Gemeinsam am (Ess-)TischErnährungsbildung in der Zusammenarbeit mit Eltern

Gerade wenn es um die Kita-Verpflegung geht, wird die Zusammenarbeit mit Eltern oft als herausfordernd beschrieben. Dabei eint Familien und Fachkräfte der Wunsch, das Beste für das Kind umzusetzen. Wie das gelingen kann.

Gemeinsam am (Ess-)Tisch
© Renate Alf

Wenn kleine Kinder essen und trinken lernen, sind ihre Eltern die erste verantwortliche Instanz. In der Kita oder Kindertagespflege erweitern die Kinder häufig erstmals ihren Erfahrungshorizont über den familiären Kontext hinaus. Für Eltern bedeutet das, einen Teil ihrer Verantwortung für das Kind in die Hände der pädagogischen Fachkräfte zu geben. Als enge Bezugspersonen sind diese bei Tisch und mit ihrem persönlichem Ernährungsverhalten ein Vorbild, von dem die Kinder durch Beobachtung und Nachahmung lernen. Dieses Beziehungsdreieck zwischen Kind, pädagogischen Fachkräften und Eltern benötigt deshalb eine kontinuierliche, offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Bausteine einer guten Zusammenarbeit

Wichtig ist daher ein regelmäßiger Informationsaustausch, der den Kita-Alltag transparent macht und Eltern daran teilhaben lässt. Wer sich beteiligt und mitgenommen fühlt, akzeptiert andere Werteorientierungen oder pädagogische Vorstellungen eher. Ein weiterer Baustein für die Zusammenarbeit mit Eltern ist das professionelle Grundverständnis der Kita zur Ernährungsbildung und Verpflegung. Wenn die Kita Qualitätsmerkmale beschreibt, z. B. zur Gestaltung der Mahlzeiten, zu einer gesundheitsförderlichen und nachhaltigen Ernährung oder zum Umgang mit den Kindern beim Essen, schafft dies viel Sicherheit für alle Beteiligten. Idealerweise sind diese Qualitätskriterien in einem Verpflegungskonzept ausführlich und nachvollziehbar zusammengefasst. Auf dieser Basis kann ein wertschätzender Dialog mit Eltern gestaltet werden, der auch unterschiedliche Perspektiven gelten lässt.

Sich verstehen und ergänzen

Jedes Kind bringt seine Ess-Biografie in die Einrichtung mit. Diese ist von kulturellen, religiösen und sozialen Einflüssen geprägt, die das Kind vor allem im Elternhaus erfährt. Umgekehrt gehen vom Mahlzeitenangebot und der Gestaltung von Ess-Situationen in der Kita Signale aus, die bis ins Elternhaus zurückwirken. Idealerweise unterstützen und fördern beide Bereiche die Kompetenzen, die das Kind in Bezug auf seine Ernährung erwirbt.
Damit dies nachhaltig gelingt, benötigen Fachkräfte zunächst ein Verständnis von der Lebenswelt der Familie, um es in die Bildungsarbeit einbeziehen zu können. Dabei kann die Kita wichtige Informationen festhalten:

  • Wie sind die Mahlzeiten zu Hause gestaltet?
  • Welche Regeln und Rituale begleiten die Tischsituationen?
  • Was isst das Kind besonders gern?
  • Gibt es Besonderheiten, die das Kind beim Essen zeigt?

Gleichzeitig kann die Kita ihr Verpflegungskonzept vorstellen und zeigen, wie die Kinder einbezogen werden oder was es überhaupt zu essen gibt. Die Kita gestaltet damit einen Rahmen für ein gesundheitsförderliches Verpflegungsangebot und zeigt, wie sich die Einrichtung in Fragen der ernährungsbezogenen Bildungsarbeit positioniert.

