Die charismatische Szene in DeutschlandEin Segen für die Kirche?

Die Charismatiker werden stets der Pfingstbewegung zugeordnet, für die katholischen unter ihnen nicht ganz unproblematisch. Bei der Charismatischen Bewegung handelt es sich einerseits um eine „transkonfessionelle“ Erweckungsbewegung; zugleich gibt es die Charismatische Bewegung innerhalb bestehender Kirchen, in der katholischen Kirche als geistliche Bewegung. Am schnellsten wächst in der charismatischen Szene der nichtkonfessionelle Teil.

Die Pfingstbewegung ist weltweit der am schnellsten wachsende Teil der Christenheit. Die Charismatische Bewegung wird ihr immer zugerechnet, vielfach als die so genannte„zweite Welle“ der Pfingstbewegung bezeichnet; das repräsentative Lexikon „The New International Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements“ vereint beide Bewegungen schon im Titel (2. Auflage von 2002). Die Familienzugehörigkeit gilt auch für den kirchlich-konfessionellen Teil, zu dem die „Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche Deutschlands“ zählt. Auch die katholischen Charismatiker stehen in der Traditionslinie von 1901 und 1906. Am 1. Januar 1901 wurde in der Bibelschule des Charles F. Parham zum ersten Mal die Geisttaufe im pfingstlerischen Verständnis erfahren, mit der Sprachengabe als Bestätigung. Den Beginn der weltweiten Pfingstbewegung markiert 1906 die von der Azusa Street in Los Angeles und dem afroamerikanischen Prediger William J. Seymour ausgehende Erweckungsbewegung.

Nicht allein transkonfessionelle Erweckungsbewegung

Dass Vertreter der katholischen Charismatischen Erneuerung nicht vorbehaltlos in der Tradition der Pfingstbewegung stehen, deren „erste Welle“ noch im ersten Jahrzehnt zur Bildung eigener Konfessionskirchen führte, ist nahe liegend. Für den im letzten Jahr verstorbenen Paderborner Theologen Heribert Mühlen hatte seine spätere Distanzierung von der Charismatischen Erneuerung auch mit deren pfingstlerischem Erbe zu tun. Nicht selten findet man aber bei katholischen Charismatikern zum Jahr 1901 den Hinweis, ebenfalls am 1. Januar, am ersten Tag des neuen Jahrhunderts, habe Papst Leo XIII., den Anregungen einer italienischen Ordensschwester folgend, mit dem Hymnus „Veni Creator Spiritus“ den Heiligen Geist im Namen der ganzen Kirche auf das beginnende 20. Jahrhundert herabgerufen. Die Pfingstbewegung und herkünftig die Charismatische Bewegung sind in dieser Perspektive zumindest eine Antwort des Heiligen Geistes auf dieses Gebet.

Die „Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche“ ist zugleich eine der neuen Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen in der katholischen Kirche, in Deutschland und weltweit. Seit dessen Anfängen in den achtziger Jahren gehört die Katholische Charismatische Erneuerung zum Gesprächskreis der Geistlichen Gemeinschaften in Deutschland. Die katholische Charismatische Erneuerung hat ein weltweites Koordinierungsbüro „International Catholic Charismatic Renewal Services“ (ICCRS, vorher ICCRO) in Rom, ist dem Päpstlichen Rat für die Laien zugeordnet und ganz selbstverständlich in dem von diesem 2004 herausgegebenen Kompendium „Die Geistlichen Gemeinschaften der Katholischen Kirche“ verzeichnet (deutsche Ausgabe 2006). Man könnte ähnliche Hinweise zur Charismatischen Erneuerung in den evangelischen Kirchen geben.

