Rom wirbt für den AblassEin schwieriges „Geschenk“

Dass der Vatikan auch das kommende Heilige Jahr mit einem Sonderablass verbindet, ist ärgerlich.

Was für ein Service! Das neue Dokument über den Sonderablass im Heiligen Jahr liegt sofort bei Erscheinen auch auf Deutsch vor. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Nur sechs offizielle Übersetzungen wurden angefertigt – und wir sind dabei! Dass man uns eigens bedenkt, kann man als Auszeichnung verstehen. Denn es heißt ja wohl, dass der Vatikan nicht nur sehr gern das Geld aus Deutschland nimmt – am 26. Juni wird übrigens wieder der Peterspfennig erhoben! –, sondern dass man dort auch in hohem Maße um unser Seelenheil besorgt ist.

Ironie beiseite! Das Ganze ist natürlich kein Zeichen von Wertschätzung. Vielmehr drückt sich darin die Ahnung aus, dass die notorisch renitenten Deutschen beim „Geschenk des Ablasses“ (Papst Franziskus) ähnlich begriffsstutzig sind wie bei allen vatikanischen Einsprüchen gegen den Synodalen Weg. Bereits im Schreiben selbst wird darauf hingewiesen, dass mancherorts „soziokulturelle Besonderheiten“ herrschen, die es dem Ablass schwer machen. Im Klartext: Vor allem in den von der Reformation beeinflussten Ländern Mittel- und Nordeuropas stößt diese kirchliche Lehre auf wenig Verständnis. Deshalb werden die Ortsbischöfe gebeten, in der nächsten Zeit viel über den Ablass zu predigen, um „das Verlangen nach diesem einzigartigen Geschenk, das durch die Vermittlung der Kirche erlangt wurde, tiefer in den Herzen zu verwurzeln“. Man darf gespannt sein, was da in den kommenden Monaten in den Kathedralen zu hören sein wird...

Worum es beim Ablass geht

Auch an dieser Stelle soll eine Annäherung an die Thematik versucht werden. Als Journalist gehört es ja zum Handwerk, alle Perspektiven zu berücksichtigen und abzuwägen, selbst in einem Kommentar. Und als Christ ist man ohnehin aufgerufen, möglichst das Argument des Anderen zu retten.

Worum also geht es beim Ablass? Und könnte er irgendwie doch sinnvoll sein? Schließlich beten wir ja für Verstorbene, auch wenn die Theologie darauf hinweist, dass im Tod und bei Gott unsere Vorstellungen von Zeitlichkeit nicht mehr greifen. Hinter dem Ablassgedanken steht jedenfalls die Erkenntnis, dass – wie es Wolfgang Beinert formuliert hat – eine Schuld oft auch Schulden nach sich zieht, und zwar unabhängig von der Vergebung. „Ein Mord kann verziehen werden, das Opfer bleibt tot.“ Um die bleibenden Folgen von Schuld abzugelten, drohen dem Verursacher, so die Lehre, Strafen im Fegefeuer. Die römisch-katholische Kirche nimmt für sich in Anspruch, solche Sündenstrafen verwalten und nachlassen zu können.

Die Gefahren der Ablass-Lehre

Manchen mag eine solche Erklärung überzeugen und eine Hilfe im Glauben sein. Für andere wird schwerer wiegen, dass in der Bibel von einer Läuterungszeit im Jenseits keine Rede ist. Sie werden vielleicht auch daran denken, welche schlimmen Abwege die Ablass-Lehre und -Praxis nehmen kann und bekanntlich ja auch vielfach genommen hat. Wie groß ist die Gefahr, dass man meint, sich Erlösung verdienen zu können – oder gar zu müssen! In jedem Fall kann man sich damit beruhigen, dass in der Hierarchie der Wahrheiten die Rede vom Ablass wenn überhaupt, dann ganz weit hinten vorkommen dürfte.

Im Vatikan sieht man das anders. Deshalb auch jetzt dieses Schreiben der Apostolischen Pönitentiarie, der Bußbehörde. In dem Wort steckt die aktuelle römische Kernkompetenz, das lateinische poena – „Strafe“ – drin. Ob das eine gute Werbung für das Heilige Jahr und für Kirche insgesamt ist?

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