Ein Interview"Kinder brauchen kompetente Erwachsene"

Warum das achtsame Trösten von Kleinstkindern so wichtig für deren Entwicklung ist, schildert die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Gundula Göbel im Gespräch.

Kinder brauchen kompetente Erwachsene
© Harald Neumann

Frau Göbel, warum ist das Trösten im Kleinkindalter so wichtig?

Kleinkinder erleben ihre Gefühle direkt im Körper und zeigen sie zum Glück meist auch mit ihrer ganzen Kraft. Bei Kleinkindern können wir nicht mit gut gemeinten Worten trösten, da sie durch die Hormonausschüttung und ihre noch unreife Hirnstruktur von ihren Gefühlen überflutet werden. Kinder brauchen Erwachsene, die sie verlässlich, achtsam und ihrem Alter angemessen trösten. Unter diesen Voraussetzungen können Kinder dann nach und nach die Regulation der eigenen Gefühle erlernen. Auch das Modell-Lernen gewinnt an Bedeutung, wenn Kinder genau beobachten, wie sie oder andere Kinder getröstet werden – sie schauen, wie trösten funktioniert, und übertragen es auf ihre eigene Lebenswelt.

Was hat Trösten mit Bindung zu tun?

Nur wenn Eltern für eine sichere Bindung offen sind, werden sie die Bedürfnisse ihres Säuglings prompt und angemessen erfüllen und ihr Baby durch Ko-Regulation trösten. Denn diese setzt Einfühlungsvermögen voraus. Die Ko-Regulation ist für den Aufbau der Bindung grundlegend und basiert auf Trostelementen wie achtsamem Streicheln, liebevolle Berührungen sowie auf dem Geruch der Eltern. Durch das Wahrnehmen und die prompte Versorgung der Grundbedürfnisse, aber auch das Erkennen von Unwohlsein, Schmerz, Angst oder dem Wunsch nach körperlicher Nähe, entsteht eine sichere Bindung.

Können Kleinkinder andere Kleinkinder trösten?

Mädchen und Jungen bis zum zweiten Lebensjahr trösten eher aus der Motivation heraus, selbst kein gutes Gefühl zu haben und dieses reduzieren, vermeiden oder verändern zu wollen. Ab zwei Jahren können Kinder dann bereits differenzierter auf die Gefühle anderer eingehen. Dennoch dürfen Erwachsene unter Dreijährige hierbei nicht überfordern bzw. zu viel erwarten, denn so junge Kinder brauchen nach wie vor immer auch kompetente, tröstende Erwachsene.

Was sollten pädagogische Fachkräfte beim Trösten beachten?

Nehmen Sie sich Zeit für die Kinder, um sie liebevoll zu trösten. Nur mit eigenen gut regulierten Gefühlen ist Trost bei Kindern wirksam. Kinder spüren, ob sie funktionieren und nicht stören sollen oder ob Erwachsene von Herzen trösten, um dem Kind zu helfen. So wie ein pädagogischer Grundsatz besagt, dass Störungen Vorrang haben, so hat in der Kita das Trösten von Kindern Vorrang. Denn Kinder, die getröstet wurden, werden zu einfühlsamen Mitmenschen, setzen sich für andere ein, können Gefühle auch später erkennen und benennen, entwickeln Selbstregulation und Achtsamkeit und ganz besonders entfalten sie ihre Begeisterung und Motivation, da sie Vertrauen und Bindungssicherheit in sich verankern konnten.

Die Fragen stellte Ramona Noll.

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