Fernsehevent „The Passion“Mediale Fremdprophetie

Am 13. April interpretiert der Privatsender RTL die Leidensgeschichte.

Eins ist klar: Wenn RTL auf „Dolorosa“ setzt statt auf „Dschungelcamp“, indem es die beste Sendezeit räumt für „The Passion“, dann ist das spiritueller Breitensport. Und hat wenig mit der Matthäuspassion von Bach zu tun. Aber: Dass RTL das macht, ist Wagnis wie Chance zugleich. Corona hatte die Deutschlandpremiere zunächst vereitelt, fast wäre das Projekt ganz gescheitert. Nun wird sich zeigen, ob Deutschland weit genug ist für diese Art, das Leiden Christi zu erzählen.

Warum weit genug? Weil das Format in den Niederlanden mittlerweile eine echte Instanz ist. Dort wurde es erfunden, und die Amsterdamer Liturgiewissenschaftlerin Mirella Klomp hat dafür den treffenden Begriff der „Ana-Liturgy“ geprägt. Sie rekurriert damit auf Richard Kearneys philosophischen Neologismus des „Anatheismus“, der Rede von Gott nach Gott.

Postsäkulare Liturgie

Die „Passion“ ist in den Niederlanden Paradebeispiel einer postmodernen, postsäkularen „Liturgie“ – in einer Zeit, da Gott für die Niederländer eigentlich keine Rolle mehr spielt. Und dann auf erstaunliche Weise wieder doch. Allein die Prozession: Im Polderland, in dem noch bis 1990 öffentliche Prozessionen verboten waren, ist das Tragen des überdimensionierten Leuchtkreuzes von Tausenden Menschen zentraler Bestandteil des Formates. Es ist der Teil, in dem die Inszenierung „kippt“: von der TV-Show hin zu praktizierter Spiritualität. Was auch immer die, die da mitgehen, darunter verstehen – das ist so, in der Postmoderne.

Ob Deutschland schon weit genug ist für dieses Format – das muss sich noch zeigen. Und „weit genug“ meint: weit genug entchristlicht. Kein Zustand, den sich der Autor wünscht. Aber ein Fakt.

Heilsgeschichte neu im Blick

Und das Format zeigt die Chance, die darin besteht, die alten Formen und Riten hinter sich gelassen zu haben, um sich neu zu öffnen für die großartigste Erzählung der Menschheitsgeschichte. Schon Dietrich Bonhoeffer resümierte 1944 in seinen „Gedanken zum Tauftag“: „Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden.“

Die RTL-Passion sollte als Versuch gewertet werden, den Kern dieser alten Heilsgeschichte neu in Worte zu fassen: in die Sprache der Popmusik, in die Bildästhetik einer TV-Gesellschaft – und in die „vor sich hergetragenen“ Weltanschauungen des Social-Media-Zeitalters. Und das Ganze in der „Fremdprophetie“ eines Privatsenders. Ob die Kirchen und die Theologenzunft dafür vom Straßenrand aus „Hosianna“ rufen, oder „Kreuzigt ihn“, das wird sich spätestens am Tag nach der Ausstrahlung zeigen, an Gründonnerstag.

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