Zeitarbeit – eine Option für Kitas?Ein Interview, ein Erfahrungsbericht und eine kritische Bewertung

Die Dienstleistungen von Zeitarbeitsfirmen in Anspruch zu nehmen, kommt für viele Kitas (noch) nicht infrage – sei es, weil es generell kritisch beurteilt wird, sei es aus Kostengründen oder einfach nur, weil es bisher kein Thema war. Trotzdem kann es nicht schaden, sich eine Meinung dazu zu bilden. Wir beleuchten Zeitarbeit deshalb aus drei verschiedenen Perspektiven.

Zeitarbeit eine Option für Kitas
© magele-picture - AdobeStock

Interview mit Benjamin-Patrick Schmitz von der pluss Personalmanagement GmbH:

Welche Vorteile haben Kitas davon, Sie als Dienstleister in Anspruch zu nehmen?
Kitas erhalten von uns schnelle personelle Unterstützung für eine vereinbarte Zeit. Meist agieren unsere Mitarbeiter*innen nach dem „Feuerlöscher-Prinzip“ bzw. als „Springer-Kraft“. Denn Arbeitnehmer*innen-Überlassung wird vielfach erst in Anspruch genommen, wenn die Personalsituation in der Einrichtung wegen Krankheit, Urlaub oder längerfristiger Ausfälle schon angespannt ist. Unsere Dienstleistung führt dann zu einer raschen Entlastung des Stammpersonals und der Leitung. Viele unserer Mitarbeiter*innen entscheiden sich nach einer Zeit als Arbeitnehmer*innen-Überlassungskraft für ein konventionelles Beschäftigungsverhältnis bei der betreffenden Kita, wenn es für beide Seiten passt. Insofern stellt Arbeitnehmer*innen-Überlassung ein zusätzliches Rekrutierungsinstrument für Kitas dar, ist im Grunde aber ein rein kaufmännischer Vorgang: Nur jede geleistete Stunde wird berechnet. Für Kita und Träger entfallen jegliche Einstellungsformalitäten und weitere Personalkosten. Bei Krankheit oder Urlaub sind beispielsweise keine Kosten zu tragen.

Wie und wo akquirieren Sie pädagogische Fachkräfte?
Auch wir stehen immer vor der Herausforderung, Arbeitgeber für unsere Zielgruppe attraktiv in den richtigen Kanälen darzustellen. Wir akquirieren hauptsächlich durch Stellenanzeigen, Investitionen in gezielte Online-Marketing-Kampagnen, konstruktive Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und durch gute Vernetzung mit den Ausbildungsstätten. Außerdem betreiben wir ein effektives Bewerber*innen-Management.

Wie stellen Sie sicher, dass die vermittelten Fachkräfte über die erforderlichen Qualifikationen verfügen?
Unsere Berater*innen vor Ort sind immer auf dem aktuellen Stand der jeweiligen bundeslandspezifischen Personalverordnungen. Diese sind Ausgangspunkt dafür, welche Personen mit welchen Qualifikationen wir suchen. Anschließend prüfen wir deren Bewerbungsunterlagen. Ergänzend zum Lebenslauf erstellen wir mit den Bewerber*innen sogenannte Kompetenzerfassungsbögen, um zu ermitteln, welche Kompetenzen sie bisher sammeln konnten. Darüber hinaus ist ein Großteil unserer Berater*innen selbst „vom Fach“ und lässt eigene Praxiserfahrungen in die Beratung einfließen.

Vermitteln Sie auch „fachfremdes“ Personal an die Einrichtungen?
Wir beschäftigen ausschließlich anerkannte pädagogische Fach- und Ergänzungskräfte. Hin und wieder kommt es vor, dass wir den Kitas Personen überlassen, die durch Ausbildung und/oder berufliche Erfahrungen ihren Schwerpunkt bisher beispielsweise in der Jugend- oder Eingliederungshilfe hatten. Aber auch hier achten wir darauf, dass eine pädagogische Kernkompetenz für frühkindliche Bildung vorhanden ist und die Fachkraft zum typischen Kita-Alltag passt. ‚Für jemanden, der zuvor ausschließlich mit Erwachsenen oder Jugendlichen gearbeitet hat, können Kita-Alltag und Gruppendynamiken durchaus eine Herausforderung sein. In solchen Fällen stehen wir gerade zu Beginn im ständigen Austausch mit der Leitung, um zu erfahren, ob sich unser*e Mitarbeiter*in in die Kita-Arbeit und das jeweilige Konzept einfindet. Ein Einsatz praxisfremder Kräfte erfolgt also immer nur nach vorherigem Austausch mit der Leitung.