Bei der Charismatischen Bewegung handelt es sich also einerseits um eine die Kirchen übergreifende „transkonfessionelle“ Erweckungsbewegung mit charakteristischen Formen der Frömmigkeitspraxis in allen ihren Ausprägungen. Sie lässt sich als Strom der Pfingstbewegung verstehen. Zugleich gibt es die Charismatische Bewegung innerhalb bestehender Kirchen, in der katholischen Kirche als geistliche Bewegung. Der Kürze wegen wird im Folgenden das gebräuchliche Kürzel „Charismatiker“ verwendet; natürlich gibt es „Charismatiker“ und Charismen auch außerhalb der Charismatischen Bewegung bzw. der Charismatischen Erneuerung. Der Begriff „pfingstlerisch“ wird gebraucht, weil damit die Verbindung zu den „Pfingstlern“ bzw. der Pfingstbewegung am deutlichsten wird. „Pfingstlich“ legt das Missverständnis nahe, allein oder dominant die Pfingstbewegung sei „pfingstlich“. In charismatischen Kreisen wird eher „pfingstlich“ gebraucht, denn abgesehen von der theologischen Qualität dieser Wahl hat „pfingstlerisch“ (bzw. „neupfingstlerisch“) wie auch der allgemein gebräuchliche Begriff „pentekostal“ (bzw. „neopentekostal“) manchmal einen leise pejorativen Beigeschmack.

Die Rede von „Geisttaufe“ ist in katholischen Kreisen üblich, wie umgekehrt evangelisch „Geistestaufe“ (vgl. neben der zweibändigen Studie von Norbert Baumert, „Charisma – Taufe – Geisttaufe“, Würzburg 2001, die für die Geschichte des Begriffs wichtige Arbeit der Benediktinerin Lucida Schmieder,einer Mühlen-Schülerin, „Geisttaufe. Ein Beitrag zur neueren Glaubensgeschichte“, von 1982, ferner aus evangelischer Sicht die Arbeit von Peter Zimmerling „Die Charismatischen Bewegungen. Theologie – Spiritualität – Anstöße zum Gespräch“ von 2001). Im englischsprachigen Raum ist neben „Baptism in the Holy Spirit“ auch „Spirit Baptism“ gängig, in Lexika findet man auch das schlichte Kürzel „BHS“. Das für Pfingstler und Charismatiker typische und wesentliche „Sprachenreden“ wird folgend mit dem in der katholischen Charismatischen Erneuerung üblichen Begriff „Sprachengabe“ bezeichnet, statt „Glossolalie“ oder „Zungenrede“ (nach 1 Kor 14 in Luther-Bibel und der Einheitsübersetzung). „Sprachengabe“ ist umfassender und drückt schon im Wort aus, dass eine „Gabe“ gemeint ist.

Das Bekenntnis von Dennis Bennett, Pfarrer der amerikanischen Episkopalkirche im kalifornischen Van Nuys, am 3. April 1960, er habe die Geisttaufe und die Sprachengabe empfangen, gilt als Beginn der Charismatischen Bewegung als eigenständiger Bewegung, zunächst in den USA. In den Jahren nach 1960 erreichte die Charismatische Bewegung in den USA alle evangelischen Kirchen, im Februar 1967, vor vierzig Jahren also, auch die katholische Kirche. Die Charismatische Bewegung kam seit den sechziger Jahren nach Europa und ist heute eine weltweite Bewegung.

Neben der Charismatischen Erneuerung in den Kirchen gab es von Anfang an einen nichtkonfessionellen Teil, „nondenominational“ oder auch einfach „nondenoms“. Er hat sich vor allem seit den achtziger Jahren zum am schnellsten wachsenden Zweig der Charismatischen Bewegung entwickelt. Im Unterschied zu den traditionellen Pfingstkirchen gibt es bislang keine Bildung eigener Konfessionskirchen bzw. Denominationen, aber zahlreiche eigenständige Freikirchen und Gemeinden in Bünden oder netzwerkartigen Zusammenschlüssen („fellowships“). Zur Charismatischen Bewegung gehört teilweise auch die Bewegung „Messianischer Juden“. Die Charismatische Bewegung wächst seit den achtziger Jahren weltweit rapide auch in Teilen Asiens, Afrikas (in Afrika teilweise neben den „Independent Churches“, den Afrikanischen Unabhängigen Kirchen, aber auch mit Auswirkungen auf deren Anschauungen und Praktiken) und in Lateinamerika. Dort sind allerdings stärker einheimische oder nordamerikanische Pfingstkirchen tätig.

