Rezensionen: Theologie & Kirche

Striet, Magnus / Werden, Rita (Hgg.): Unheilige Theologie. Analysen angesichts sexueller Gewalt gegen Minderjährige durch Priester. Freiburg: Herder 2019. 200 S. Kt. 20,–.

Alle Beiträge des Bandes bergen ein enormes Reformpotenzial innerhalb der katholischen Kirche in sich. Würden die Analysen innerhalb der Kirche, vor allem von verantwortlichen Bischöfen selbstkritisch gelesen und beherzigt, stünde die Kirche vor einem Paradigmenwechsel in der theologischen Ethik. Atemlos liest man beispielsweise, dass es einen „unheiligen“ Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt an Kindern, vornehmlich Jungen, und dem Reinheitsmythos des Klerikerstandes gibt, der unmittelbar mit dem „purus puer“, dem unschuldigen Jungen in Verbindung steht. Hubertus Lutterbach verfolgt dieses Motiv bis tief in die Frühzeit christlichen Mönchtums zurück.

Entlarvend sind auch die Analysen von Rita Werden zum inflationär gebrauchten Begriff der „Scham“ von Bischöfen, die sich unmittelbar nach der MHG-Studie geäußert haben. Wer sich schämt, so Werden, will oder kann nicht richtig hinschauen, und so nutzt der Täter ein zweites Mal die Schamlosigkeit seiner Tat aus. Gleichzeitig analysiert sie eine befremdliche Entpersonalisierung der Verantwortung für die Vertuschung der Taten seitens der meisten Bischöfe in Deutschland. Kein einziger Bischof sei deswegen zurückgetreten. Ein unpersönliches System sei schuld, keine Personen, die das System leiten. Die Sakralisierung und Auratisierung des Priesteramtes wirken beim Umgang mit den sexuellen Verbrechen von Klerikern extrem hinderlich. So analysiert Georg Essen. Insbesondere das Bestehen auf dem Zölibat als Zeichen besonderen Auserwähltseins trennt die Priesterschaft auf absichtsvolle Weise von den sogenannten Laien. Einerseits erhebe der Zölibat die Priester in einen Stand besonderer Heiligkeit, andererseits aber werde, gerade wegen der Sakralisierung des Amtes, die Schuld sexueller Vergehen vom Amt auf den Amtsträger verlagert. So könne das Priesteramt weiter heilig bleiben und die Person gemaßregelt werden. Da es aber lebenspraktisch immer eine Symbiose beider Persönlichkeitsanteile gebe, finde oftmals eine wirkliche Aufarbeitung der Verbrechen nicht statt. Stephan Goertz analysiert die Abwehrmechanismen gegen eine grundlegende Kirchenreform und somit die Rolle der Moraltheologie. Alle Schuld an der derzeitigen Misere werde der sexuellen Befreiung der 70er-Jahre gegeben, die teuflisch raffiniert auch Einzug in die heilige Kirche genommen habe. Daran, so der Vorwurf, sei auch die nachkonziliare Moraltheologie schuld, sofern sie die Anpassung an den so oft geschmähten Zeitgeist vollzogen habe. Die Schuld an der Misere werde also wieder nicht innen gesucht, sondern außerhalb des hermetischen klerikalen Machtsystems.

Auch wenn der vorliegende Band den Leser auch mit unguten Gefühlen zurücklässt, weil mit „unheiliger“ Theologie der Missbrauch relativiert oder sogar umgedeutet wird, macht er auch Mut. Namhafte und genau arbeitende Theologinnen und Theologen nehmen die sie verpflichtende wissenschaftliche Freiheit ernst und benennen die Missstände und besonders die neurotischen und pathologischen Anteile offizieller Klerikertheologie.

Andreas Heek

 

 

Scheingraber, Stefan: Aufbruch zur „verbeulten Kirche“. Die Ekklesiologie von Papst Franziskus. Würzburg: Echter 2019. 175 S. Kt. 16,90.

Bei Papst Franziskus ist vieles anders. Seine Kirchlichkeit ist irgendwie neu: Einerseits weckt er Hoffnung auf Reformen, andererseits wirkt er sehr traditionell. Was ist seine Lehre der Kirche, seine Ekklesiologie? Stefan Scheingraber ist Arzt und Theologe, das Buch ist eine erweitere Magisterarbeit. Mit erkennbarer Sympathie legt er die Wurzeln dieser Ekklesiologie frei, gegen Ende wagt er einige kritische Fragen.

Geprägt ist Papst Franziskus zunächst von Evangelii Nuntiandi, dem apostolischen Schreiben Papst Pauls VI. von 1975; dieses betont, von einem stark christozentrischen Ansatz her, den kirchlichen Auftrag der Evangelisierung. Außerdem prägte ihn die lateinamerikanische Bischofsversammlung von Aparecida (2007), dessen deutlich befreiungstheologisches Schlussdokument der spätere Papst selbst redigierte; drei Pfeiler dieses Dokuments benennt er: Brüderlichkeit und Offenheit; die Zusammengehörigkeit der Bischöfe mit dem Volk Gottes; der missionarische Auftrag als „Hinausgehen“. Unter Evangelisierung versteht Franziskus nicht nur das Verkünden, sondern wesentlich das Gegenwärtig-Machen des Reiches Gottes in der Gesellschaft – der Papst ist Befreiungstheologe nicht so sehr in der Reflexion, sondern in der Praxis.