Welche Aspekte in der Zusammenarbeit mit Ihren Kunden bergen Konfliktpotenzial?
Zeitarbeit in Kitas ist noch immer eine Konstellation, die mitunter Skepsis beim Stammpersonal hervorruft. Unsere Mitarbeiter*innen müssen sich schnell in Abläufe und Rollen einfinden. Dies bringt Konfliktpotenzial mit sich, da unsere Mitarbeiter*innen schon allein durch ihre Funktion u.U. bestehende Routinen und Abläufe infrage stellen. Dies kann einerseits zu Unruhe führen, anderseits aber auch unsere Mitarbeiter*innen verunsichern, sodass infolgedessen kein harmonisches Verhältnis entsteht. Gelegentlich berichten unsere Mitarbeiter*innen, dass sie sich ausgeschlossen fühlen, weil sie nicht an den Dienstbesprechungen oder Teamtagen teilnehmen können. Aufgrund dieser Situation müssen sie sich in ihrer Profession und Kompetenz oft erst besonders bewähren, bevor sie in ihrer Funktion Akzeptanz erfahren. Deshalb kommt es hier auf einen regelmäßigen Austausch zwischen Leitung und Personalberater*in an, damit ggf. interveniert werden kann.

Aus welcher Motivation heraus lassen sich Fachkräfte von Ihnen an Kitas vermitteln?
Viele unserer Mitarbeiter*innen stehen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn und sind offen für Neues. Gerade bei dieser Generation beobachten wir eine Haltung des Ausprobierens. Sie möchte sich bei ihren ersten Arbeitgebern je nach Träger, Größe und Konzeption der Einrichtung sowie Teamkonstellation noch nicht langfristig festlegen. Von daher finden diese Fachkräfte zum einen die Möglichkeit, über uns einen passenden Arbeitsplatz zu finden, zum anderen, ausschließlich mit Kindern zu arbeiten, da unsere Mitarbeiter*innen in der Regel keine mittelbare pädagogische Arbeit leisten. Außerdem haben pädagogische Fachkräfte die Möglichkeit, über uns auch andere Arbeitsfelder wie Jugend- oder Behindertenhilfe kennenzulernen. Vertraglich bieten wir gute Rahmenbedingungen: unbefristete Einstellung, Bezahlung orientiert am TVöD, bei Bedarf Firmen-PKW für die Mobilität bei Einsatzwechseltätigkeiten etc. Außerdem werden unsere Mitarbeiter*innen von unseren Personalberater*innen persönlich betreut und erhalten bei Bedarf regelmäßige Fortbildungen.

Erfahrungsbericht einer Kita-Leiterin aus dem Harz:

