Kirchenbann gegen Martin Luther vor 500 JahrenFür immer ausgeschlossen?

Soll der Bann, die Exkommunikation Martin Luthers aufgehoben werden? Oder wäre das nur Symbolpolitik, wie der Augsburger Bischof Bertram Meier meint? Was braucht die Ökumene heute? Fragen an die Theologin Dorothea Sattler, Direktorin des Ökumenischen Instituts an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

© Foto: Lars Berg/KNA-Bild

CHRIST IN DER GEGENWART: Seit 500 Jahren gilt Martin Luther in der katholischen Kirche amtlich als Häretiker. Wäre es nicht an der Zeit, dies zu ändern?

Dorothea Sattler: Martin Luther ist eine, aber beileibe nicht die einzige Person, an der deutlich wird, wie die römisch-katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg mit Menschen umgegangen ist, die eine abweichende Meinung hatten. Man hat nicht nur ihre Lehre diffamiert, sondern sie mussten allzu oft um Leib und Leben fürchten. Auch Giordano Bruno, Jan Hus sind hier zu nennen, ebenso die sogenannte Hexenverfolgung. Von daher ist der Bann gegen Martin Luther ein Lehrstück dafür, wie wir miteinander umgehen beziehungsweise nicht umgehen sollten.

Das heißt also, die Verurteilung sollte zurückgenommen werden? So fordert es ja auch der Altenberger Ökumenische Gesprächskreis, dem Sie angehören…

Ich verstehe den Wunsch, dass die Exkommunikation aufgehoben wird. Sie passt – Gott sei Dank – überhaupt nicht mehr zum heutigen Stand der Ökumene. Dennoch habe ich Bedenken. Zum einen, da hat Bischof Meier recht, braucht es diesen formalen Schritt gar nicht. Eine Exkommunikation ist mit dem Tod aufgehoben. Dadurch könnte im Übrigen auch der Eindruck entstehen, die Kirche beanspruche die Vollmacht, über den Tod hinaus zu urteilen, wer in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen wird. Zum anderen wissen wir doch, dass schmerzhafte Erinnerungen nicht allein durch einen Rechtsakt heilen.

Wofür sprechen Sie sich dann aus?

Wir müssten eine Form finden, die nicht nur das einzelne Geschehen von damals in den Blick nimmt und womöglich einseitig Schuld am Bruch verteilt. Ich spreche mich für eine Erinnerungsarbeit im umfassenden Sinn aus. Wir müssen die gesamte Geschichte erzählen, auch die Wechselwirkungen. So wie es das Zweite Vatikanische Konzil in seinem Ökumenismusdekret formuliert, das von „Schuld auf beiden Seiten“ spricht. Bei allen Beteiligten ist dies zu beklagen, und von daher ist Umkehr nötig. Martin Luther etwa war auch ein Mensch der impulsiven Handlungen. Er hat die Gesprächsangebote Roms nicht in dem Sinne wahrgenommen, wie es möglich gewesen wäre. Das hat auch zur Dramatisierung beigetragen.

Wie beurteilen Sie allgemein die Lage der Ökumene heute?

Das verlangt eine Antwort auf mehreren Ebenen. Einerseits gibt es heute ein breites Bewusstsein dafür, ja eine Wertschätzung, dass wir nur in der Gemeinschaft aller Christen die Fülle der Gaben Gottes schauen. Insbesondere im diakonischen Bereich und bei der geistlichen Gemeinschaft ist die Ökumene auf einem guten Weg, gibt es eine gefestigte Praxis. Auf der anderen Seite erleben wir aber auch Stillstand, und zwar einen Stillstand, der nicht sein müsste. Es gibt Polarisierungen innerhalb der Konfessionsgemeinschaften, etwa zum Umgang mit Frauen im geistlichen Amt oder zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Und es gibt auf römisch-katholischer Seite wenig Bereitschaft, die Erkenntnisse der Theologie aufzunehmen. Stattdessen zieht man sich auf Positionen zurück, von denen man seit Jahren weiß, dass sie nicht mehr haltbar sind, beispielsweise bei der Frage der Apostolischen Sukzession im Amt. Zuletzt hat die vatikanische Reaktion auf das Papier „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des Ökumenischen Arbeitskreises, in der dem Votum für eine begründete Gewissensentscheidung für eine eucharistische Mahlgemeinschaft eine Absage erteilt wird, gezeigt, dass es noch großer Anstrengungen in der Aufnahme ökumenischer Erkenntnisse bedarf. Es braucht immerzu die Reformation, die Umkehr aller Kirchen zu Jesus Christus. Einander auszuschließen oder gar mit dem Tod zu bedrohen im Streit um Glaubensfragen, ist keine Lösung – so hätte es auch damals bei Martin Luther nicht sein dürfen. Dies sollten wir heute als römisch-katholische Kirche als unsere Schuld bekennen.

