KommentarPassionen

Mel Gibsons Evangelienfilm sorgt schon vor dem Kinostart für Unmut.

Bibelverfilmungen haben selten eine gute Presse – es ist ja auch gewagt, das Göttliche auf einen Kunststoffstreifen bannen zu wollen. Das Kino hat sich in seiner mehr als 100 Jahre alten Geschichte davon freilich nicht beeindrucken lassen. Kaum ein Sujet hat die Regisseure mehr fasziniert. Auch das jüngste Projekt über das Leiden und Sterben Jesu reiht sich hier ein und versucht die bisherigen Ansprüche auf Authentizität noch zu übertreffen: Der Film wurde in Aramäisch und Latein gedreht, nur mit Mühe konnte die Produktionsfirma „Icon“ Untertitel durchsetzen. Idee, Regie und Geld für diesen neuen Bibelfilm stammen von Mel Gibson, dessen Name in Hollywood klangvoll ist, bisher allerdings vor allem mit Action-Filmen in Verbindung gebracht wurde. Dutzende von Filmen wie „Braveheart“, „Der Patriot“, „Wir waren Helden“ sind es gewesen, mit denen der mehrfache Oscar-Preisträger Gibson ein Vermögen verdient hat, von dem er jetzt 25 Millionen Dollar in „The Passion“ investiert. Gegeben werden die letzten zwölf Stunden des Nazareners, unter Verzicht auf eine Phalanx berühmter Schauspieler. In den süditalienischen Gassen von Sassi di Matera, wo bereits Pier Paolo Pasolini „Das erste Evangelium – Matthäus“ (1964) drehte, hat Gibson den gewaltsamen Tod Jesu so inszeniert, dass das Leiden bis zum Blut am Kreuz schonungslos gezeigt wird. Wenn es zum Äußersten kommt, ist Hauptdarsteller James Caviezel („Der schmale Grat“) längst durch eine Roboterpuppe ersetzt.

Seit mehr als zehn Jahren schon, so berichtet Gibson, habe er die Idee für diesen Film, der die Passion Christi genau so zeigen solle, wie sie sich wirklich ereignet hat. Die Bilder seien „wie eine Reise zurück in die Zeit, bei der man die Entwicklung der Ereignisse genau so beobachten kann, wie sie sich entwickelt haben“, äußerte er im Frühjahr in einem Interview. Immerhin sei das Evangelium ein perfektes Drehbuch, das man lediglich abzufilmen brauche. Dass es sich faktisch um eine Art Montage aus vier verschiedenen Texten handelt, wird dabei freilich unterschlagen – zumal im Falle von Gibsons historischkritischem Selbstversuch auch die Visionen der bald selig gesprochenen Anna Katharina Emmerick das Storyboard beeinflusst haben.

Vorgesehener Starttermin, so wird kolportiert, soll Aschermittwoch 2004 sein – vorausgesetzt, es findet sich bis dahin ein Verleih. Doch jetzt schon hat der Film in den Vereinigten Staaten leidenschaftlichen Streit heraufbeschworen. Ausgangspunkt war die Sorge, dass eine hermeneutisch unreflektierte Nacherzählung einzelner Versatzstücke aus den unterschiedlichen Evangelien – ähnlich wie manche Passionsspiele – anti-judaistisch ausfallen könnte. Die in den USA einflussreiche Anti-Defamation-League (ADL) zeiht „The Passion“ schon seit dem Frühjahr aufgrund von Zeitungsmeldungen als antisemitisch. Katholische und jüdische Theologen haben daraufhin den Entwurf des Drehbuchs zu lesen bekommen. Die Juden würden als „blutrünstige, sadistische und geldgierige Feinde Jesu“ dargestellt, lautet nun das Fazit der Experten, die auch auf die jüngeren Präzisierungen des katholischen Lehramtes zum Verhältnis von Judentum und Christentum aufmerksam machen. Darauf wurde ihnen von Gibson und seiner Produktionsfirma vorgehalten, sie hätten sich das Skript unrechtmäßig besorgt – zumal das Drehbuch überarbeitet worden und letztlich die Filmfassung das Entscheidende sei.

Bekannt geworden sind diese Vorgänge durch einen Artikel der beteiligten Bibelwissenschaftlerin Paula Fredriksen (Boston University) in „The New Republic“ (28.7.03). Die US-amerikanische Bischofskonferenz hat sich von dem Bericht distanziert und eine eigene Stellungnahme vorbehalten. Das Pikante besteht darin, dass der 47-jährige Mel Gibson wie sein publizistisch tätiger Vater Hutton Gibson passionierte Traditionalisten jener katholischen Spielart sind, die das Zweite Vatikanische Konzil ablehnen und die „alte“ Messe favorisieren. Den Rohschnitt haben zuerst lediglich ausgewählte Persönlichkeiten gesehen, die wie etwa Ted Haggard, Präsident der „National Association of Evangelicals“, auch voll des Lobes sind. Nicht zuletzt aufgrund seines aramäischen Idioms und der Physiognomie des Hauptdarstellers sei der Jesus nach Mel Gibson der semitischste, den das Kino zu bieten habe, und der Antisemitismusvorwurf deshalb hinfällig.

Nun ist es keine Frage, dass Gibsons Vorstellung, das Evangelium so nacherzählen zu können, wie „es wirklich gewesen ist“, höchst naiv ist. Wäre man auf die unstrittigen Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese angewiesen, käme wohl nur ein schlapper Kurzfilm über das Leben Jesu zustande. Zum anderen aber dürfen auch die Kritiker Gibsons nicht in eine ähnliche Falle tappen und eine historisch reine Wahrheit anmahnen, die so nicht zu erreichen ist. Wer die Geschichte Jesu erzählen will, wird immer damit zu kämpfen haben, dass seine Stellung zum Judentum antijudaistisch gelesen werden kann. Angesichts dessen, was man über die Ursachen des Todes Jesu weiß, ist allerdings auch deutlich, dass diese keine Aussagen über das Judentum als solches rechtfertigen können. Die geäußerte Befürchtung, aufgrund der Bilder eines solchen Kinofilms könnte in Europa ein neuer Antisemitismus losbrechen, ist geradezu absurd. Das heißt aber nicht, dass man den Film nicht einer genauen Sichtung unterziehen muss, die Treue zu den Evangelientexten im Ganzen bewertet und eine anti-judaistische Schlagseite der Interpretation kritisieren darf. Aber dafür muss der Film mit den neuerlich angekündigten Änderungen auch im Kino zu sehen sein.

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