EditorialZeitenwende

Putin und seine Handlanger attackieren alles, worauf sich die Weltgemeinschaft mehrheitlich geeinigt hatte. Waren wir naiv?

Von einer historischen Zäsur ist jetzt oft die Rede, von einer Zeitenwende. „Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht“, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock vor einer Woche, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. Diese Bewertungen sind leider realistisch. Denn der Krieg bringt ganz unmittelbar unermesslichen Schrecken, Leid und Tod in den Osten Europas; die Erschütterungen und Zerstörungen gehen jedoch weit über die Region hinaus. Putin und seine Handlanger – es ist ja nicht das russische Volk, das hier Krieg führt – attackieren alles, worauf sich die Weltgemeinschaft mehrheitlich geeinigt hatte: dass es Regeln gibt, dass man bei den großen Menschheitsaufgaben wie etwa dem Klimawandel zusammenarbeiten will, respektvoll miteinander umgeht, dass Konflikte durch Dialog und Verhandlungen gelöst werden, dass Argumente zählen, dass man einander vertrauen kann…

Im Moment scheint das alles erledigt, buchstäblich zur Strecke gebracht. Es regieren Gewalt, Lügen, Skrupellosigkeit, das „Primat des Krieges“, wie die Frankfurter Allgemeine schrieb. Es gibt kein gemeinsames Wir, keinen Leib, an dem alle Glieder gleich wichtig wären. Stattdessen drängt der Eigennutz ungefiltert nach vorne. Der Starke nimmt sich, was er will. Alles andere, jeder andere wird niedergemacht.

Waren wir naiv? Gingen speziell die Deutschen einer Illusion auf den Leim? „Das war außerhalb meiner Vorstellungsmöglichkeiten“, hat Matthias Platzeck gesagt, der Vorsitzende des deutsch-russischen Forums. Ging es nicht den meisten von uns so? Aber war deshalb die Friedensdividende nur ein ungedeckter Scheck, letztlich ein fauler Kredit? Das blitzartige Umsteuern des Westens legt dies nahe. Plötzlich geht es um Aufrüstung, um robuste statt um wertebasierte Außenpolitik, um Autonomie bei der Energieversorgung, um nationale Interessen…

Wir beleuchten das in dieser Ausgabe aus verschiedenen Perspektiven. Zuerst wollen wir auch hier die Betroffenen zu Gehör bringen. Wir haben Menschen in der Kriegsregion angeschrieben, wohlwissend, dass sie derzeit andere Sorgen haben. Doch wir begreifen es auch als Ausdruck unserer Solidarität, dass wir ihnen eine Stimme geben. Außerdem ordnen wir die Lage in (religions-)politischer Hinsicht ein (hier und hier).  Und wir fragen, was all das mit den Menschen, speziell mit Kindern macht (hier und hier).

Ein letzter Gedanke, jenseits aller Realpolitik: Als Christen glauben wir eigentlich daran, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie derzeit ist. Glauben wir daran?

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