Generationen im GesprächNeue und alte Kriegsängste

Wenn Kinder Angst davor haben, was ein Krieg in Europa bedeuten könnte, kann es helfen, die (Ur-)Großeltern mit ins Gespräch zu holen.

Mama, was passiert da gerade in der Ukraine?“ – Mit ängstlichem Blick steht mein neunjähriger Sohn nach der Schule vor der Türe. Es ist Donnerstag, der 24. Februar – der erste Tag des Ukraine-Krieges. Ich habe den ganzen Vormittag überlegt, wie ich unseren drei Kindern (6, 9 und 10) am besten „den Krieg erklären“ soll. Als alle wieder zuhause sind, setzen wir uns gemeinsam an den Küchentisch. Ich versuche, ihnen einigermaßen kindgerecht die aktuelle politische Lage zu erklären, zeige ihnen ein paar ausgewählte Fotos und spreche mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen – hoffend, dass ich ihnen damit zumindest ein bisschen helfen kann.

Familien-Erinnerungen

Dann kommt mir eine Idee: Ich rufe meinen Vater an und befrage ihn noch einmal genauer nach seinen Kriegserfahrungen als kleiner Junge. Er ist Jahrgang 1939 und in einer im Krieg völlig zerstörten Großstadt aufgewachsen. Am Telefon erzählt er von den regelmäßigen, mit Sirenengeheul angekündigten Fliegeralarmen in der Nacht und wie er dann sein Bettzeug unter den Arm klemmen und in den Keller rennen musste. Er erinnert sich noch genau daran, wie sich die Decke des Luftschutzkellers bei einem nahen Einschlag beängstigend anhob und Betonbrocken auf ihn niederprasselten und wie schließlich sein Elternhaus – kurz nach der rettenden Flucht der Familie aufs Land – völlig zerstört wurde. Dank der Erzählungen ihres Opas ist der Krieg für unsere Kinder nun nichts mehr völlig Abstraktes, sondern ein Teil der eigenen Familiengeschichte, den sie nun wissbegierig erkunden.

So fern und doch so nah

In diesem Gespräch und in den Telefonaten mit anderen älteren Verwandten in den letzten Tagen spüre ich jedoch noch etwas anderes ganz deutlich: Die Fotos, Videos und die Nachrichten aus der Ukraine verängstigen nicht nur unsere Kinder und uns Erwachsene, sondern sie sind auch ein schmerzvoller Trigger für viele Menschen, die selbst noch den Zweiten Weltkrieg miterleben mussten: Auf einmal sind die Bilder der Vergangenheit wieder da, die Sirenen, die Bomben, die angstvollen Nächte im Keller.

Aber ich habe auch das Gefühl, dass es beiden Seiten – den (Ur-)Großeltern, für die der Krieg etwas Nahes und Greifbares, und den Kindern, für die Krieg bisher etwas extrem Fernes war – helfen kann, über ihre Erinnerungen und Ängste miteinander ins Gespräch zu kommen. So haben die gerade wieder aufgebrochenen Erinnerungen und die Fragen der jungen Generation einen gemeinsamen und bestenfalls heilsamen Erzählraum. Und wenn unsere Kinder abends ihre Friedenskerze (siehe unser Foto) anzünden, dann denken sie dabei nicht nur an die Menschen in der umkämpften Ukraine, sondern auch an ihre (Ur-)Omas und (Ur-)Opas, für die der Krieg nun wieder nähergekommen ist als die ca. 1700 Kilometer Luftlinie zur Ukraine.

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