Pro & ContraGeschwisterkinder in einer Gruppe?

Gemeinsam oder getrennt betreuen – welche Variante für Geschwisterkinder sinnvoller ist, schätzen Experten unterschiedlich ein.

Pro & Contra
© Florian Nütten

Geschwister profitieren voneinander.

Unter Pandemiebedingungen sind viele Einrichtungen dazu übergegangen, Geschwisterkinder gemeinsam zu be­treuen, um die Anzahl der Kontaktpersonen gering zu hal­ten. Eine pragmatische Entscheidung, die aus pädagogi­scher Sicht durchaus Potenzial hat. Der gemeinsame Besuch einer Gruppe ermöglicht eine elternunabhängige Dynamik innerhalb der Geschwisterbeziehung. Die Kinder geben sich in neuen Situationen Sicherheit, teilen verbindende Erlebnisse und erkennen, dass sie als erprobte Spielpart­ner etwas miteinander anfangen können – ohne sich dabei um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern streiten zu müssen. Die meisten Geschwisterpaare beschäftigen sich gerne miteinander. Positive Aspekte wie gemeinsame Spiel­erfahrungen, Vertrautheit und Geborgenheit treten da­ bei ebenso auf wie Erfahrungen mit Konfliktsituationen, Rivalität und Eifersüchteleien. Nicht selten gelingt den Kindern dabei eine produktive Auseinandersetzung mit­ einander, Geschwister werden zu einer bedeutsamen Ressource in der Identitätsentwicklung. Solche Beziehungen im U3­Bereich sind eine herausfordernde Bereicherung, sie müssen bedürfnisorientiert begleitet werden und be­nötigen Aufmerksamkeit, denn es sind nicht automatisch relevante, feste Beziehungen. Werden Geschwisterkinder gemeinsam in einer Gruppe betreut, fällt es pädagogischen Fachkräften oft leichter, familienorientiert zu arbeiten; die Identifikation der Familie mit der Gruppe steigt und die Eingewöhnung weiterer Geschwisterkinder gelingt meist auffallend problemlos. Genügend Gründe, um Geschwister (auch ohne Pandemiebedingungen) als wertvolle Identi­tätsressource positiv wahrzunehmen und zu achten.

Ute Langhammer ist Dipl.-Pädagogin, Fortbildnerin mit frühpädagogischem Schwerpunkt und Lehrerin an einer Fachschule für Sozialpädagogik in Freiburg.

Getrennt sich selbst entdecken.

Geschwister sind in frühen Lebensjahren eng miteinander verbunden und erleben die Familie als erstes sozia­les System. Die Bindung und Beziehung zwischen ihnen wird stark von den Wertvorstellungen ihrer Eltern ge­prägt und beeinflusst das Verhältnis zueinander bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Geschwister erwerben im Familiensystem also wichtige Kompetenzen. Doch darüber hinaus sollten Mädchen und Jungen auch die Chance be­kommen, sich unabhängig und frei von Bruder, Schwester und der gesamten Familie zu entwickeln. Eltern müssen darauf achten, dass sie die Verantwortung für ihr jünge­res Kind nicht an das ältere Geschwisterkind, sondern an die pädagogische Fachkraft abgeben. Ältere Kleinkinder sollten beim Kita­-Eintritt nicht zu Aufpassern, Hütern oder ständigen Unterstützern ihrer jüngeren Brüder oder Schwestern werden. Nur so können „die Großen“ weiter­ hin frei und ungestört ihre Freundschaften pflegen und eigenen Interessen nachgehen. Auch jüngere Geschwister profitieren von einer getrennten Betreuung: In einer eige­nen Gruppe werden sie eher als eigenständige Persönlich­keiten und weniger als „kleine Schwester“ oder „kleiner Bruder“ wahrgenommen und behandelt. Sie bekommen die Chance, unabhängige und persönliche Entscheidun­gen zu treffen, immer mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und dabei nicht vom großen Geschwister­kind gelenkt zu werden. Eine jeweils eigene Gruppe bietet somit älteren und jüngeren Geschwistern die Möglichkeit, Eigenständigkeit, Selbstverantwortung, Unabhängigkeit sowie eigene Stärken und Kompetenzen zu erfahren.

Heike König ist Erzieherin und Leiterin einer Kita mit vier Krippen- und Kindergartengruppen. Sie ist Mentorin und Fachkraft für Sprachförderung.

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