Schlafstörungen: Wenn die Nacht zum Tag wird

Ausgeschlafene leben besser. Dumm nur, dass jeder dritte Erwachsene nicht einschlafen kann oder nachts immer wieder aufwacht – mit langfristig riskanten Folgen. Doch welche Schlafstörungen es gibt und wie entstehen sie?

Schlafstörungen
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„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“ Schon Immanuel Kant betonte die essentielle Bedeutung des gesunden Schlafs. Ausgeschlafene leben besser – das sagen auch Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie, und die psychologische Psychotherapeutin Barbara Knab. Doch ausreichender und erholsamer Schlaf ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit: Höchstens zwei von drei Erwachsenen schlafen wirklich gut.

Die verschiedenen Schlafphasen

„Einigkeit besteht in der Wissenschaft inzwischen darüber, dass der Schlaf eines jeden Menschen jede Nacht in fünf verschiedenen Stufen abläuft“, so Günter Harnisch, Traumforscher und Naturheilexperte. Jeder Schlafzyklus dauert rund 90 Minuten und ist gekennzeichnet durch ein typisches Aktivitätenmuster im Gehirn:

Einschlafphase: zur Ruhe kommen

Die Einschlafphase besteht aus den Stadien I und II. In dieser Phase unterscheiden sich die Hirnströme zunächst kaum von der Wachheit, sie sind nur etwas geordneter - allmählich entspannen sich Körper und Geist und fahren langsam runter. Nun ebben die Hirnstromwellen immer mehr ab.

Tiefschlaf: langsamere Hirnströme

Es folgt der Tiefschlaf, der sich aus den Phase III und IV zusammensetzt: Der Schlafende atmet ruhig, seine Muskeln sind vollkommen entspannt und er bewegt sich nicht. Das EEG zeigt langsame Wellen der Hirnströme - die Nerven des Schlafenden sind in einer Art Stand-By-Modus. In dieser Phase können bereits Träume auftreten, allerdings anders als wir sie kennen: Wenn wir im Tiefschlaf träumen, ist es so, als ob wir über etwas nachdenken – haben aber keine bizarren, unlogischen und halluzinationsähnlichen Bilderketten vor Augen, wie wir sie normalerweise aus Träumen kennen. Die erste Tiefschlafphase ist die längste – sie dauert etwa eine Stunde.

REM-Phase: intensive Träume

Nach der Tiefschlafphase betritt der Schlafende die REM-Phase. Diese Abkürzung steht für Rapid Eye Movement und hat ihren Namen nach den schnellen Augenbewegungen, die man bei Schlafenden feststellen konnte. Der Schlafende liegt nun nicht mehr reglos da wie im vorherigen Tiefschlaf, sondern wird körperlich aktiv: er rollt mit den Augen, zuckt, zappelt, wälzt sich, knirscht mit den Zähnen. Jetzt ist das Gehirn wach und aktiv – die Nervenzellen senden und empfangen Signale, das Gehirn läuft auf Hochtouren und verbraucht viel Energie. „Die im EEG messbaren Gehirnströme sind dann den Mustern des Wachzustandes sehr ähnlich“, so Harnisch.

Ein Erwachsener erlebt in jeder Nacht etwa eineinhalb bis zwei Stunden REM-Schlaf, der sich mit Abständen von rund 90 Minuten auf etwa vier bis 5 Schlafperioden verteilt. REM-Phasen werden im Laufe der Nacht immer länger: anfangs dauern sie nur etwa 10 Minuten, am Ende einer Nacht sind sie 30 oder mehr Minuten lang. Im REM-Zyklus treten verstärkt Träume auf. Die längste Traumphase findet kurz vor dem Erwachen statt: An die Träume aus diesem Zeitabschnitt erinnern wir uns nach dem Erwachen am besten.

Schlafstörungen haben viele Gesichter

Die Wissenschaft beschreibt 88 verschiedene Formen von Schlafstörungen. Diese werden in drei große Gruppen eingeteilt, wie die Experten Zulley und Knab zusammenfassen:

  • Insomnie: die Betroffenen schlafen zu wenig.
  • Hypersomnie: die Betroffenen schlafen zu viel und zum falschen Zeitpunkt.
  • Parasomnie: das sind störende Begleiterscheinungen während des Schlafs wie Schlafwandeln, Zähneknirschen oder Angstträume.

