Eine Stellungnahme zur Zukunft der KirchenpresseNicht über einen Kamm scheren

Im Septemberheft (466 ff.) veröffentlichten wir einen Beitrag von Christian Klenk zur Entwicklung und den Zukunftschancen kirchlicher Medienangebote, nicht zuletzt auch der Bistumszeitungen. Klaus Nientiedt, Chefredakteur der Freiburger Bistumszeitung „Konradsblatt“, nimmt zu den Thesen Klenks Stellung.

Mit dem „Ruhrwort“ wird in diesem Jahr eine Bistumszeitung geschlossen, die eine Zeit lang zu den besten kirchlichen Wochenzeitungen in Deutschland gehörte und deren Verbreitungsgebiet über das Ruhrbistum Essen hinausreichte. Schon dieses Datum allein wäre Grund genug innezuhalten und sich Gedanken über die Lage der kirchlichen Medienlandschaft, insbesondere der Bistumspresse zu machen. Insofern ist es anerkennenswert, wenn die „Herder Korrespondenz“ dieses Thema mit einem größeren Beitrag aufgreift. Wenn, ja wenn diese Darstellung neben viel Beherzigenswertem nicht auch einige ärgerliche Schlagseiten aufweisen würde.

Im Mittelpunkt möglicher Therapien für die kirchlichen Medien spricht sich der Autor für mehr Zusammenarbeit aus. Er zielt auf die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Bistumspresse ebenso wie bei den kirchlichen Medienaktivitäten im Allgemeinen. Für beide Gebiete weist er darauf hin, dass „an einer Überwindung von diözesanem Schrebergartendenken und kirchenideologischer Lagermentalität kein Weg vorbeiführen“. In der Überschrift des Artikels wird dieser Gedanke mit der Formulierung „Nur gemeinsam erfolgreich“ aufgegriffen.

Nun ist „Zusammenarbeit“ einer dieser Begriffe, die grundsätzlich positiv besetzt sind. So wie „Bürokratie“ etwas zu sein scheint, was immer negativ konnotiert wird, so ist „Zusammenarbeit“ etwas, was offenbar immer richtig ist. Wenn, ja nur wenn man nur wüsste, was sich genau dahinter verbirgt. Im Zusammenhang mit der Bistumspresse reicht das von redaktioneller Ad-hoc-Zusammenarbeit bei bestimmten Artikelprojekten bis zur Fusion ganzer Blätter, von der bilateralen oder multilateralen Zusammenarbeit bei Druck, Anzeigen und/oder Vertrieb bis zur Integration in eine Verlagsgruppe mit Kopfblättern und regionalen, in diesem Fall: diözesanen Ausgaben. Der Autor spricht sich bei Bistumszeitungen für eine „größtmögliche“ Zusammenarbeit aus. Das kann eigentlich nur Fusion bedeuten, wenn nicht gar – im Sinne eines Uraltvorschlags – Fusion zu einer bundesweiten Einheitskirchenzeitung.

Was ist Zusammenarbeit?

Zum Hintergrund des Drängens des Autors auf eine nicht näher bezeichnete Zusammenarbeit dürfte auch die gegenwärtige Diskussion um die zwischen der KNA-Tochter dreipunktdrei und einigen Bistumszeitungen vor einem Jahr gebildeten Community gehören, ohne dass sie ausdrücklich erwähnt wird. Der Autor dieses Forumsbeitrags gehört zu den Verantwortlichen jener Bistumszeitungen, die diese Art der Zusammenarbeit nicht für zielführend halten. Das bloße Einklagen von Zusammenarbeit besagt – das zeigt dieses Projekt – nicht viel. Die Ablehnung einer bestimmten Organisation von Zusammenarbeit ist nicht zu verwechseln mit einer Ablehnung von Zusammenarbeit überhaupt. Zusammenarbeit lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise organisieren.

Was die Zusammenarbeit bei den allgemeinen Medienaktivitäten angeht: Für die kirchliche Medienpolitik in Deutschland erweist sich die Struktur der Akteure tatsächlich als schwierig. In den seltensten Fällen ist die Kirche in Deutschland als solche, vertreten etwa durch den Verband der Diözesen Deutschlands, Akteur, sehr viel öfter sind dagegen eine Diözese oder mehrere Diözesen und/oder andere kirchliche Institutionen die Handelnden. Dennoch ist es nicht angebracht, diözesane Eigenprojekte pauschal als Ausdruck von „diözesanem Schrebergartendenken“ zu diffamieren. Damit wird man weder dem ekklesiologisch begründeten Stellenwert von Bistümern noch den gewachsenen regionalen Strukturen in der Kirche in Deutschland gerecht.

