75 Jahre nach dem 20. Juli 1944

„Stauffenberg handelte nicht aus Gewissensgründen, sondern aus politischen und militärischen Überlegungen“ – so der Historiker Thomas Karlauf in einer neuen Stauffenberg-Biografie. Die Gegenüberstellung von Gewissensgründen und politisch-militärischen Überlegungen überrascht und befremdet. Dass die beiden Motive dann doch wieder zusammenkommen, schreibt Karlauf dem Zufall zu: „Das war in der Situation des Sommers 1944 zufällig auch das moralisch Richtige. Stauffenberg tat das moralisch Richtige, aber eben nicht aus moralischen Erwägungen.“ Erst im Rückblick sei aus dem Zufall ein innerer Zusammenhang konstruiert worden, einer, der „den Bedürfnissen der jungen Bundesrepublik nach moralischer Legitimation“ entsprochen habe.

Karlauf verfolgt das Anliegen, der „falschen Heroisierung“ Stauffenbergs von rechts entgegenzutreten. Er fordert die Bundesregierung auf, im Jubiläumsjahr ein Zeichen zu setzen; vermutlich soll sie sich der Karlaufschen Dekonstruktion eines angeblichen „Aufstands des Gewissens“ anschließen – das wäre dann also das anstehende kulturpolitische Signal gegen rechts. Nun stimmt es ja: Die neue Rechte vereinnahmt den Widerstand gegen Hitler: Wirmer-Flagge schwenken; Sophie Scholl als „Würde-heute-AfD“-Wählerin plakatieren; Stauffenberg-Porträts auf die Schreibtische neurechter Edelfedern stellen. Und so weiter. Aber die Rechte versteht den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur gerade nicht mit Bezug auf einen allgemeinen Gewissensbegriff, sondern unter der Voraussetzung einer völkischen Ethik: „Ethisch falsch ist, was dem deutschen Volk schadet.“ So kann sie Hitler mit Merkel auf eine Stufe stellen und ihren eigenen „Widerstand“ gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung mit dem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur gleichsetzen. Es erschließt sich mir dabei allerdings überhaupt nicht, wieso dieser Vereinnahmung etwas entgegengesetzt sei, wenn man nun Stauffenberg, einer der Schlüsselfiguren des Widerstandes, Gewissengründe für die Tat vom 20. Juli 1944 abspricht. Vielmehr wirkt das auf mich wie eine Kapitulation: Weil Stauffenberg rechts vereinnahmt wird, lassen wir ihn lieber direkt fallen wie eine heiße Kartoffel.

Nun gibt es bei Vereinnahmungen immer auch Anknüpfungspunkte. Karlauf insinuiert eine dauerhaft bleibende Nähe Stauffenbergs zu dem nationalistisch-völkischen Gedankengut im George-Kreis, zu dem Stauffenberg zeitweise gehörte: eine Nähe, die – nach Karlauf – ausschlaggebend auch für die Entscheidung zum Attentat auf Hitler gewesen sei. Tatsächlich verhält es sich eher andersherum. Nach 1945 gab es eine Vereinnahmung der Tat Stauffenbergs durch die verbliebenen Netzwerke aus dem George-Kreis. Diese entfalteten ihre Wirkung unter der Voraussetzung der Distanzierung von der Vorkriegsgeschichte, für welche sie sich auf Stauffenbergs Tat beriefen. Ulrich Raulff hat diese Zusammenhänge ausführlich beschrieben (vgl. Kreis ohne Meister. München 2009), übrigens unbeabsichtigt pünktlich zur Enthüllung der sexuellen Missbräuche in reformpädagogischen Institutionen 2010, deren Pädagogik von dem erotisch-ephebophilen Verständnis der Lehrer-Schüler-Beziehung geprägt war, wie sie im George-Kreis gefeiert wurde. Karlauf stammt selbst, wenn man der Berichterstattung glauben darf, aus der Gedankenwelt des George-Kreises, von der er sich abgesetzt hat. Trotzdem bleibt er ihr verfangen, wenn er nun mit seiner Stauffenberg-Biografie die Wirkungsgeschichte Georges unter anderen Vorzeichen fortsetzt.

Stauffenberg schrieb in seiner geplanten Rundfunkansprache: „Wir haben handeln müssen aus der Verpflichtung des Gewissens heraus.“ Kann man nur denjenigen in der Geschichte ein Gewissen zugestehen, die exakt die gesellschaftspolitischen Vorstellungen teilen, welche in der Gegenwart Standard sind? Stauffenberg stand und steht nicht nur für sich selbst. Er ist nicht zu verstehen ohne die Mitverschwörer, ohne die Kontakte zum Kreisauer Kreis, ohne seinen Katholizismus, ohne seine Nähe zu Kardinal Preysing, ohne seine Bindung an die Familie und die schwäbische Heimat. Karlaufs Dekonstruktion von Stauffenberg erscheint mir wie die Rückseite der enttäuschten george-bundesrepublikanischen Heroisierung. Für den Kampf gegen die Heroisierung von rechts ist sie jedenfalls ungeeignet. Da empfiehlt es sich schon eher, bei einer anderen aktuellen Publikation nachzuschauen: Dem Lebensbericht von Paulus van Husen (1891-1971) (Als der Wagen kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand. Freiburg 2019),  herausgegeben von seinem Großneffen Manfred Lütz. Hier bezeugt ein Mitverschwörer  aus nächster Nähe, was die Tat am 20. Juli 1944 ausmachte: „Stauffenberg wäre nicht zum Handeln gekommen, wenn er nicht gewusst hätte, dass andere verantwortlich denkende Leute, denen er traute, sein Handeln als zwingend geboten ansahen, und wenn er nicht auf Grund der ihm bekannten Kreisauer Planungen […] überzeugt gewesen wäre, dass da ein Weg gewiesen war, um das deutsche Volk wieder zu Ehren zu bringen.“

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