Schlaflos im Kinderbett"Mama, ich kann nicht schlafen"

Jedes Kind hat Phasen, in denen es schlecht oder gar nicht durchschläft. Wann aber handelt es sich tatsächlich um eine Schlafstörung?

Schlaflos im Kinderbett:
© Pixabay

Es gibt wahrscheinlich überhaupt kein Kind, das nicht über kürzere oder längere Zeit unruhig schläft, Einschlafprobleme hat oder den Eltern nachts mit hartnäckigem Rufen den Schlaf raubt und dann zu den Eltern ins Bett möchte. Ein Säugling lernt überhaupt erst im Alter von drei Monaten, seinen Schlaf bevorzugt in der Nacht und weniger am Tag zu suchen. Mit drei Jahren schon aber kann ein Kindergartenkind ganz auf seinen Tagesschlaf verzichten. Weinen vor dem Einschlafen gehört bei einigen Säuglingen zum ganz normalen Einschlafritual. Für ein Schulkind aber kann dieses Weinen beim Einschlafen ein Anzeichen tiefer Verlorenheit sein. Alpträume treten bei Kindern in einem bestimmten Entwicklungsabschnitt häufig auf, ohne auf irgendeine seelische Not zu verweisen. Das Gleiche gilt für den plötzlichen Schrei in der Nacht ("pavor nocturnus"), der Eltern in Panik um ihr Kind versetzen kann, bis sie erfahren, dass es sich dabei (zumeist) nur um ein ganz normales Entwicklungsphänomen handelt.

Wenn sich bei Kindern im Laufe ihrer Entwicklung alles so rasch ändern kann und es eigentlich gar keine Kinder gibt, die "immer gut geschlafen haben", was sind dann "echte kindliche Schlafstörungen" und wie kann man sie von den normalen häufigen Schlafproblemen eines Kindes unterscheiden?

Experten haben festgestellt, dass in den modernen Industriestaaten zur Zeit etwa jedes vierte bis fünfte Kind unter echten Schlafstörungen leidet und dass Schlafstörungen bei Kindern die Ursache von Konzentrationsstörungen, sogar Wachstumsverzögerungen, von Infektanfälligkeit, seelischer Reizbarkeit, Spielunlust, Lernstörungen sowie Stimmungsschwankungen und Ängsten sein können.

Kinderschlaf und Elternnächte

Wenn Eltern sich über die Ankunft ihres Kindes freuen, so hilft ihnen diese gute Stimmung (welche die Natur klugerweise durch hormonelle Besonderheiten, jedenfalls bei der Mutter in den ersten Monaten, unterstützt) zum Glück, mit ihrem Schlafmangel fertig zu werden. Jedes zweite Kind wird im ersten Lebens-jahr mehrfach nachts wach, weint und schläft dann nicht innerhalb weniger Minuten wieder ein. Bis zum Alter von vier Jahren hat jedes zweite Kind Einschlafschwierigkeiten. Vier Prozent aller Kinder erhalten deswegen Schlafmedikamente. Das ist eine beunruhigende und viel zu hohe Zahl, die auf weit unter ein Prozent sinken müsste. Dann nämlich, wenn Eltern und Ärzte mehr von den Besonderheiten des Kinderschlafs wüssten und wenn ihnen jemand erklären würde, wie sie mit rein pädagogischen Mitteln (ohne Medikamente!) Schlaf-probleme ihrer Kinder meistern, vor allem aber, wie sie erfolgreicher für ihren eigenen, bitter benötigten Schlaf mit diesem "Thema Nummer Eins" in Familien mit kleinen Kindern umgehen können.

Wozu brauchen Kinder ihren Schlaf?

Kinder schlafen verglichen mit Erwachsenen tiefer, schneller und länger, auch träumen sie mehr und reagieren viel empfindsamer auf Schlafmangel. Kleinkinder durchlaufen alle 45, Schulkinder alle 65 und Erwachsene alle 90 Minuten in ihrem Schlaf eine Phase vom Leichtschlaf über den Tiefschlaf in den Traumschlaf. Zwischen einzelnen Phasen werden sie ganz kurz wach und müssen wieder in ihren Schlaf finden - mehr als sechs Mal in jeder Nacht. Ihren Tiefschlaf finden sie am häufigsten vor Mitternacht. Er sorgt für die Wiederherstellung tagsüber verbrauchter Körperkräfte, in ihm wird das wichtige Wachstumshormon ausgeschüttet und die körpereigene Abwehr gegen Krankheitserreger aufgebaut.