Journalistische Qualitätsmaßstäbe

Wenn ein Bischof, womöglich zusammen mit den Mitarbeitern eines bistumseigenen Verlages, zu dem Ergebnis kommt, der Erhalt einer eigenen Bistumszeitung sei sinnvoll und machbar, entspringt dies nicht notwendigerweise einem „Schrebergartendenken“, sondern zunächst einmal seiner legitimen und unveräußerlichen Verantwortung innerhalb der von ihm geleiteten Ortskirche. Auch wenn das Bistumsbewusstsein nicht immer so ausgeprägt ist, wie man sich dies kirchlicherseits wünschen würde, kann man doch nicht übersehen, dass Bistümer, zumal dann, wenn es sich um dem Territorium und der Bevölkerungszahl nach große Bistümer handelt, kirchlich, landsmannschaftlich und kulturell geprägte regionale Räume darstellen, für die es keineswegs abwegig erscheint, bestimmte Medien anzubieten. Und bei denen sich bis heute Auflagen erzielen lassen, bei denen dies auch wirtschaftlich sinnvoll und tragfähig erscheint. Wann bei Bistumszeitungen der Zeitpunkt für eine Zusammenlegung, eine Kooperation, eine Fusion oder wie immer die konkrete institutionelle Form aussieht, der richtige Weg ist, ist eine andere Frage und stellt sich von Fall zu Fall sehr unterschiedlich.

Auch die Aufforderung des Autors zur „Überwindung von (…) kirchenideologischer Lagermentalität“ klingt auf den ersten Blick einleuchtend und zustimmungsfähig – wird aber der Wirklichkeit nicht gerecht. Auch wenn es falsches Lagerdenken tatsächlich gibt und als solches auch immer zu bedauern ist – zunächst einmal kommt man nicht umhin zu registrieren, dass es innerhalb der katholischen Kirche legitimerweise Vielfalt gibt. Und zwar ganz erhebliche. Wie erst jetzt wieder beim dritten Treffen innerhalb des überdiözesanen Dialogprozesses in Stuttgart zu hören war, schließen sich Vielfalt und Einheit nach katholischem Verständnis keineswegs aus.

In der kirchlichen Zeitungslandschaft spiegelt sich diese Vielfalt deutlich wider. Selbst der Begriff „Bistumspresse“ unterstellt eine Ähnlichkeit der so bezeichneten Wochenzeitungen, die nur teilweise existiert. Die publizistischen Erwartungen der Bistümer beziehungsweise der kirchlichen Herausgeber an ihre Bistumszeitungen sind sehr verschieden. Was in der einen Redaktion selbstverständliche Erwartung an deren publizistische Leistung ist, würde in der anderen Redaktion zur sofortigen Aufhebung von Arbeitsverträgen führen. Ganz zu schweigen von den Unterschieden in Bezug auf die Erscheinungsweise, das Format, Zeitungstyp und so weiter. Wer sich Gedanken über Zusammenarbeit von Bistumszeitungen macht, kommt nicht umhin, diese Unterschiede mit einzubeziehen.

Die klassische Form der Zusammenarbeit von Zeitungen besteht im Übrigen im gemeinsamen Unterhalt beziehungsweise Abonnement von geeigneten Agenturen. Diese erbringen Leistungen, die zu erbringen die beteiligten Zeitungen mit regionalem Schwerpunkt überfordert wären. Es besteht kein Grund, die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) aus ihrer Verantwortung gegenüber den Bistumszeitungen zu entlassen. Mit ihren wenn auch sinkenden, aber dennoch erheblichen finanziellen Zahlungen an die KNA sind die Bistumszeitungen weiterhin ein wichtiger Kundenkreis dieser Agentur.

Wenn in manchen Kreisen gegenwärtig die Leistungen der KNA für die Bistumszeitungen tatsächlich in Frage gestellt werden, hat dies Gründe, die für die gegenwärtige kirchliche Medienlage kennzeichnend sind. Die KNA steht für eine journalistische Professionalität, die mancher in seiner Bistumszeitung gar nicht sehen will. Wo Bistumszeitungen vor allem als Bestandteil diözesaner Öffentlichkeitsarbeit verstanden werden, stört offenbar ein journalistischer Anspruch, wie ihn auch die KNA verkörpert.

