Philosophieren mit KleinstkindernWo ist der Donner?

Kinder wollen die Welt entdecken und das, was in ihr vorgeht, verstehen. So können schon mit den Jüngsten fantasievolle Gespräche über die Natur oder das Menschsein entstehen. Lesen Sie, warum es wichtig ist, mit Kindern zu philosophieren, und worauf es dabei ankommt.

Wo ist der Donner?
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Kinder suchen Orientierung im Leben. Für sie ist noch alles neu, deshalb erkunden sie die Welt mit offenen Augen. Sie wollen wissen, wer sie sind, und stellen Fragen zu existenziellen Themen, z. B. zum Ursprung ihres eigenen Lebens, zur Bedeutung abstrakter Wörter oder zu Wetterphänomenen. Dies zeigt, dass nicht nur Erwachsene philosophieren können, sondern dass sich schon die Jüngsten auf ihre Art mit tiefgründigen Fragen beschäftigen.
Gerade in der pädagogischen Arbeit mit Kleinkindern ist das gemeinsame Philosophieren als elementarste Form des dialogischen Nachdenkens zu verstehen, sich also einander zuzuwenden und zuzuhören, Fragen zu stellen und Gedanken zu äußern, zu widersprechen und zuzustimmen.
Dabei muss der Erwachsene sich von seiner üblichen Vorstellung vom Philosophieren lösen, denn komplexe Diskussionen sind mit unter dreijährigen Kindern nicht möglich. Kleinkinder leben ganz im Moment, nehmen vieles, was sie erleben, einfach hin, ohne dies zu hinterfragen, und können noch keine größeren Transfers leisten. Fragen wie „Wo ist der tote Vogel jetzt?“ oder „Gibt es Gespenster wirklich?“ erfordern ein gewisses Abstraktionsvermögen, das die Kinder erst später erlangen. Das heißt aber nicht, dass sie in den ersten drei Lebensjahren noch kein Interesse an diesen Themen haben: Auf einer konkreten Ebene kann man mit ihnen durchaus schon darüber sprechen.

WARUM MIT KINDERN PHILOSOPHIEREN?

Schon der amerikanische Philosoph Gareth Matthews sagte: „Wer nie Philosophie, richtige Philosophie, mit einem Kind oder einer Gruppe von Kindern betrieben hat, hat eine der schönsten Gaben, die das Leben zu bieten hat, verpasst.“ (Matthews 1995, S. 34) Durch das gemeinsame Philosophieren können Erwachsene und Kinder miteinander in einen fruchtbaren Dialog treten und sich über die Welt verständigen. Die Kinder lernen so langfristig, selbstständig zu denken, sich nicht zu früh mit Antworten zufriedenzugeben und sich in die Sichtweisen anderer hineinzuversetzen. Nicht nur ihr Selbstvertrauen wird gestärkt, sondern auch ihre kommunikativen Fähigkeiten: Sie lernen, anderen zuzuhören und tolerant und respektvoll mit den Meinungen anderer umzugehen (Ebers / Melchers 2006). Das Philosophieren unterstützt die Kinder darin, ihren eigenen Standpunkt in der Welt zu entwickeln und sich mit Werten und Normen auseinanderzusetzen, die ihnen Halt und Orientierung fürs Leben bieten. Kinder werden durch philosophische Auseinandersetzungen selbstbewusster, kritischer und eigenständiger im Denken und Handeln. Daher ist es wichtig und sinnvoll, schon früh solche Gespräche auf kleinkindgerechte Art anzubahnen.

HALTUNG DER PÄDAGOGISCHEN FACHKRAFT

Aber nicht nur die Kinder profitieren vom gemeinsamen Philosophieren – auch Erwachsene lernen vieles in den Gesprächen mit Kindern. Kindliche Denkweisen können die logischen Gedankengänge Erwachsener überraschen und durchbrechen und ihnen einen kreativen Zugang zu dem entsprechenden Thema ermöglichen. Kinder bemerken viele Dinge, die Erwachsene schon längst nicht mehr bewusst wahrnehmen – das gemeinsame Gespräch öffnet Erwachsenen wieder den Blick für diese oft allzu selbstverständlichen Dinge. Zugleich erfahren sie viel über die kognitiven Fähigkeiten ihrer jungen Gesprächspartner. Erwachsene lernen beim Philosophieren mit Kindern außerdem, wie sie eine offene und vertrauensvolle Auseinandersetzung ermöglichen: indem sie den Kindern aufmerksam zuhören, ihre Gedanken und Ideen aufgreifen, interessiert nachfragen, eigene Gedanken beisteuern und auf vorschnelle Antworten verzichten. So erreicht auch die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen eine neue Dimension, wenn Erwachsene nicht nur „Bestimmer“ sind, sondern mit den Kindern auf Augenhöhe sprechen.

