SündenfallHans Baldung Grien und die Moderne

Der Sündenfall (1511) von Hans Baldung Grien. Obscur-Holzschnitt im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. bpk/Herbert Boswank.
Der Sündenfall (1511) von Hans Baldung Grien. Obscur-Holzschnitt im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Foto: bpk/Herbert Boswank

Hans Baldung, gen. Grien (1484/85-1545), war ein bedeutender deutscher Renaissancemaler und wohl der wichtigste Schüler Albrecht Dürers. Heute wenig bekannt, steht er für bisweilen exzentrische oder auch manieristisch verzeichnete menschliche Gestalten. Bedeutend sind vor allem sein druckgrafisches Werk und einige große Tafelgemälde, etwa der Hochaltar des Freiburger Münsters. Häufig stellte Baldung Akte dar, insbesondere Adam und Eva in der Geschichte des Sündenfalls. Ein neues Werk zu seinen Sündenfall-Darstellungen arbeitet nicht nur kunsthistorisch, sondern auch ikonografisch und theologisch (Julia Carrasco: Der Sündenfall im Werk von Hans Baldung Grien. Ikonographie und Kontext. Petersberg 2019 – ein großartiger Band).

Vor Baldung, also im Spätmittelalter, war die biblische Sündenfallgeschichte – ich verkürze stark – mit der augustinischen Lehre von der Erbsünde verbunden: Schlange und Apfel sind Sexualsymbole, der Sexualakt ist grundsätzlich sündhaft und die Erbsünde wird in der Menschheitsgeschichte durch Zeugung immer weitergegeben. Weil die Frau aus der Rippe des Mannes genommen ist, hat der Mann Macht über sie. Durch die Schlange ließ sich zuerst Eva verführen, danach verführte Eva ihren Mann Adam zur Sünde. Die Frau galt als sexuell aktiver und begieriger und – weil sie es ist, die den Mann zur sexuellen Sünde verführt – immer als schuldig. Bildliche Darstellungen des Sündenfalls stellen in jener Zeit meist die Attraktivität und die Verführungskunst Evas heraus, Adam hingegen bleibt blass und passiv, er ist weniger Täter als vielmehr Opfer des Bösen. Bis in die Gegenwart hat diese Theologie das kirchliche Leben geprägt: Sexualität sei schmutzig, nur in der Ehe dürfe sie legitim gelebt werden, nämlich zur Kinderzeugung und als Heilmittel, um die leider unüberwindliche sexuelle Begierde zu zähmen.

Hans Baldung nun differenziert und verändert dieses Bild. Nebenstehender Clair-Obscur-Holzschnitt von 1511 – eine Technik, bei der der fertige SW-Holzschnitt mit einer zweiten Platte bedruckt wird, die den braunen Grundton und durch Aussparung die weißen Linien einbringt – zeigt ein neues Bild Evas und Adams: Beide stehen frontal im Zentrum und schauen aus dem Bild heraus zum Betrachter. Die Schlange und der Baum der Erkenntnis wirken unbeteiligt, werden weniger wichtig, zeigen aber dennoch starke Präsenz. Der Paradiesgarten im Hintergrund wirkt dunkel, drohend, unzivilisiert – triebbesetzt? Adams Glieder sind muskulös und derb-knorrig, wie die Bäume; hingegen ist Evas Körper anmutig und sinnlich-verführerisch, auch die wehende Fülle ihres Haares deutet auf Sinnlichkeit hin. Alles wirkt erotisch aufgeladen – und bedrohlich? Eva bietet Adam mit der Linken eine Frucht an, doch auch Adam pflückt mit seiner Rechten eine Frucht vom Baum. Mit seiner Linken greift er nach Evas Brust, die wie eine weitere Frucht präsentiert wird – ist das zärtlich oder doch eher übergriffig?

Die Szene spielt unmittelbar vor dem Biss in die Frucht, d.h. dem Sündenfall, andererseits bedeckt Eva ihre Scham – nach dem Schrifttext ist Schamhaftigkeit ja erst die Folge des Sündenfalls. Und ist die Konkupiszenz, also die böse Begierde, Ursache des Sündenfalls oder deren Folge? Hier bleiben sowohl die theologische Tradition als auch die Ikonografie ambivalent. Neu an Baldungs Bild ist, dass nicht Eva verführt wird und dann verführt, sondern dass Adam und Eva Früchte ergreifen und ebenso beide durch Gesten und durch Blicke verführen. Aber sehen wir in dem Bild nicht auch einen unbefangenen, offeneren Umgang mit Sexualität? Zeigt sich nicht anfanghaft ein neues, modernes Menschenbild?

Die erschütternden Berichte sexuellen Missbrauchs zeigen, dass Sexualität oft – gegen die Dogmen liberaler Moral – mit Machtmissbrauch und mit dem, was die Theologie Sünde nennt, gepaart ist, auch wenn wir zu Recht ablehnen, dass Sexualität (Erb-)Sünde sei. Aber ist unsere Kultur in ihren tiefen Mustern nicht doch noch durch die alte, verquere Theologie geprägt? Ich denke an missbrauchte Frauen, die sich zutiefst unrein und schuldig fühlen. Auch denke ich an das oft gewaltige Machtgefälle von Männern zu Frauen – den Missbrauch legitimieren Männer dann gerne, aber zu Unrecht mit „Einvernehmlichkeit“…

Ein zeitgemäßes und theologisch verantwortetes Menschenbild würde sagen: Männer und Frauen begegnen sich auf Augenhöhe. Sexualität ist nicht – und schon gar nicht exklusiv die weibliche – in sich teuflisch oder sündhaft, sondern sie ist eine gute Kraft, die aber für egoistische, machtorientierte Triebbefriedigung missbrauchbar ist. Verführt und verführend sind alle, Männer wie Frauen. Auf die Schlange, die teuflische Macht des Bösen außerhalb des Menschen, darf man Schuld nicht einfachhin abwälzen – ebenso wenig übrigens auf eine böse, weil zutiefst verdorbene „Welt“. Jeder Mensch trägt selbst Verantwortung für sein Verhalten. Schon mit der Renaissance – exemplarisch mit Hans Baldung – zeigt sich ansatzweise dieses neue Menschenbild.

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