Die Bistümer zusammengenommen können sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen: Die Gesellschafterstruktur der KNA hat sich in den letzten Jahren nachhaltig verändert; ursprünglich breit gefächert mit Bistumsverlagen, Bistümern und säkularen Tageszeitungen ist heute der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) der mit weitem Abstand wichtigste Gesellschafter.

Nie alle Gläubigen erreicht

Der katholischen Kirche in Deutschland kann man nur dringlich anraten, der journalistischen Qualitätsmaßstäben verpflichteten KNA ausreichende Mittel für eine professionelle Arbeit zur Verfügung zu stellen – nicht nur mit Blick auf die Bedürfnisse der Bistumspresse, aber eben auch ihretwegen. Eine Vernachlässigung professioneller journalistischer Agenturarbeit würde einen publizistischen Flurschaden nach sich ziehen, der durch kein existierendes Medium auch nur annähernd wettgemacht werden könnte. Man kann nicht einerseits die in Internetzeiten ständig wachsenden Reichweiten beklatschen und im gleichen Moment den wichtigsten überdiözesanen Content-Produzenten vernachlässigen.

Auffällig ist in dem Zusammenhang die Tatsache, dass der Artikel das spannungsreiche Verhältnis von Öffentlichkeit und Journalismus innerhalb der kirchlichen Medienlandschaft nicht erwähnt. Während Bistumszeitungsredaktionen sich finanziell und damit auch personell nach der Decke strecken müssen, wachsen die Abteilungen der Ordinariate für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Ganz abgesehen davon, dass manche Bistumszeitungsredaktionen sogar in die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit integriert werden und eine Bistumszeitung – siehe Essen – durch ein Produkt der Öffentlichkeitsarbeit ersetzt wird.

Die Unterüberschrift des Artikels lautet „Die katholische Kirche muss mit ihren Medien wieder alle Gläubigen erreichen“. Die katholische Kirche hat mit ihren journalistisch gemachten Medien nie wirklich alle Gläubigen erreicht – und sie wird es auch in Zukunft nicht tun. Die Bistumszeitung, für die der Autor dieser Zeilen Verantwortung trägt, ist ein Beispiel: Bereits in den ersten Jahrzehnten des bald hundertjährigen Konradsblatts, der Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, drängte die Freiburger Bistumsleitung dem Klerus gegenüber darauf, für eine bessere Verbreitung der Bistumszeitung zu sorgen. Bistumszeitungen haben immer nur bestimmte mehr oder minder große Teile der diözesanen Bevölkerung erreicht. Eine Hürde war dabei nicht zuletzt auch der Bezugspreis.

Bistumszeitungen werden bis heute nicht kostenlos abgegeben, sondern müssen – trotz Kirchensteuer – bezahlt werden wie andere Printprodukte auf dem Medienmarkt. Über die Akzeptanz dieses Pressetyps entscheidet – neben der publizistischen Qualität und der Veränderung des Mediennutzungsverhaltens – vor allem die kirchliche Bindung, die Nähe zum kirchlichen Leben, die Identifikation mit der Kirche am Ort. Der Rückgang der Auflage der Bistumszeitungen dürfte weithin parallel zum Rückgang bei den Kirchenbesuchern verlaufen. Das Abonnement einer kirchlichen Wochenzeitung ist nicht zuletzt Symbol einer mehr oder weniger gelingenden Beziehung zur real existierenden Ortskirche – und da es um diese Beziehung vielfach zunehmend schlecht bestellt ist, leidet darunter auch die Bereitschaft, sich auf die Rezeption einer diözesanen Wochenzeitung einzulassen.

Verlängerter Arm der Seelsorge, Sprachrohr des Bischofs – diese Rollenzuschreibungen haben die Bistumszeitungen in der Vergangenheit in ihrer Mehrzahl überwunden. Sie tauchen auch in den meisten Rollenzuschreibungen der bischöflichen beziehungsweise diözesanen Herausgeber nicht mehr auf, in manchen Fällen werden sie sogar ausdrücklich abgelehnt. Mit der Umwandlung in kostenlos abzugebende Produkte kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit, dem Setzen auf Mitgliedermagazine oder Pfarrbriefe und Ähnlichem würde man den journalistischen Charakter dieser Zeitungen und der von ihnen vermehrt auch erbrachten Onlineangebote schlicht aufgeben. Das kann man kirchlicherseits tun. Aber man sollte wissen, was man tut.

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