Gehen Kinder zu spät zu Bett, fehlt es ihnen vor allem an Tiefschlaf. Der REM (Rapid Eye Movement)-Schlaf folgt dem Tiefschlaf. Hier arbeitet das Gehirn auf Hochtouren und speichert die wichtigsten der am Tage gesammelten Eindrücke, zugleich werden die unwichtigen gelöscht. "Träumen" nennen wir das und sind verwundert, wenn wir auf diesem Wege erfahren, was unser Gehirn nachts, wenn unsere kritische Vernunft ausgeschaltet ist, für wichtig hält. Reicht die Traum-tätigkeit in der Nacht nicht aus, um die Fülle der Tagesbilder und -gefühle zu verarbeiten, dann entsteht ein erhöhter REM-Druck, der sich tagsüber in Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen mit Ängsten, Aggressivität und in schlechter Gedächtnisbildung niederschlägt.

Damit Kinder ausreichend viele Schlafzyklen durchlaufen können, brauchen sie 18 Stunden Schlaf in den ersten drei Lebensmonaten, 16 Stunden mit zwölf Monaten, 12 Stunden mit drei, 11 Stunden mit sechs und 10 Stunden mit zehn Jahren. Es gibt (einige wenige) Langschläfer und Kurzschläfer, für die man einige Stunden dazu rechnen muss, bzw. davon abziehen kann. Es gibt "Lerchen", die früh ihren Schlaf brauchen und früh aufwachen - meist sind das lebhafte, unternehmungslustige und durchsetzungsfähige Kinder. Und es gibt "Eulen", die erst spät schlaf-bereit sind und die gerne lange ausschlafen. Unter ihnen finden sich meist introvertierte, mitunter ängstliche Kinder, die unter den (auch in Deutschland viel zu frühen!) Zeiten des Schulbeginns besonders zu leiden haben.

Gesunde Erwachsene spüren, wann sie Schlaf brauchen, viele Kinder aber "drehen richtig auf", wenn sie müde sind - ein Verhalten, das von ihren Eltern leider oft missverstanden wird. Da vor allem kleine Kinder normalerweise bis zu 60 Minuten brauchen, um in ihren Schlaf zu finden, sind für sie die "Schlafrituale", die immer gleichen Abläufe in den Abendstunden, so unverzichtbar. Aufregende Spiele und Fernsehen müssen mindestens eine Stunde vor dem Einschlafen beendet sein. Ein durchschnittliches Kindergarten- oder Schulkind, das um 6:30 Uhr ausgeschlafen sein soll und dessen Einschlafritual später als 19:30 Uhr beginnt, wird über kurz oder lang Anzeichen von Schlafmangel ent-wickeln.

Schlafstörungen - Signale in der Nacht

Die allermeisten echten kindlichen Schlafstörungen sind ein Grund, fachliche Hilfe beim Kinderarzt, Kinderpsychiater oder Kinder-psychologen zu suchen - lieber zu früh als zu spät! Die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) kann in schwierigen Fällen Verbindung zu anerkannten Spezialisten herstellen. Ratgeber in Büchern und Zeitschriften mögen hilfreich sein, berücksichtigen aber zumeist nicht ausreichend, dass jeder Fall höchst individuell untersucht und behandelt werden muss.

Im Kindesalter gehören zu den echten Schlafstörungen hartnäckige Ein- und Durchschlafstörungen, Einnässen (nach dem vierten Lebensjahr), epileptische Anfälle in der Nacht, Medikamentenreaktionen und Schmerzen in der Nacht wegen Mittelohrentzündung. Außerdem Alpträume, vor allem, wenn sie gehäuft auftreten und mit Ängsten tagsüber einhergehen. Dabei muss man wissen, dass Kinder im Alter zwischen dem 4. und 7. Lebensjahr häufig solche Alpträume haben, ohne dass sie unter seelischen Problemen leiden. Schließlich Pavor-Nocturnus-Anfälle (im 2.- 6. Lebensjahr gehäuft), die im Unterschied zu den Alpträumen (zweite Nachthälfte) meist vor Mitternacht auftreten und mit Nachtwandeln (Somnambulismus) verbunden sein können. Zähneknirschen (Bruxismus) ist ein Problem für den Zahnschmelz, vor allem der zweiten Zähne, Sprechen-im-Schlaf (Somniloquie) indes meist nichts weiter als ein akustisches Problem für Eltern mit leichtem Schlaf.

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