Johannes XXIII. erwartete ein „neues Pfingsten“

Zumal die Vorgeschichte der Charismatischen Bewegung in den späten vierziger und den fünfziger Jahren die Verbindungen zur Pfingstbewegung zeigt. Hier sind neben anderen besonders die „Full Gospels Businessmen Fellowship International“ (FGBMFI) zu nennen, die „Geschäftsleute des vollen Evangeliums“, heute in Deutschland „Christen im Beruf“, und der seiner Herkunft nach südafrikanische, später in den USA lebende Pfingstler David du Plessis, genannt „Mr. Pentecost“. Er war unter anderem von 1963 bis 1965 auf Einladung von Kardinal Augustin Bea Beobachter beim Zweiten Vatikanischen Konzil und zusammen mit dem amerikanischen Benediktiner Kilian McDonnell 1972 Vorsitzender der ersten internationalen katholisch-pfingstlerischen Dialoggruppe. Anfang der siebziger Jahre erreichte die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche Europa, 1972 auch die katholische Kirche in Deutschland. Die insgesamt sehr positive Aufnahme in der katholischen Kirche fand hier eine Entsprechung. Gegen manche nachkonziliaren Ermüdungserscheinungen wurde sie vielfach als das vom Konzilspapst Johannes XXIII. erwartete „neue Pfingsten“ angesehen. So fand sie von Anfang an starke Befürworter. An erster Stelle ist hier der belgische Kardinal Léon-Joseph Suenens zu nennen, einer der vier Konzilsmoderatoren. Entsprechend seiner programmatischen Formulierung, „die Charismatische Erneuerung ist ein Segen für die Kirche, aber die Kirche ist auch ein Segen für die Charismatische Erneuerung“, nahm er sie unter seine Fittiche. Er wurde gewissermaßen zum Schrittmacher der von Oskar Föller so genannten „moderierenden Integration(vgl. dazu dessen Arbeit „Charisma und Unterscheidung, Wuppertal 1994). Seinen Ausdruck fand dies unter anderem in einer Reihe wichtiger theologischer Texte, den Mechelner Dokumenten, von denen besonders das erste von 1974 genannt werden soll. Beraten von einer Reihe hochrangiger Theologen – unter anderen Yves Congar, Walter Kasper, Joseph Ratzinger – waren daran wichtige Exponenten der Charismatische Erneuerung beteiligt, aus Deutschland Heribert Mühlen. Hauptautor war der schon erwähnte Kilian McDonnell. Suenens hatte auch maßgeblichen Anteil am Zustandekommen eines feierlichen Gottesdienstes der katholischen Charismatiker 1975 im Petersdom zu Rom.

Angst vor einer Nivellierung des Spezifischen

Für Deutschland wurde nicht zuletzt wichtig, dass angesehene Theologen wie Heribert Mühlen, Autor inzwischen als Klassiker anzusehender Werke zur Theologie des Heiligen Geistes – „Der Heilige Geist als Person“ (zuerst 1964) – der Charismatischen Erneuerung ein Gesicht gaben. Mühlen sah in der Charismatischen Erneuerung eine Erneuerungsbewegung für die ganze Kirche, von daher zunächst auch der anspruchsvolle Name „Charismatische Gemeindeerneuerung“. Auf der Linie des Mechelner Papiers von 1974 betonte Mühlen, dass die Charismen kein Spezifikum einer besonderen Bewegung sind, sondern grundsätzlich für die ganze Kirche bestimmte Gaben des Heiligen Geistes, die sozusagen charakteristisch „charismatischen“ wie etwa die Sprachengabe, eingeschlossen. Die von ihm intendierte Charismatische Gemeindeerneuerung stellte er, wieder mit dem Mechelner Dokument, betont in einen sakramental-ekklesialen Kontext. Gegen den Hauptstrom pfingstlerischer Theologie wollte Mühlen auch die menschlichen Faktoren der Charismen berücksichtigt wissen. Sein theologisch gut begründeter Ansatz führte dazu, die pfingstlerische Komponente der Charismatischen Erneuerung stark zurückzufahren, auch terminologisch, nicht zuletzt beim pfingstlerisch „belasteten“ Begriff „Geisttaufe“.