Interview: Stephan Langer

Am 3. Januar 1521 exkommunizierte Papst Leo X. Martin Luther und seine Anhänger. Das kam keineswegs überraschend, denn bereits im Vorjahr hatte der Papst genau das angekündigt, falls der Theologie-Professor aus Wittenberg sich nicht von den beanstandeten Thesen distanzieren sollte. Das tat Luther nicht, im Gegenteil: Er verbrannte die Bannandrohungsbulle öffentlich – und schickte damit ein deutliches Signal Richtung Rom.

So wurde Martin Luther also ausdrücklich zum Häretiker erklärt, ebenso wie seine Anhänger und jeder, der Luther selbst oder seine Schüler aufnehmen oder unterstützen würde. Aus dieser durchaus für Leib und Leben gefährlichen Situation konnte ihn nur der Papst befreien, wenn sich denn der Augustinermönch nach Rom begeben hätte, um sich lossprechen zu lassen. Ohne es ausdrücklich zu formulieren, war die Bulle ein Signal in Richtung Scheiterhaufen.

Alle Erzbischöfe, Bischöfe, Domkapitel, Kanoniker und auch die Ordensoberen sollten in die Verteidigung des Glaubens gegen Martin Luther eingespannt werden. Am Tag der Veröffentlichung der Exkommunikationsbulle ergingen aus Rom verschiedene apostolische Schreiben, unter anderem an den Erzbischof von Mainz: jenen Albrecht von Brandenburg, der 1517 für die Verkündigung des Petersablasses zuständig war und damit Luthers Zorn auf sich gezogen hatte – ausgedrückt in 95 Thesen. Albrecht wurde zum Generalinquisitor von ganz Deutschland ernannt. Doch trotz aller einschlägigen Bemühungen blieb es beim Bruch.

Immer wieder wurde diskutiert, ob es nicht an der Zeit wäre, die Exkommunikation formal aufzuheben. Die Tübinger katholische Theologin Johanna Rahner etwa sieht in einer formellen Rücknahme des Banns ein wichtiges „ökumenisches Zeichen“. „Dadurch könnte die katholische Kirche ihre heutige Wertschätzung der Protestanten ausdrücken“, sagte sie. Auch der Altenberger Ökumenische Gesprächskreis legte ein „Plädoyer für die Außerkraftsetzung der Bannbulle Papst Leos X. gegen Martin Luther samt all seinen Anhängern und für die Rücknahme des reformatorischen Verdikts gegen den Papst als Antichrist“ vor. Dem 1999 in Altenberg bei Köln gegründeten Kreis gehören rund dreißig Theologinnen und Theologen an. Dazu zählen etliche emeritierte sowie aktive Hochschullehrer.

Die Kirchen wollen in diesem Jahr gemeinsam an die Exkommunikation Martin Luthers erinnern. Dazu planen der Vatikan und der Lutherische Weltbund im Juni eine Gedenkveranstaltung in Rom. In Deutschland liegt 2021 der Schwerpunkt auf dem Auftritt des Reformators vor dem Wormser Reichstag, gipfelnd in seiner Aussage: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.“ An diesen Moment wollen die Stadt Worms und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau erinnern. Falls die Corona-Pandemie es zulässt, soll es im April einen ökumenischen Festgottesdienst geben.

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