Sonntagsschutz und WahlkampfAngriff auf den Sonntag?

Es ist eine absurde Situation – die CSU spricht sich in ihrem Wahlprogramm für mehr Sonntagsarbeit aus und wird dafür vor allem von christlichen Verbänden kritisiert. Dabei geht die Sonntagsruhe alle an.

Der Wahlkampf 2021 steht unter einem seltsamen Stern. Inhalte scheinen eine zweitrangige Rolle zu spielen. Bei einer dramatischen Flut geht es auf einmal vor allem darum, wie ernsthaft Kanzlerkandidaten schauen, wenn sie durchs Katastrophengebiet stapfen. Gleichzeitig werden religiöse Fragen und Symbole, die in Wahlkampfzeiten traditionell eigentlich keine große Rolle spielen, plötzlich zum Politikum. Annalena Baerbock wird als Mose der Klima-Gebote lächerlich gemacht, die SPD interessiert sich auf einmal brennend für die religiöse Ausrichtung von Armin Laschets Mitarbeitern. Und jetzt wird auch die Frage nach der Sonntagsruhe neu gestellt – ausgerechnet im 1700 Jahre-Jubiläumsjahr des freien Sonntags, ausgerechnet von einer „C“-Partei.

Christen gegen die CSU

Im gemeinsamen Unions-Wahlprogramm bekannte man sich Mitte Juni noch zum Schutz der christlichen Feiertage und des Sonntags. Im CSU-eigenen Programm klingt das jetzt anders: „Wir wollen generell vier verkaufsoffene Sonntage je Jahr ermöglichen. Sie sollen künftig nicht mehr von Märkten, Messen und Veranstaltungen abhängig sein.“ Besonders der letzte Satz hat „politische Sprengkraft“, schreibt der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, ein evangelischer Fachdienst für Arbeitsfragen. Erlaubt man Geschäften unabhängig von besonderen Anlässen, sieben Tage die Woche zu öffnen, sägt das am grundgesetzlich gesicherten Sonntagsschutz.

Auch die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung sieht in den Plänen einen Angriff auf die Sonntagsruhe. Es sei unverständlich, dass ein so lieb gewonnenes und wertvolles Kulturgut ohne Not aufs Spiel gesetzt wird, so der bayerische Landesvorsitzende Peter Ziegler. In großen Zeitungen wird das Streitthema gerne aufgegriffen. „Christen kritisieren CSU-Wahlprogramm“ lautet etwa die Schlagzeile in der „Süddeutschen Zeitung“.

Auch mal durchatmen

Dabei geht die Frage nach einem Ruhetag nicht nur gläubige Menschen etwas an. Der freie Sonntag ist größer als eine bestimmte Religion – das hat auch das Bundesverfassungsgericht erkannt, als es die Sonntagsruhe unter besonderen Schutz stellte. Besonders jetzt, wo nach einem Jahr voll Kurzarbeit und Arbeitsausfällen langsam wieder Normalität Einzug hält, darf man nicht der Wahnvorstellung verfallen, jetzt alles möglichst schnell aufarbeiten zu müssen, sich keine Ruhepausen gönnen zu dürfen, bis die Arbeit erledigt, die Gewinne gemacht, die Aktienkurse wieder auf Rekordhöhen getrieben sind.

Kaum etwas fällt so schwer, wie einfach mal auszuspannen – das hat kürzlich ein Forschungsteam um die Psychologin Claudia Hammond untersucht. Wirkliches Ausruhen ist eine Kunst und braucht klar geregelte Zeiten. Der Sonntag ist so eine Zeit, und damit wertvoll für Körper, Geist – und Seele.

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