Dass dies dazu führen könne, das Spezifische der Charismatischen Erneuerung zu nivellieren, war die Sorge anderer in der Charismatischen Erneuerung in Deutschland. Sie hatten vor allem in der Person des Frankfurter Jesuiten und Neutestamentlers Norbert Baumert ihren Bezugspunkt. Im Unterschied zu Mühlen betonte Baumert gerade das Besondere des Charismatischen Aufbruchs, damit auch dessen pfingstlerische Komponente. In der Geisttaufe, historisch zunächst greifbar in der Pfingstbewegung, dann in den Kirchen, finde sich eine besondere Gnade, unserer Zeit gegeben, die dankbar angenommen werden müsse, ins Ganze kirchlichen und geistlichen Lebens zu integrieren sei, aber nicht verleugnet oder nivelliert werden dürfe. Konsequenterweise enthält dieser Ansatz auch eine Spitze gegen übliche pfingstlerische und auch charismatische Universalansprüche: Als besondere Gnadengabe können die Geisttaufe und die damit verbundenen Gaben des Geistes nicht als eigentlich für alle bestimmt oder notwendig angesehen werden. Sie gehören deshalb nicht wie bei den Pfingstlern und vielen Charismatikern zum „vollen Evangelium“. Baumert hat diese These eindrucksvoll in seiner oben erwähnten zweibändigen Monographie untermauert.

Der in vieler Hinsicht belastende Konflikt zwischen zwei wichtigen Exponenten der Charismatischen Erneuerung in Deutschland fand eine überzeugende Lösung im zweiten Grundlagenpapier von 1987, „Der Geist macht lebendig“, von den deutschen Bischöfen ausdrücklich angenommen. Dessen Hauptautoren waren Norbert Baumert, als gewissermaßen externer Mitarbeiter, der Jesuit und Experte geistlicher Theologie Josef Sudbrack – und Heribert Mühlen, obwohl er sich schon während der Arbeit am Papier davon zunehmend distanzierte. Wegen seiner terminologischen Mehrdeutigkeit blieb der Begriff „Geisttaufe“ freilich auf der Strecke, was man auch bedauern kann. Das Papier von 1987 ist ein weiteres Beispiel „moderierender Integration“. Es wurde auf Anregung des damals beim Päpstlichen Laienrat zuständigen, jetzigen Erzbischofs Paul-Josef Cordes auch ins Englische übersetzt und ist alles andere als ein fauler Kompromiss. Es wollte der Wirklichkeit der Charismatischen Erneuerung in Deutschland gerecht werden und anerkannte das Nebeneinander und meistens Miteinander der dort vorhandenen Einstellungen. Das Verhältnis zwischen seiner Position und der Heribert Mühlens brachte Baumert auf die Formel: „Die Charismatische Erneuerung – als diese konkrete Bewegung – dient der charismatischen Erneuerung der Kirche“, eine geglückte Formulierung, wenn damit kein Alleinvertretungsanspruch verbunden ist.

Am schnellsten wächst der nichtkonfessionelle Teil

Die Weite, der das Grundlagenpapier von 1987 Geltung verschaffen wollte, entspricht der Realität der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche in Deutschland und wohl auch weltweit. Viele Anhänger wissen sich der pfingstlerischen Tradition eng verbunden. Sie haben in ihrem Leben so etwas wie ein „persönliches Pfingsten“ erfahren, ein häufig verwandter Ausdruck für die „Taufe im Heiligen Geist“, wobei offen bleiben kann, wieweit die spezifisch pfingstlerische Prägung dabei reicht. Daneben gibt es andere, denen zentrale Elemente dieses geistlichen Aufbruchs wichtig geworden sind, wozu freilich die dort anzutreffenden „charismatischen“ Elemente in ihrer stark erfahrungsbetonten Dimension gehören, etwa die Sprachengabe. Nicht zuletzt auf Grund der Absicht, die Charismatische Erneuerung zu einer umfassenden Gemeindeerneuerungsbewegung zu machen, wurde sie in der katholischen Kirche auf allen Ebenen institutionell verortet, von der lokalen über die Diözesanebene bis zur Bischofskonferenz. Überdiözesan tragen ein Rat, in dem je zwei Vertreter der Diözesen und zudem Vertreter der Gemeinschaften sind, und die Koordinierungsgruppe mit einem Sprecher in Deutschland die Verantwortung (in Österreich ist es der „Österreich – Leitungsdienst“, ähnlich, getrennt nach Sprachregionen, in der Schweiz). Bis heute sind die Gebetsgruppen mit ihren wöchentlichen Treffen charakteristisch. Zugleich haben wie in anderen Ländern auch im deutschen Sprachraum zunehmend die Bundes- und Lebensgemeinschaften an Bedeutung gewonnen, beide konfessionell, aber auch ökumenisch. Die Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche Deutschlands ist inzwischen eine reich gegliederte Bewegung mit evangelistischen Initiativen, Zentren geistlichen Lebens, Jugend- und Familienarbeit, sozialen und caritativen Aktivitäten, regelmäßigen Treffen regionaler wie überregionaler Art und mit etwa 12 000 ihr fest Verbundenen.

