Religiöse Toleranz oder Sexismus?Ein Kopftuchstreit in der Jesuitenschule

Das Berliner Canisius-Kolleg in Berlin, ein Gymnasium der Jesuiten, hat eine Muslimin als Lehrerin eingestellt, die im Unterricht Kopftuch trägt. Daran entzündet sich nun Kritik.

Die Entscheidung, eine kopftuchtragende Muslimin als Lehrerin zu beschäftigen, habe man bewusst getroffen, erklärte der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Tobias Zimmermann, in der „Welt“. Die gebürtige Berlinerin sei im Bewerbungsverfahren am überzeugendsten gewesen. In den vergangenen Jahren habe die Schule Jugendliche und Lehrer aus verschiedenen Kulturen aufgenommen. „Wir bilden ab, was ist.“ Die Schule war schon immer international. Seit 2015 gibt es zwei Willkommensklassen mit überwiegend muslimischen Schülern. „Wenn man diese Schülerschaft hat, braucht man auch Lehrer, die gelungene Integration verkörpern.“

Das Berliner Neutralitätsgesetz verbietet religiöse Symbole in staatlichen Schulen. Eine Lehrerin mit Kopftuch wäre an einer solchen Schule undenkbar. An der katholischen Schule aber ist es möglich. „Wenn das der Anfang einer Debatte über Religion in unserem Land wäre, dann wäre ich glücklich“, so Zimmermann. Seine Entscheidung ist auch eine Art Widerspruch gegen das Neutralitätsgesetz.

Zimmermann erläuterte seine Sicht in der „Süddeutschen Zeitung“ genauer: In der Schule „haben wir die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und wenn die Gesellschaft wie hier in Berlin von verschiedenen Weltanschauungen geprägt ist, muss sich das in der Lehrerschaft widerspiegeln.“ Es gehöre zum Wesen der Schule, dass sie den Schülern – auch religiös – etwas zumutet. In diesem Fall sei das die Begegnung mit dem Anderen. Alle Schüler müssten lernen, Vielfalt zu leben und andere Meinungen auszuhalten.

Frauenkörper, unsichtbar gemacht

Weit über Berlin hinaus hat der Schritt der Schule Diskussionen ausgelöst. Gabriele Kraatz, die Verantwortliche für die Frauenpastoral im Erzbistum Berlin, hat in einer Stellungnahme die Entscheidung des Rektors kritisiert. Zwar sei es lobenswert, Jugendliche mit anderen religiösen Vorstellungen zu konfrontieren. Doch werde übersehen, dass das muslimische Kopftuch nicht nur ein religiöses Symbol sei, sondern auch eindeutig ein sexistisches – zur Unterdrückung, zum Unsichtbarmachen der Frau in der Öffentlichkeit. Viele Frauen kämpften gegen Verschleierung.

Dieser Sexismus gehe von einem Mann aus, der seine Triebe nicht beherrschen kann. „Deswegen muss die Frau ihren Körper verstecken – zum Schutz vor Überfällen –, weil sie sexuelle Reize aussendet. Scham und Frauenkörper werden eng miteinander verbunden. Orientierungspunkt ist die Sexualität des Mannes. Schon möglichst in frühen Jahren soll dies den Kindern klar werden. Manche Islamverbände würden die Körper von Mädchen am liebsten schon in den Kitas verhüllen. Damit stecken sie Klein- oder Grundschulkinder in sexistische Schubladen, bevor ihre Sexualität überhaupt am Entstehen ist. Jungen und Mädchen müssen sich körperlich voneinander fernhalten – die Jungen, weil sie sich nicht beherrschen können, die Mädchen, weil sie sich fürchten müssen, überfallen zu werden.“

Gabriele Kraatz fragt ausdrücklich aus christlicher Perspektive, die der Maßstab einer christlichen Schule sein muss: „Entspräche ein lautes klares ‚Nein!‘ zum unsichtbaren Frauenkörper und zur Reduktion der leiblichen Wahrnehmung … nicht eher dem Geist Jesu? Wäre echte und deutliche Solidarität zwischen Männern und Frauen unserer Kirche nicht ein nötiges Zeichen? Die Reduktion auf den sexualisierten Körper durch die Verhüllung, das transportierte Geschlechterbild des Kopftuches – der unbeherrschte Männertrieb und die Frau als ständiges, potenzielles Freiwild – trifft ja nicht nur Frauen. Müssten nicht gerade die Männer viel lauter ‚Nein!‘ sagen?“ Die Botschaft Jesu sei immer eine Botschaft der Freiheit und Gerechtigkeit gewesen – auch für Frauen.

Widerspruch aus Jesu Geist

Man dürfe außerdem, so Gabriele Kraatz, die „dramatischen Spannungen“ an Berliner Staatsschulen nicht ignorieren. Es gebe muslimische Schüler, die Druck auf muslimische Mitschülerinnen ausüben, wenn sie kein Kopftuch tragen, Mädchen, die keinen Schwimmunterricht besuchen dürfen, muslimische Mädchen, die auf einer Klassenfahrt nicht mit „ungläubigen“ Mädchen das Zimmer teilen wollen. Eine Auseinandersetzung der Schüler mit dem Thema Kopftuch, wie Pater Zimmermann sie wünscht, sei frühestens am Ende der Pubertät möglich. Erst dann könnten sich die Jugendlichen der Autorität einer kopftuchtragenden Lehrerin widersetzen und sich mit ihr kritisch konstruktiv auseinandersetzen. „Es ist naiv zu meinen, man könne mit Fünftklässlern kritisch über die Frauenrollen des Islam und die moralischen Implikationen des Kopftuchs diskutieren – wenn vor ihnen eine kopftuchtragende Muslima steht und diese Inhalte regelrecht und erlaubterweise verkörpert.“

Für die Frauenseelsorgerin wäre es ein „großartiges Zeichen“ gewesen, „sich klar abzugrenzen gegen religiös-sexistische Symbole auch zum Schutz unserer eigenen christlichen Symbole. Es wäre ein Akt der Demut gewesen, zu sagen: Ja, religiöse Zeichen können auch falsche Signale senden. Wir möchten unsere Symbole nicht in einem Topf mit Zeichen sehen, die unserer Botschaft widersprechen oder zumindest nicht eindeutig sind … Aus der Botschaft Jesu heraus sind viele Menschen einen Weg der Befreiung aus Unterdrückung durch Rasse, Herrschaft und eben auch Geschlecht gegangen. Wir sollten den Mut haben, diesen Weg weiterzugehen.“ „Warum“, so fragt Gabriele Kraatz Pater Zimmerman in ihrer Stellungnahme, „hatten Sie nicht den Mut, ein fortschrittliches Zeichen zu setzen, indem Sie ihre Schülerinnen und Schüler mit einer Muslima ohne Kopftuch konfrontieren?“

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