Angelika WalserWarum ich bleibe

Ich suche einen Ort – nenn du ihn Heimat, wenn du willst –, wo das Geklingel aller Kassen schweigt und die brillanten Reden auch. Wo Trauer Trauer sein darf und auch Tränen und helles Lachen, wie es halt grad kommt. Wo jeder Wortschwall endlich aufhört, und so dem Schweigen seinen Raum gibt.

In tiefer Dunkelheit, im Bauch von Mutter Kirche, brennt eine Kerze: Erzählt von meiner Trauer um den toten Freund, von meiner Sehsucht nach Versöhnung, von alledem, was jämmerlich zerbrochen ist und nun im Dunkeln ruht. Dann lausche ich, ob jemand noch die Worte sagt, die selten laut zu hören sind, dort draußen in der Welt, und die wir doch so dringend bräuchten: Glaube. Hoffnung. Liebe.

Ich such den Ort, an dem das wohnt, was nur im Schweigen zu ertasten ist und sich entzieht. Wo niemand jemals funktionieren muss und das Gesicht des Anderen heilig ist. Wo Arme weit geöffnet sind für mich, und Wunden endlich heilen können.

Und deshalb bleibe ich. Für meine Töchter und die vielen, die immer noch voll Hoffnung warten auf eine Kirche, die auf den zeigt, der alleine zählt.

Nur dazu ist sie da. Und sonst für nichts und niemanden.

Angelika Walser in: „Frauen machen Kirche“ (Verlag Patmos, Ostfildern 2020)

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