EditorialHerausgefordert

Es sind oft nicht die Kinder, die besonders erschreckt über den Krieg in der Ukraine sind. Nein, es ist eher die Generation meiner Eltern, die erschüttert wird, bei der schmerzhaft etwas aufreißt.

Fast 20 Jahre ist es her, dass Ulla Hahn ihren Roman „Unscharfe Bilder“ veröffentlicht hat. Sie erzählt darin von einer Frau, die meint, auf einem Foto in der seinerzeit umstrittenen Wehrmachtsausstellung ihren Vater erkannt zu haben, wie er Gefangene erschießt. Die Fünfzigjährige konfrontiert den alten Mann damit. Mehr noch: Sie peinigt ihren Vater regelrecht mit bohrenden Fragen. Wo warst du im Krieg? Hast du mitgemacht? Oder hattest du das Rückgrat, dich zu verweigern? Berechtigter Sturm und Drang der nachfolgenden, mittlerweile auch nicht mehr jungen Generation… Zunächst bleibt der Alte ungerührt, verschlossen, wie all die Jahrzehnte davor. Seine Fassade, sein Schutzpanzer halten anfangs noch. Aber irgendwann bricht das Vergessene – genauer: all das Verdrängte – doch aus ihm heraus…

Die Literaturkritik ging nicht sehr freundlich mit dem Buch um. Mich hat es dennoch berührt, auch die Lesung und Begegnung mit Ulla Hahn, die ich damals erleben durfte. Jetzt ist mir der Roman wieder eingefallen, weil darin die Sprachlosigkeit und ihre Überwindung so ein starkes Motiv ist. Erst die Ausstellung und ein neuer Krieg – 2003 im Irak – führen in dem Buch dazu, dass der Vater reden kann. Davor war das Grauen, das er einst selbst im Krieg erlebt hat, so übermächtig, dass er es zeit seines Lebens zudecken musste, in den hintersten Winkel seiner Seele verbannt hat.

Heute ist wieder Krieg. Und er ist nah. Von Berlin aus sind es gerade mal 1200 Kilometer bis Kiew, genauso weit wie nach Rom. Die Bilder im Fernsehen und im Internet lassen die Entfernung gegen null schrumpfen. Wir sind live dabei. Kein Wunder, dass dies derart viel auslöst. Ich beobachte, dass es oft nicht einmal die Kinder sind, die besonders erschreckt sind. Nein, es ist eher die Generation meiner Eltern, die erschüttert wird, bei der schmerzhaft etwas aufreißt. Menschen um die 80 spüren in diesen Tagen erneut, was sie bereits in jungen Jahren erlitten haben. Da schließt sich bei vielen auf furchtbare Weise ein Kreis. Das ist traurig, tragisch, macht Angst.

Aber manchmal kommt auch ein neues Gespräch in Gang, wie im Roman von Ulla Hahn, und es bringt die Menschen womöglich zusammen (vgl. hier und die Leserbriefe). Wenn es ein echter Austausch ist, bleibt er nicht an der Oberfläche, sondern rührt uns in der Tiefe an. Der Krieg fordert uns alle heraus. Von uns Gläubigen verlangt er zusätzlich eine Antwort aus dem Glauben. Gott, wo bist du? Hast du uns verlassen? Oder finden wir dich gerade bei den Leidenden? 

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