Die Zukunft der BeichteTop-Down geht nicht mehr

Die öffentliche Beichte von Angela Merkel sorgte im ganzen Land für eine Welle der Sympathie und des Respekts. Von der sakramentalen Beichte in der Kirche lässt sich das nicht behaupten.

Das Sakrament der politischen Beichte ist kein besonders weit verbreitetes Phänomen. Umso mächtiger und kraftvoller wirkt es, wenn es tatsächlich einmal eingesetzt wird. Eindrucksvoll war das jetzt zu beobachten, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die geplante Osterruhe als Fehler bezeichnete, die Maßnahme kippte, die Verantwortung auf sich nahm und die Menschen im Land um Verzeihung bat.

Die vierminütige Fernsehansprache wird es in jeden Jahresrückblick schaffen. Aus ganz Deutschland bekam die Kanzlerin „Respekt“ und „Anerkennung“ für ihren so mutigen wie seltenen Schritt. Zwei Tage dominierte Merkels Mea Culpa richtigerweise die öffentliche Diskussion, bevor dann wieder ebenso richtigerweise analysiert wurde, warum Deutschlands Corona-Politik so gründlich misslingt.

Gleichgültigkeit vs. Anteilnahme

Das Sakrament der katholischen Beichte ist ebenfalls kein besonders weit verbreitetes Phänomen. Das liegt vielleicht auch daran, dass niemandem Respekt und Anerkennung widerfährt, der sie ablegt. Ganz im Gegenteil: Für eine katholische Beichte wird man heutzutage ja fast schon belächelt. Das aber ist ein beunruhigender Zwiespalt: Als gläubige Christen tragen wir durch Gleichgültigkeit zum Bedeutungsverlust der rituellen, heiligen Handlung der Beichte bei. Gleichzeitig nehmen wir als gläubige Bürger großen Anteil an der Beichte der Kanzlerin und bringen ihr große Sympathie entgegen.

Woran liegt das? An hohl gewordenen Ritualen und Top-Down-Verordnungen, die ins Leere laufen! Rituale sind immens wichtig, damit Menschen sich verwurzeln, angenommen fühlen und Heimat finden. Aber mal ganz ehrlich: Wenn wir in der sonntäglichen Liturgie das Schuldbekenntnis beten und unsere immer sehr persönliche Unvollkommenheit zu einer gleichen Formel für alle wird, können wir uns auf diese Weise verwurzeln, fühlen wir uns dann angenommen, finden wir so Heimat?

Fehlerkultur – auch in der Kirche

Eigenes Versagen zu bekennen und um Vergebung zu bitten, benötigt Selbstbewusstsein, innere Stärke und einen eigenen Antrieb. Die Top-Down-Tradition der Kirche, die die Beichte vorschreibt, wirkt da regelrecht kontraproduktiv und inzwischen auch aus der Zeit gefallen. Dass eine Fehlerkultur sorgsam gepflegt werden muss, das weiß man inzwischen in vielen Unternehmen und Organisationen. Vorschriften und die Schaffung von Abhängigkeiten werden die Akzeptanzkrise der Kirche nicht verringern.

Natürlich machen wir Menschen Fehler. Und viele bekennen auch ihre Sünden. Nur halt nicht mehr der Kirche: Eine Institution, die so massiv den Kontakt zu ihren Mitgliedern verliert, kann nicht darauf bauen, dass die Menschen ihr ihre intimsten Verfehlungen anvertrauen.

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