Ich habe meine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin schon 1981 abgeschlossen und leite inzwischen unsere christlich geprägte Kita. Diese arbeitet nach einem auf Bezugsgruppen basierenden, teiloffenen Konzept mit ganzheitlichem, religiös geprägtem Bildungsansatz. Die Kinder stehen bei uns klar im Mittelpunkt. Die Arbeit als Leiterin und in der Kindergruppe macht mir täglich aufs Neue viel Freude. Zunehmend stoßen wir jedoch an Grenzen durch den oft nicht auskömmlichen Mindestpersonalschlüssel. Kurzfristige Sondersituationen führen ebenfalls zu Personalmangel. Hier kann der Personaldienstleiser ein guter Partner sein. Vielleicht fragen Sie sich, wieso wir nicht einfach ein paar neue Erzieher*innen einstellen. Natürlich schalten wir auch Stellenanzeigen, merken aber, dass es immer schwieriger wird, neue Kolleg*innen zu finden. Zudem verändert sich der Bewerber*innen-Markt: Neue Kolleg*innen wollen vorher hospitieren, unser Team und Konzept kennenlernen. Dadurch verlängert sich der Weg bis zur Einstellung immens. Bei kurzfristigen Ausfällen benötige ich jedoch schnellstmöglich Unterstützung. Erfahrungsgemäß dauern solche Notsituationen zwischen vier Wochen und sechs Monaten, sodass es schwierig ist, jemanden zu finden. Auch führt die Befristung potenzieller neuer Mitarbeiter*innen oft zu Unmut und Absagen. Noch vor wenigen Jahren hätte ich uns definitiv kein Personal von einer Zeitarbeitsfirma vermitteln lassen. Ich hatte mich immer gefragt, aus welchen Gründen Fachkräfte zu solchen Firmen gehen: Keine Lust auf Verantwortung? Weniger Arbeit? Solche Vorstellungen geisterten mir durch den Kopf. Mittlerweile weiß ich diese Dienstleistung sehr zu schätzen, da ich schnell und unkompliziert eine Fachkraft zur Verfügung gestellt bekomme. Außer einer kurzen Einarbeitung, die ich sicherstellen muss, ist für mich kein größerer Aufwand damit verbunden. Alles andere erledigen der Dienstleister und unsere Personalabteilung. Für mich ist es eine echte Entlastung, schnell und ohne große Verbindlichkeiten flexibles und qualifiziertes Personal zu bekommen. Nach den Kindern steht mein Team an Überlastung des Personals zu vermeiden, sollte das Team nur in Ausnahmefällen Mehrstunden zur Sicherung der Dienstabläufe leisten. Manchmal werde ich gefragt, ob es bei so einer Dienstleistung nicht auch negative Aspekte gibt. Natürlich kann ich nicht dauernd überprüfen, wie die vermittelten Mitarbeiter*innen ihre Tätigkeiten qualitativ ausführen und wie sie im Team ankommen. Doch im Extremfall besteht immer noch die Möglichkeit zur Abmeldung. Aber die Personalsuche auf dem sonst üblichen Weg mit mehr Aufwand garantiert ja auch nicht, dass es dann funktioniert. Wichtig bei der Auswahl des Dienstleisters ist mir die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das gibt mir ein Stück Sicherheit – vor allem mit Blick auf unsere hochsensible Arbeit und Verantwortung gegenüber Kindern und Eltern. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich beim Dienstleister anrufen kann, er unsere Situation kennt und uns unterstützt, damit die Betreuung unserer Kinder in der Kita gesichert bleibt.

Kritische Bewertung durch Heike Pommerening, ehemals stellv. GEW-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg:

Zeitarbeitsverträge ermöglichen Kita-Trägern als Arbeitgebern Flexibilität, da sie keine Personalreserve für Vertretungsfälle einstellen und vorhalten müssen. So sparen sie die Kosten, die mit einer Festanstellung von Personal verbunden sind. Pädagogische Fachkräfte sind jedoch auf Zeitarbeitsfirmen nicht angewiesen. Da Erzieher*innen sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und sich aufgrund des Fachkräftemangels ihren Kita-Träger und ihren Arbeitsplatz aussuchen können, bieten ihnen Zeitarbeitsverträge keine Vorteile. Auch aus pädagogischer Sicht ist der Einsatz von Zeitarbeiter*innen in Kitas problematisch und wird der hohen Verantwortung Früher Bildung nicht umfassend gerecht. Pädagogische Arbeit umfasst mehr als die direkte Arbeit mit den Kindern bzw. die Sicherstellung von Betreuung. Sie bedarf der Vor- und Nachbereitung und des regelmäßigen Austauschs im Team und mit den Eltern. Deshalb sind zur Überbrückung von Personalausfällen zusätzliche Fachkräfte (Springer) mit festem Kita-Standort notwendig, die dem Team, den Kindern und Eltern vertraut sind. Und nicht zuletzt führt Zeitarbeit zu einer weiteren Zersplitterung der Tariflandschaft, auch wenn für Zeitarbeit ein eigener Tarifvertrag gilt. Maßgeblich für den Bereich der Kindertageseinrichtungen ist der TVöD. Aufgrund der vielfältigen Trägerlandschaft gibt es bereits unterschiedlichste Tarifverträge, die eine Vergleichbarkeit erschweren und für die Beschäftigten oft eher schlechtere Bedingungen festschreiben. Dies schwächt letztlich sowohl Beschäftigte als auch Gewerkschaften, weil es die Verhandlungsmöglichkeiten für Arbeits- und Gehaltsbedingungen einschränkt.

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