WendemanöverLob des Misstrauens

Vor kurzem noch glaubten wir an den – für uns – ewigen Frieden.

Es ist die momentan beliebteste Floskel zum Überdecken größter Verlegenheit, Unsicherheit, Ratlosigkeit: „Wir werden alles tun…“ Vor allem aus Politikermund ist diese Beschwörungsformel zur Beruhigung des Volkes zu hören, um Vertrauen zu stiften. Wir werden alles tun, um Corona zu überwinden, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, das Klima zu retten, die Geldentwertung zu bremsen, Afrika zu entwickeln, die Nahrungsmittelversorgung zu sichern, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, Flüchtlinge zu integrieren, Kitas zu optimieren, Schulen zu sanieren, für Digitalisierung zu sorgen, Frauen beruflich gleichzustellen, Familien zu fördern, westliche Werte zu schützen, Rassismus zu bekämpfen, Clanverbrechen auszumerzen. Und natürlich werden wir alles tun, um der Ukraine zu helfen. Nur: Was ist „alles“?

Tyrannei der Intimität

Mit Botschaften des Vertrauens und übergroßem Selbstvertrauen sollen Zweifel überspielt werden. Dabei ist Misstrauen ein natürlicher Begleiter der Menschenseele. In der langen Epoche von Wohlstand und Frieden versuchte eine wellnessbetonte Pädagogik, den Individuen und Gesellschaften das gesunde Grund- und Selbstmisstrauen auszutreiben nach dem Motto: „Ich bin okay, du bist okay.“ In unserem Kulturkreis entwickelte sich mit derart erzeugter Vertrauensseligkeit eine Tyrannei der Intimität. Selbst Unbekannten erzählt man Privates, offenbart man Gefühle. Offen soll man sein, die Maske ablegen. Die um sich greifende Bussi-Kultur mit Duz-Zwang und die auf öffentlichen Kanälen ausgestellte Nacktheit im physischen wie übertragenen Sinne belegen, wie „erfolgreich“ diese „Erziehung“ war. Mit massiven Bloßstellungen auf der Gegenseite.

Soeben noch gut und richtig

Aber das Fremde ist fremd und bleibt fremd, teils bedrohlich. Der Mensch ist sich selber vielfach ein Fremder. Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, wusste schon Paulus. Die kollektive Enttäuschung der Vertrauensseligkeit könnte kaum radikaler sein als die, als Putin sein wahres Gesicht zeigte. Das gute Misstrauen mit Selbstmisstrauen hatten wir verdrängt. Wir hatten nicht mehr mit Täuschung, Betrug, Lüge, List, Irrsinn, Wahn, ja dem real Teuflischen, Dämonischen im Menschen gerechnet. Nun heißt es auch da: Wir werden alles tun… Mit rasanten Wendemanövern kehren sich Parteien und Individuen ab von dem, was sie soeben noch für gut und richtig hielten. Doch spielen wir jetzt womöglich nur mit anderem Vorzeichen auf der Klaviatur der Vertrauensseligkeit weiter. Bleiben wir misstrauisch! Wir werden niemals „alles“ tun, allenfalls manches, von dem wir – wenn überhaupt – erst viel später wissen, wie es war. Das Lob des Misstrauens steht auch Christen gut an, etwa gegenüber allem, was sich kirchlich als besserwissend gebärdet. Sogar Gott misstrauen? Ohne Glaubenszweifel wächst nicht mal gesundes Gottvertrauen.

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