Inkarnation, die Inkarnation eines noch nicht Dagewesenen. „Die Welt ist nicht fertig. Und nicht nur deshalb, weil sie sich noch weiterentwickeln, Dieses und Jenes werden müßte. Es ist tiefer gemeint. ‚Die Welt‘ sind nicht die Dinge draußen für sich allein, sondern das, was in der Begegnung zwischen dem Menschen und ihnen wird. (...) innerlich werdendes Außen, und hinausgetragene Innerlichkeit. (...) Ist Hand, die erst ganz sie selbst wird an der Frucht, die sie greift; Boden, der erst zum Acker wird, wenn der Mensch ihn pflügt und besät. (...) Hierin besteht der Schöpferdienst, zu dem Gott den Menschen gerufen hat: dass immerfort, in seiner Begegnung mit den Dingen, die eigentliche Welt werde. Dass er selber erst werde, indem er an die Dinge gerät; schaut, versteht, liebt, an sich zieht und abwehrt, schafft und gestaltet. Dass die Dinge sie selbst erst ganz werden, wenn sie in den Bereich des Menschengeistes, seines Herzens und seiner Hand gelangen. Diese Welt wird immerfort; leuchtet auf und erlischt wieder“ (In Spiegel und Gleichnis, Mainz 1932, 18–19).

Welt ist auch bei Guardini ontologisch zu denken; sie vollzieht sich aber in Relationsontologie, in einem Sein der Zuwendung. Guardini ist im Tiefsten ein Denker des Werdenden, der Apokalypse: des Sich-Eröffnenden. Ihm stellt sich der Mensch mit Wagnis und Verantwortung, mit Erraten, mit Schaffen zur Verfügung, im „Verstehen des Einmaligen; Erraten des hier und nur hier Möglichen; Gefühl für das, was es noch nicht gibt. Auch die Freiheit hat einen andern Charakter. Die innere Initiative stellt sich dem Einvernehmen zur Verfügung; löst sich für das Neue; errät und schafft. Das Wertbild aber, das hier hervortritt, wird entscheidenderweise von der Verantwortung für das, was es noch nicht gibt, vom Wagnis und von der Entdeckung bestimmt“ (Einführung, in: Jean-Pierre Caussade, Ewigkeit im Augenblick, Freiburg 1955, 1–20, 9). Welt ist nicht einfach „da“, sie wird erst voll erfasst, ja, wird sie selbst im Geschehen der Begegnung: des gegenseitigen Herauslockens und der Befruchtung durch den Menschen, und zwar den durch Christus gelösten.

Werden ist Auftrag

Allerdings ist noch einmal dagegenzuhalten, dass Guardini sehr wohl die Gefahr des Werdens sieht, ja in der Führung der Jugendbewegung sogar das Schwergewicht auf das Sein verlegt, vor allem am Anfang um 1920: „Katholischer Geist stellt das Sein vor das Werden und vor das Schaffen. (…) Der Vorrang, von dem hier die Rede ist, meint ein Vorstehen in der Ordnung; ein Übergeordnetsein im Ganzen des Lebens. (...) Er stellt die Wahrheit vor die Tat. Die Autorität vor das persönliche Urteil, das Recht der Allgemeinheit vor das des einzelnen. Die Überlieferung und ihre lebendige Fortbildung vor die Forderung des Augenblicks“ (Neue Jugend und katholischer Geist, Mainz 1921, 15–16). Zugleich muss man in solchen Zeilen die Adressaten mitlesen, nämlich die Autonomie Kants und die Verführung Nietzsches, Prototyp eines entfesselten Selbstseins, in dem sich das Werden überschlägt: „Ob die Form oder die Fülle, die Ordnung oder der dunkle Drang, Gestalten oder Schaffen? Allgemeines oder Besonderes, Sinn oder Werden und Tat? Der Zusammenhang oder der Augenblick? Apollo oder Dionysos? Und er (katholischer Geist) beantwortet die Frage – wiederum sei es gesagt: auf das Ganze und Allgemeine hin, und tausend Einschränkungen zugegeben – für die erste der beiden Reihen“ (18).

Doch tritt im Abwägen der beiden Pole des Daseins später, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, stärker das neue Werden, der neue Mensch hervor: „Mein Leben ist eine Stelle – und zwar jene, die mich angeht –, wo Gott handelt. Mein Dasein ist eine Werkstatt, in der Er schafft. Aus mir soll Neues hervorgehen. Christliches Handeln und Schaffen aber ist ein Tun des Menschen im Einvernehmen mit dem Tun Gottes. (...) Gewiss sind die Normen der Ethik, die Gebote der christlichen Sittenlehre, die Regeln der gläubigen Weisheit und die Ordnungen der Kirche maßgebend. Darüber darf aber nicht übersehen werden, was aus keinen Normen, Geboten, Regeln und Ordnungen, sondern nur aus der jeweils sich von Gott her bildenden Situation entnommen werden kann. Das geht in keine allgemeinen Begriffe ein, denn es ist das jeweils Neue, jeweils Einmalige. Und es ist nicht wenig, vielmehr die Hälfte des Daseins“ (Vorschule des Betens, Mainz 1948, 196–197).

Solches Werden ist daher nicht einfach Eigenleistung, erst recht nicht nur Ausdruck der unsicheren und kompensierenden menschlichen Stellung in der Welt (wie es die zeitgleiche Anthropologie Helmuth Plessners und Arnold Gehlens sieht). Werden ist Anruf, und zwar zur Freiheit, Werden ist Auftrag, Imperativ und Wille des Schöpfers, der sein Geschöpf stark und schaffend sehen will. Der Mensch ist omnipotentia sub Deo, „Allmacht unter Gott“, wie Guardini zustimmend Anselm von Canterbury zitiert. Zu solcher Allmacht fordert Gott den Menschen heraus, zur „Annahme seiner selbst“: zum Wachsen zur Größe, zum Ringen mit seinem Ursprung. Dass der Mensch nicht zu einem Automatismus unmündigen Gehorsams verurteilt ist, sondern sich entscheiden, zur eigenen Kraft greifen kann, sieht Guardini als eine der gewaltigsten unter den großen Gaben des Ebenbildes.

Aufbrechen aus dem Dunkel der Sünde heißt, sich in die Herausforderung Christi zu stellen, das Werden auf Ihn hin zu wollen. Mit aller Kraft – denn es gehört zur Größe der Gnade, dass sie unsere Mitwirkung wünscht. Im dritten endgültigen Neuwerden der Schöpfung, in der Apokalypse, werden diese noch undurchschauten Zusammenhänge endlich geöffnet. „Gott muss uns ‚unbekannt‘ sein. Doch gerade seine Unbekanntheit geht uns an. Sie ist das Kostbarste. Sie verheißt uns Heimat. Unsere Seele wittert im Unbekannten das Eigentliche, woraus sie lebt, und den Ort, wo sie hingehört“ (Predigten zum Kirchenjahr, Leipzig 1965, 77). Das scheint die Mitte von Guardinis Denken zu treffen: sein eschatologischer Blick auf das „heilige Werden“ (Rosenkranz, 51), den „Raum der heiligen Möglichkeit“ (109). Schon diese Wortwahl lässt ahnen, worin die unerschöpfte Größe dieses Denkens besteht.

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