Der Papst in Marokko„Brüder im Glauben“

Papst Franziskus hat auf seiner christlich-muslimischen Versöhnungstour Marokko besucht.

Dass sich Papst Franziskus für eine zweitägige Reise Ende März ausgerechnet Marokko ausgesucht hat, mag viele überraschen. Immerhin gibt es in dem arabischen Königreich kaum Katholiken. Rund 99 Prozent der Bevölkerung gehören der Staatsreligion Islam an, die christliche Minderheit macht nur etwa 0,1 Prozent aus. Betrachtet man die Reise aber im größeren Kontext, ergibt sich ein stimmiges Bild: Seit Beginn seiner Amtszeit hat Franziskus I. zahlreiche islamische Länder besucht, erst vor zwei Monaten war er in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu Gast. In Zeiten eines immer wieder neu aufflammenden Dschihadismus versucht er damit, eine Versöhnung zwischen Christentum und Islam voranzutreiben und die islamischen Führer, die sein Amtsvorgänger allzu oft mit undiplomatischen Äußerungen vor den Kopf gestoßen hatte, zum religiösen Dialog zu ermutigen.

So wundert es nicht, dass die Gefahren des religiösen Fundamentalismus schnell zu einem Hauptthema der Marokko-Reise wurden. In mehreren Ansprachen warnten Franziskus I. und sein Gastgeber, König Mohammed VI., davor, im religiösen Eifer die Menschlichkeit zu vergessen. Der Papst betonte, dass Extremismus immer in Hass und Zerstörung ende, während nur Toleranz für dauerhaften Frieden sorgen könne. Für Mohammed VI. beruhen die Glaubenssysteme aller religiösen Terroristen auf „Ignoranz von Religion“. Radikalismus könne weder militärisch noch mit finanziellen Mitteln besiegt werden – sondern allein mit religiöser Bildung. Als Beispiel nannte er ein marokkanisches Ausbildungszentrum für Imame, das als Reaktion auf einen Terroranschlag 2003 gegründet wurde. Hier werden muslimische Predigerinnen und Prediger ausgebildet, die einen toleranten, weltoffenen Islam verbreiten sollen.

Konkrete Probleme bleiben

Trotz dieser Bemühungen sieht es in Marokko mit dem religiösen Pluralismus schwierig aus. Zwar bezeichnet sich König Mohammed VI. als „Garant der freien Religionsausübung“, im Alltag kommt es aber immer wieder zu Konflikten zwischen den religiösen Gruppen. Besonders die mehreren tausend Konvertiten vom Islam zum Christentum haben häufig mit sozialer Stigmatisierung zu kämpfen. Seit 2017 steht die Abkehr vom Islam nicht mehr offiziell unter Strafe, sie gilt aber – wie fast überall in der islamischen Welt – weiterhin als Verstoß gegen die soziale Norm. Wer offen zum Christentum wechselt, riskiert seinen Job, wird von Polizisten drangsaliert oder von der eigenen Familie verstoßen. Christliche Missionare wurden wiederholt des Landes verwiesen.

In einer überraschenden Ergänzung des geplanten Programms verfassten die beiden religiösen Führer als „Brüder im Glauben“ auch noch eine Erklärung über den Sonderstatus Jerusalems als gemeinsame heilige Stätte für Juden, Christen und Muslime. Dabei ist Jerusalem mehr als eine Stadt, sondern steht als „Ort der Begegnung“ der drei monotheistischen Religionen als „Symbol friedlichen Miteinanders“. Ziel sei es, den „multireligiösen Charakter“ der Stadt zu bewahren, in der „gegenseitiger Respekt und Dialog gepflegt werden“. Jerusalem gilt im Judentum, im Christentum und im Islam als heilige Stadt, sie spielt in der Tradition der drei Religionen eine wichtige Rolle. In der Erklärung wird freie Glaubensausübung, Zugangsfreiheit für alle Gläubigen zu heiligen Stätten und ein Festhalten am interreligiösen Miteinander gefordert. Für Franziskus I. ist der Appell ein „Ruf zur religiösen Brüderlichkeit, die diese Stadt symbolisiert“, und eine dringende Mahnung zum friedlichen Zusammenleben der Gläubigen – überall auf der Welt.

Erinnerung an Tibhirine

An die Schrecken des religiösen Fanatismus erinnerte Franziskus I. auch bei einem Treffen mit dem letzten Überlebenden des Massakers von Tibhirine. Jean-Pierre Schumacher war 1996 zusammen mit einem weiteren Trappistenmönch einem Angriff islamischer Terroristen auf das Kloster Notre-Dame de l’Atlas in Algerien entgangen. Bei dem Überfall wurden sieben seiner Mitbrüder verschleppt. Mehrere Wochen später wurden ihre abgetrennten Köpfe gefunden, die Körper bleiben bis heute verschwunden. Der heute 95-jährige Schumacher entkam den Entführern nur, weil er damals im Gästetrakt arbeitete und so in der Nacht des Überfalls nicht bei den anderen Mönchen schlief. Zu der Tat bekannte sich die dschihadistische Splittergruppe „Group Islamique Arme“, die die Freilassung ihres Anführers erpressen wollte. Ob sie auch die Ermordung der Mönche veranlasste, ist bis heute ungeklärt.

Neben seinem Appell für religiöse Toleranz und ein friedliches Miteinander zwischen Christentum und Islam sprach sich der Papst vor allem für die Rechte von Migranten in Marokko aus. Franziskus I. betonte, dass dem Königreich als „natürlicher Brücke zwischen Afrika und Europa“ eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingsfrage zukomme. Erst im Dezember wurde hier der globale Migrationspakt verabschiedet, in dem sich die meisten Länder der Welt auf gemeinsame Eckpunkte für eine sichere und legale Migration verständigten. Inzwischen ist aber bekannt, dass europäische Länder wie Spanien die marokkanische Regierung weiterhin dafür bezahlen, die Zahl der Geflüchteten zu begrenzen. Laut Amnesty International kommt es immer wieder zu gewaltsamen Razzien. Asylsuchende auf dem Weg nach Europa würden festgenommen und in ihre Heimatländer zurückgeschickt.

Der Papst forderte mehr reguläre und legale Migrationswege. Die Rechte und Würde der Geflüchteten müssten unbedingt gewahrt bleiben. Dabei sollten humanitäre Hilfsprojekte schon in den Herkunftsländern ansetzen. Es gebe nicht nur ein „Recht auf Auswanderung“, sondern auch ein „Recht, nicht zur Auswanderung gezwungen zu werden“.

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