Die Grenzen sind fließend

Historisch gut ein Jahrzehnt älter in Deutschland ist die Charismatische Erneuerung in der Evangelischen Kirche. Hier ist vor allem der evangelische Theologe Arnold Bittlinger als Vermittler zu nennen. Die der katholischen Charismatischen Erneuerung entsprechende Bewegung in der Evangelischen Kirche heißt „Geistliche Gemeindeerneuerung“, eine Bezeichnung, die sich auch in der methodistischen Kirche findet. Der „Arbeitskreis für Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche“ ist ein eingetragener Verein mit unter anderem einem Leitungskreis, einer bundesweiten Geschäftsstelle und landeskirchlichen Einrichtungen (z. B. GGE-Westfalen, Christusdienst Thüringen). Eine intensive, auch mit Brüchen verbundene Befassung, gab es im baptistischen Raum. Hier ist unter anderem Siegfried Grossmann zu nennen. In seinen Publikationen hat er sich auch kritisch mit als Fehlentwicklungen wahrgenommenen Formen der Charismatischen Bewegung befasst. Am schnellsten wächst in der Charismatischen Szene, vor allem seit den achtziger Jahren, der nichtkonfessionelle Teil der Charismatischen Bewegung, auch in Deutschland. Wie bei den kirchlichen Gruppen waren auch hier pfingstlerische Einflüsse wirksam, die schon genannten „Geschäftsleute des vollen Evangeliums“, „Jugend mit einer Mission“ (JEM), bestimmte Pastoren und Erweckungsphänomene (vgl. hierzu, aber auch zu Pfingstbewegung und Charismatischer Bewegung insgesamt: Reinhard Hempelmann, Licht und Schatten des Erweckungschristentums. Ausprägungen und Herausforderungen pfingstlich-charismatischer Frömmigkeit, Stuttgart 1998). Hierzu hat vor allem die so genannte „Dritte Welle“ des Heiligen Geistes beigetragen, so die Bezeichnung des von seiner Herkunft her evangelikalen C. Peter Wagner. Vermittelt vor allem über die Vineyard-Bewegung, ist sie charakteristisch für den Gestaltwandel der nichtkonfessionellen Charismatischen Bewegung, weshalb auch die Rede von „Neocharismatikern“ ist. Neben Wagner, von dem auch der Gedanke der missionarisch motivierten so genannten „Geistlichen Kriegführung“ („spiritual warfare“) gegen „territoriale Mächte“ stammt, sind hier vor allem der 1998 verstorbene John Wimber und dessen Kongresse zu nennen. Der Ansatz zielte zunächst auf evangelikal geprägte Christen. Verbunden mit einer Relativierung klassischer pfingstlerischer Zugänge über Geisttaufe und Sprachengabe hatte der „Zeichen und Wunder-Evangelismus“ („signs and wonders“, „power evangelism“) großen Einfluss auf die charismatische Szene insgesamt. Europäische Vineyard-Gemeinden waren maßgeblich an der Verbreitung der so genannten „Propheten-Bewegung“ Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre und des so genannten „Toronto-Segen“ (ab 1994) beteiligt (Phänomene wie „Ruhen im Geist“– „slain in the Spirit“ oder „resting in the Spirit“,aber auch Lachen,Schreien,Trunkensein etc.„im Geist“). Charakteristisch war jeweils die angekündigte Verbindung einer beginnenden Erweckung mit außergewöhnlichen Erfahrungen und Phänomenen. Diese Verbindung, charakteristisch für Teile der (Neo)Charismatischen Bewegung, findet sich zwar schon in der Tradition amerikanischer Erweckungsbewegungen und auch in den Anfängen der Pfingstbewegung, zu fragen ist aber, ob nicht etwa beim Toronto-Segen das Außerordentliche, statt Begleitphänomen zu sein, ins Zentrum rückt. Kritische Anfragen dieser Art kamen auch aus Kreisen der Charismatischen Erneuerung selbst. Das gilt auch für eine weitere, für Teile der nichtkonfessionellen charismatischen Gruppen und Gemeinden einflussreiche Strömung, die so genannte „Glaubens-Bewegung“. Für sie ist eine enge Verbindung von festem Glauben mit Heilung, aber auch mit Erfolg charakteristisch („Health and Wealth Gospel“, „Wohlstandsevangelium“).