Der Wortbestandeil „Somnie“ kommt von „somnus“, dem lateinischen Wort für Schlaf.

Eine vierte Gruppe sind Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. Menschen, die darunter leiden, schlafen zu einem anderen Zeitpunkt, als es der Tag-Nacht-Rhythmus eigentlich vorgibt – ihre innere Uhr tickt also etwas anders. Gründe können neben Schichtarbeit oder Jet-Lag ernsthafte Störungen der inneren Uhr sein.

Schlafstörungen: Folgen und Risiken

Über längere Zeit kann der Körper zu wenig Schlaf jedoch immer schlechter ausgleichen. „Schon nach wenigen Wochen sinkt die Leistungsfähigkeit generell deutlich; wir arbeiten weniger produktiv, reagieren langsamer und machen Fehler, die auch Unfälle nach sich ziehen können“, warnt Jürgen Zulley.

Schlafmangel, der sich über Monate oder gar Jahre zieht, kann gefährliche Folgen nach sich ziehen: vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Probleme, Anfälligkeit für Infektionen, Gewichtszunahme, zu viel Zucker im Blut bis hin zu Frühdiabetes. Erste Warnsignale sind ein steigender Blutdruck oder häufige Infektionen.

Wer lange Zeit zu wenig schläft, bekommen viermal so häufig Depressionen wie Menschen, die ausreichend schlafen. Chronische Schlafgestörte belegen den zweiten Platz in der Arbeitsunfähigkeitsstatistik, gehen zwei- bis dreimal häufiger zum Arzt als andere und haben eine geringere Lebenserwartung.

Ursachen und Entwicklung – wenn Schlafstörung chronisch wird

Die Prüfung, der Liebeskummer oder die Probleme am Arbeitsplatz: akuter Stress ist die Hauptursache von Schlafstörungen. Verschwindet der Auslöser, sollte der gesunde Schlaf zurückkehren. Tut er das nicht, läuft etwas falsch. Schnell betritt man einen Teufelskreis, der ab einem bestimmten Punkt die Schlafstörung ganz allein aufrechterhält und sie sogar verstärkt.

Schon während der akuten Stresssituation kann der Teufelskreis beginnen. Er startet mit mulmigen Gedanken an die bevorstehende Nacht – etwa: „Oh weh, ich kann bestimmt eh wieder nicht einschlafen und morgen muss ich trotzdem fit sein“. Diese Befürchtungen führen automatisch dazu, dass wir uns geistig-seelisch anspannen; dies wiederum macht körperlich unruhig und verspannt. Sobald wir die Anspannung wahrnehmen – bewusst oder unbewusst – befürchten wir noch intensiver, nicht einschlafen zu können.

Die Nicht-schlafen-können-Spirale dreht sich schneller

Der Körper beginnt sich zu verkrampfen, wenn das Bett in Sicht ist, und produziert Spannung statt Schlaf – der Grund, warum Betroffene nachts aufwachen. Tagsüber drehen sich die Gedanken dann ängstlich um die bevorstehende Nacht, was dazu führt, dass man abends erst recht nicht schlafen kann.

„Zu diesem Zeitpunkt kann man den ursprünglichen Auslöser vergessen“, meint Jürgen Zulley. „Die Schlafstörung hat sich selbstständig gemacht. Unternimmt man jetzt nichts, dreht sich die Spirale schneller nach unten und lässt sich immer schwerer unterbrechen: die Schlafstörung wird chronisch.“

Wer darunter leidet, kann jedoch selbst viel tun: Aus ihrer großen Erfahrung haben die Experten verschiedene Tipps und Maßnahmen entwickelt, um den gesunden und erholsamen Schlaf zu fördern. Und in der kleinen Schlafschule gehen sie den Ursachen von Schlafstörungen näher auf den Grund und stellen verschiedene Wege für geruhsame Nächte vor.

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