Ausführlich kommentiert Scheingraber das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium (2013), die Grundlegung der Ekklesiologie des Papstes: Kirche muss entschieden missionarisch sein. Das Papstamt muss sich „konvertieren“, also sich bekehren zu einer wirklichen Synodalität mit den Bischöfen und mit allen Getauften. Kirche lebt nicht in einer Kultur, die dann alles dominiert, sondern inkulturiert sich vielfältig. Charismen sind nur echt, wenn sie eingebunden sind in die Kirche. Maria zeigt nicht nur, dass die Kirche Mutter ist, sondern mit ihr wird überhaupt das Weibliche ekklesiologisch relevant; deswegen lehnt Franziskus die Ordination von Frauen ab – was Scheingraber vorsichtig kritisiert. In einer „impliziten Ekklesiologie“ zeigt er, dass Franziskus die vier Grundprinzipien der katholischen Soziallehre – Menschenwürde, Gemeinwohl, Subsidiarität, Solidarität – auch kirchenintern anwenden will; klingt banal, ist aber keineswegs selbstverständlich.

Man wirft Franziskus vor, er rede viel von Kirchenreform, liefere aber nicht. Aber Franziskus will gerade keine Reform von oben verordnen, also Strukturen ändern, sondern von innen her muss die Kirche missionarischer werden. Genügt es, wenn er immer wieder kirchenrechtliche Ausnahmen zulässt, aber die Regeln selbst nicht ändert? Zu Papst Benedikt XVI. sieht Scheingraber vor allem Kontinuität; die wichtigste Differenz liegt in Franziskus‘ Aufruf zur Parrhesia, zur freimütigen Rede. Diese lässt die kirchenpolitischen Lager deutlicher hervortreten – Franziskus selbst lässt sich klugerweise nicht einfach zuordnen –, aber sie löst nicht die Probleme. Das Buch hilft gut zum vertieften Verständnis. Aber die Kirche steht weiter am Scheideweg, und wohin dieses Pontifikat wirklich führen wird, weiß hoffentlich der Heilige Geist.

Stefan Kiechle SJ

 

 

Christoph Benke: In der Nachfolge Jesu. Geschichte der christlichen Spiritualität. Freiburg: Herder 2018.
272 S. Gb. 35,–.

Der Titel des Buches macht neugierig. Eine Darstellung der „Geschichte der christlichen Spiritualität“ ist gewiss ein Desideratum. Der Autor, gegenwärtig Schriftleiter der jesuitischen Zeitschrift „Geist und Leben“, ist ein ausgewiesener Fachmann für Theologie und Geschichte der christlichen Spiritualität. Das vorliegende Werk ist aber nicht ein Nachschlagewerk im herkömmlichen Sinn, in dem man Details zu wichtigen Autoren fände. Es ist ein Gang durch die Geschichte in den großen Etappen, Alte Kirche – Mittelalter – Neuzeit – Moderne – Gegenwart, unter dem Leitbegriff „Nachfolge Jesu“. In den ersten Kapiteln des Buches legt Benke das Fundament dieses Weges, er geht dem Werdegang des „Edelvokabels Spiritualität“ und dem Schlüsselbegriff „Nachfolge“ mit seinen biblischen Wurzeln nach. Diese Geschichte christlicher Spiritualität soll ein „Durchbuchstabieren“ des Themas Nachfolge Jesu bis in die Gegenwart sein.

Es gelingt Christoph Benke, den Leser nicht nur in vergangene Epochen zu führen, er vermag ihn auch ständig in der Gegenwart zu halten. Sehr oft versucht er am Ende eines Wegabschnittes eine Aktualisierung. So findet sich z.B. im 4. Kapitel mit dem Thema „Vollendete Nachfolge – Martyrium“ die Gestalt des Christian de Chergé (†1996) von den Mönchen von Tibhirine als zeitgenössisches Beispiel, als Aktualisierung des Bernhardinischen Zeitalters verweist Benke auf Thomas Merton (†1968). Das Leitmotiv „Nachfolge Jesu“ wird vor allem im „Ergebnis“ der einzelnen Kapitel in seinen Facetten herausgearbeitet. Umfangreichere wörtliche Zitate sind auch grafisch herausgehoben. Dadurch wirkt auf den ersten Blick das Satzbild des Buches etwas unruhig, aber zugleich wird damit der Überblick und die Struktur der Darstellung auch optisch unterstrichen.

In den Details der dargestellten Epochen ist keine enzyklopädische Vollständigkeit beabsichtigt. Dem Autor wichtige Personen und ihre Werke werden als typische Repräsentanten der Nachfolge Jesu in ihrer Epoche herausgehoben. Auch persönliche Vorlieben des Autors stehen bei der Auswahl im Hintergrund. Die Deutsche Mystik wird meines Erachtens etwas stiefmütterlich behandelt, ist aber mit Johannes Tauler durchaus präsent.

Die Analyse der spirituellen Gegenwart, der verschiedenen Movimenti und Erweckungsbewegungen ist sehr gut gelungen. Da ergibt sich ein weiter Blick auf die bunte Wiese der Spiritualitäten und geistlichen Programme. Das Viele und das Einzelne ist Teil des Größeren und Ganzen, keine Perspektive darf verabsolutiert werden. Bedeutsam für diese „Bestandaufnahme“ der Gegenwart sind die Kapitel 18 (Nachfolge heute – Spirituelle Impulse der Gegenwart) und 19 (Zusammenschau: Christliche Spiritualität).

Das letzte (20.) Kapitel dieser „Geschichte der christlichen Spiritualität“ greift ein Element heraus und folgt seinen verschiedenen Akzenten in der Geschichte: Marianische Spiritualität in Geschichte und Gegenwart.

Christoph Benke schließt mit der Bemerkung: „Kein Schlusswort: Nur Nachfolge versteht“. Das Lesen (Hören) will zum Tun hinführen.

Josef Weismayer

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