Prüfet alles, das Gute behaltet

„Dritte Welle“ wie vor allem die „Glaubensbewegung“, waren auch innerhalb der Charismatischen Bewegung umstritten und Anlass zu kritischer Auseinandersetzung und deutlicher Abgrenzung, sie haben jedoch das Profil der nichtkonfessionellen Charismatischen Bewegung in den letzten Jahren deutlich geprägt. Einflüsse waren aber auch in den konfessionellen Gruppen wirksam. Mit dem nichtkonfessionellen Teil der Charismatischen Bewegung hat sich faktisch eine eigene charismatisch-pfingstlerisch freikirchliche Szene neben den Kirchen entwickelt. Vielfach sind dabei die Grenzen zwischen (neu)pfingstlerisch und (neu)charismatisch fließend. Eine starke Erfahrungsbetonung, lebendige Gottesdienstformen und intensives Gemeindeleben verbinden sich mit Elementen evangelikaler Theologie, auch Formen von Fundamentalismus – wobei mir die Problematik dieses Begriffs durchaus bewusst ist. Evangelikal heißt nicht fundamentalistisch. Beim propagierten Konzept, erfolgreiche Mission durch Gründung von Gemeinden, wird immer wieder die Frage diskutiert, ob der Zuwachs bei neuen Gemeinden nicht zu Lasten anderer Gemeinden geht. Es gibt Freikirchen, die darüber klagen, dass ihnen durch neue charismatische Gemeinden die aktivsten Mitglieder abgeworben wurden.

Dass die verschiedenen Strömungen der Pfingstbewegung sich als Verwandte sehen, zeigt sich vielfach in einer gemeinsamen Sprache und auch in verschiedenen Formen der Zusammenarbeit. Es gibt gemeinsame Initiativen, Konferenzen und Kongresse, Vereinigungen wie die Frauenvereinigung „Aglow“ und „Christen im Gesundheitswesen“, den „Kreis Charismatischer Leiter“ (KCL) in Deutschland, der auch mit dem „Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden“ zusammenarbeitet. Dessen Stellungnahme von 1995 enthielt eine Darstellung des allen Teilen der charismatischen Bewegung Gemeinsamen, neben Erweckung und Mission die Betonung der „Einheit aller, die zum Leib Christi gehören“. Bemerkenswert ist eine oft festzustellende Vernetzung, über kirchliche und konfessionelle Grenzen hinweg. Die bereits im Kontext des „Toronto-Segens“ wichtige anglikanische „Holy Trinity Church“ war Ausgangspunkt auch der in der gesamten charismatischen Szene weit verbreiteten bekehrungsorientierten „Alpha-Kurse“. Wie ursprünglich auch bei der Pfingstbewegung handelt es sich bei der Charismatischen Bewegung um eine evangelistisch-missionarische Erweckungsbewegung. Was die Charismatische Bewegung von anderen Erweckungsbewegungen heute unterscheidet und mit der Pfingstbewegung verbindet, ist: Die Erfahrung der Machttaten Gottes und seines Geistes (und, unterschiedlich ausgeprägt, auch des widergöttlich Dämonischen) wird sehr unmittelbar im eigenen Erfahrungsraum angesiedelt. Eine von Kilian McDonnell herausgegebene dreibändige Sammlung kirchlicher Stellungnahmen zur Charismatischen Bewegung trägt den für charismatische (und pfingstlerische) Grunderfahrungen bezeichnenden Titel „Presence, Power, Praise“. Hier liegt die Herausforderung durch die Charismatische Bewegung, hier gründet ihre Faszination, hier macht sich auch immer wieder Kritik fest. Insofern bezeichnet der Begriff „moderierende Integration“ eine bleibende Aufgabe der Unterscheidung: Löscht den Geist nicht aus. Prüft alles, und behaltet das Gute, (vgl. 1Thess 5, 19ff).

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