EditorialMiteinander reden

Wir Journalisten – und Christen der Gegenwart – fragen, ob in einer Sache noch mehr drinsteckt, ob es eine „Meta-Ebene“ gibt.

In der Kantine, in der ich manchmal zu Mittag esse, hängt seit Neuem eine Liste für Verbesserungsvorschläge. „Die Portionen sollten nicht so groß sein“, hat da ein Gast als Erstes draufgeschrieben. Später hat jemand das „groß“ durchgestrichen und den Wunsch neu formuliert. „Die Portionen sollten nicht so klein sein“, hieß er dann. Aber auch das war noch nicht das Ende. Eine weitere Person hat die zweite Satzhälfte getilgt und stattdessen geschrieben: „Die Portionen sind genau richtig.“

Ich habe zunächst geschmunzelt, als ich diesen Verlauf gelesen habe. Und zuerst wollte ich die Beobachtung auch schnell abtun. Nach dem Motto: Die Geschmäcker und Vorlieben sind halt verschieden, man kann es nicht allen recht machen. Das merken wir ja in vielen Bereichen. Ich will deshalb das Ganze nicht überbewerten. Aber trotzdem: Nach der anfänglichen Erheiterung hat mich die Beobachtung doch zum Nachdenken gebracht. So schauen wir Journalisten – und Christen der Gegenwart – nun mal auf die Welt: Wir fragen, ob in einer Sache noch mehr drinsteckt, ob es eine „Meta-Ebene“ gibt. In diesem Fall meine ich durchaus, hier so etwas wie einen Zug unserer Zeit wiederzufinden. Wer anderer Meinung ist – in diesem Fall als die jeweiligen Vorgänger in der Kantine –, hätte seinen Satz ja auch einfach als eigenes Votum unter die anderen Wünsche schreiben können. So wären die verschiedenen Wortmeldungen für jeden sichtbar geblieben, unbewertet. Jeder und jede Nachfolgende hätte sich zum Beispiel in einer Strichliste auf eine Seite schlagen können, und so wäre dann schon ein Stimmungsbild entstanden. Aber diese Offenheit, das Ertragen abweichender Haltungen, scheint heute selbst im Kleinen immer schwerer möglich.

Der Krieg in der Ukraine deckt vieles zu. Oder anders gesagt: Wir werden zurückgeworfen auf wesentliche Fragen. In der Frankfurter Allgemeinen stellte sich jetzt der Schweizer Schriftsteller Linus Reichlin als Vater – an diesem Sonntag feiern wir übrigens auch Muttertag – die Frage: Wie wäre es, wenn plötzlich mein eigener Sohn zum Militär einberufen würde. Das war berührend zu lesen. Und das sind doch die Themen der Stunde – weil es Lebensthemen sind! Dass dagegen interessierte Kreise wieder Stimmung gegen den Synodalen Weg machen, dass ein Revival der Gerichtspredigt in der Kirche gefordert wird (vgl. dazu auch hier): Nun ja... Eher wäre dringend zu besprechen, wie wir miteinander kommunizieren wollen: in Krisenzeiten, im politisch-öffentlichen Raum (vgl. dazu hier und hier), aber auch im Alltag.

Und das kann eben schon bei der Abstimmung übers Mittagessen anfangen.

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