THEMEN UND ANLÄSSE ZUM PHILOSOPHIEREN

Anlässe zum Philosophieren sind meist Erlebnisse und Beobachtungen der Kinder im Alltag. Mögliche Kinderfragen oder Themen – in einfacher Form in den ersten drei Lebensjahren, in komplexerer Form ab dem dritten Lebensjahr – können die folgenden sein:

  • Träumen, Denken, Wissen (Thema Erkenntnistheorie)
  • „Was ist mit dem Vogel?“ (Thema Tod)
  • „Wo ist der Donner?“ (Thema Natur)
  • Freund sein, Freunde haben (Thema Freundschaft)
  • „Die hat mich gehauen! Das darf sie nicht!“ (Thema Werte und Normen)
  • Monster, Gespenster, Hexen (Thema Logik und Mystik)
  • „Warum weint Amelie?“ (Thema Gefühle)

EINIGE ANREGUNGEN FÜR DIE PRAXIS

Es gibt unterschiedliche Hilfsmittel oder Methoden, um mit Kleinkindern zu philosophieren:
Mit Handpuppen spielen: Als Identifikationsfiguren sind Handpuppen für Kinder oft ansprechend und daher gut geeignet, um ein Gespräch anzuregen. Sie wecken die Neugier und Aufmerksamkeit der Kinder und motivieren sie dazu, sich am Gespräch zu beteiligen.
Bilderbücher betrachten: Die Illustrationen in Bilderbüchern regen oft zum längeren Betrachten und Nachdenken an und wecken Fragen oder Gedankenexperimente. Auch die Inhalte mancher Bilderbücher eignen sich, um ein philosophisches Gesprächsthema zu vertiefen.
Geschichten erfinden: Erfinden Sie selbst kurze Geschichten, die zu den Themen der Kinder hinführen, z. B. über zwei Kinder, die sich abends wundern, wohin die Sonne verschwunden ist.
Eine Schatzkiste anlegen: Legen Sie eine Schatzkiste mit verschiedenen interessanten Gegenständen an (z. B. ein großes Schneckenhaus, eine getrocknete Rosenblüte, eine Feder und ein schöner Stein). Betrachten Sie im Sitzkreis gemeinsam mit den Kindern einen dieser Gegenstände – daraus kann ein Gespräch oder mit Ihrer Hilfe sogar eine kleine fantasievolle Geschichte entstehen.
Denkvorgänge verbalisieren: Um einen wertschätzenden Dialog aufrechtzuerhalten, fassen Sie Ihre Denkvorgänge in Worte: „Ich weiß nicht. Denkst du, dass …?“, „Ich frage mich, warum…?“, „Das ist eine interessante Idee!“, „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“ (Siraj-Blatchford 2005).
Die richtigen Fragen stellen: Stellen Sie Fragen, bei denen Sie selbst auf die Antwort gespannt sind. Die Fragen sollten Meinungen, nicht Wissen, abrufen. Beziehen Sie andere Kinder ein: „Was glaubt ihr?“, und regen Sie zu Begriffsklärungen an: „Warum heißt das Nashorn Nashorn?“ (Zoller- Morf 2000)
Philosophisches Gespräch leiten: Am Anfang eines philosophischen Gesprächs kann eine Grundfrage stehen: „Wo ist der Donner?“ Fragen Sie die Kinder nach ihren Erfahrungen, um sie ins Gespräch einzubinden: „Hast du den Donner auch gehört? Gesehen habe ich ihn nicht - hast du ihn gesehen?“ „Ist dir der Donner zu laut? Hältst du dir lieber die Ohren zu?“ Fassen Sie die Ergebnisse zwischendurch auch mal zusammen. Dadurch werden häufig noch einmal neue Gedankengänge aufgeworfen, z. B. zum Blitz, zu den dunklen Wolken oder zum Regen (Zoller-Morf 2000, Calvert / Calvert 2006).
Schnell werden Sie und die Kinder feststellen, dass es keine eindeutigen Antworten auf die Fragen gibt. Viel wertvoller ist jedoch, zu erfahren, dass alle Menschen dieselben Fragen bewegen und man sich gemeinsam darüber austauschen kann.

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