Gemeinsames Verständnis im Kita-Team

Ausgangspunkt für eine gelingende Elternzusammenarbeit zu den Kita-Mahlzeiten ist ein gemeinsamer und einheitlicher Qualitätsrahmen, an dem sich das Kita-Team orientiert. Das ist wichtig, weil in Mahlzeitensituationen viele Fragen zum Umgang mit Kindern beim Essen auftauchen:

  • Müssen die Kinder alles probieren?
  • Wie gehen wir mit Kindern um, die auffällig viel oder ganz wenig essen?
  • Was tun, wenn in der Brotbox zu viele Süßigkeiten sind?

Wie Kitas mit ethisch oder religiös motivierten Kostwünschen von Eltern umgehen oder wie sie durch Abwechslung und Vielfalt neue Geschmackserlebnisse ermöglichen – für diese und weitere Fragen können Verabredungen im Team diskutiert und abgestimmt werden. Lösungswege zeigen sich meistens als ein ernährungsbildender Prozess, der sich sowohl an die Kinder als auch an ihre Eltern richtet. Die Kita ist hierbei sowohl Gestalter als auch Vermittler.

Was ist in der Box?

Das Thema Frühstück bietet häufig Gesprächsbedarf. Wenn Eltern den im Verpflegungskonzept festgehaltenen Wünschen der Kita für die mitgebrachte Brotdose nicht entsprechen, sollte die Kita sensibel hinterfragen, was dahintersteckt. Sind es kulturell bedingte Essgewohnheiten, fehlende Ernährungskompetenzen oder finanzielle Grenzen? Manchmal helfen wertschätzende Einzelgespräche oder Eltern-Veranstaltungen zum Thema Frühstück, bei denen die Kinder mitwirken. Dabei ist eine positive Kommunikation zu den mitgebrachten Lebensmitteln immer wichtig. Kein Kind soll sich stigmatisiert fühlen, außerdem lassen sich Lebensmittel nicht grundsätzlich in „gut“ oder „schlecht“ einteilen.
An den genannten Beispielen wird deutlich, dass sich das Kita-Team notwendigerweise mit ernährungspädagogischen Kriterien auseinandersetzt und diese konzeptionell festhält. In einem solchen Qualitätsentwicklungsprozess kommen auch die persönlichen Essgewohnheiten der Fachkräfte zur Sprache. Eine kritische Reflexion des eigenen Essverhaltens und eine Unterscheidung zwischen der privaten und professionellen Haltung sind häufig unerlässlich. Im Ergebnis schafft ein Verpflegungskonzept nach innen Klarheit und Selbstvertrauen im Umgang mit den Kindern (und ihren Eltern). Gleichzeitig wird das Qualitätsverständnis der Einrichtung nach außen glaubwürdig, kongruent und verlässlich dokumentiert. Es kommt mit dem Verpflegungskonzept also ein umfassendes strukturelles und ernährungspädagogisches Verständnis einer Einrichtung zum Ausdruck.

Was gab es denn zu essen?

Die meisten Kitas haben bereits Angebotsformen entwickelt, mit denen sie die Eltern ansprechen und in die pädagogische Arbeit einbeziehen. Um möglichst viele Eltern zu erreichen, sind vielfältig gestaltete Beteiligungsmöglichkeiten förderlich. Kitas können die Eltern etwa als helfende Hand zu Koch- und Backaktionen oder zu Projektwochen mit Kindern einladen oder sie ermuntern, gelegentlich beim Frühstück oder Mittagessen dabei zu sein. Für Eltern ist es wichtig zu erfahren, ob, was und wie ihr Kind am Tag gegessen hat. Ob Kita-Tagebuch, Fotodokumentationen oder Elterncafé – lassen Sie die Familien aktiv am Kita-Leben rund um die Mahlzeiten teilhaben. Manche Eltern erkennen die Kita als einen Erfahrungsraum an, in dem andere Regeln, Normen und Praktiken gelten dürfen als zu Hause. Diese Eltern respektieren etwa abweichende Vorstellungen zum Mahlzeitenangebot und zur Ernährungsbildung und betrachten sie als eine Erweiterung zu ihrer familiären Esskultur.
Anderen Eltern ist es wichtig, dass ihr Kind in der Kita gesellschaftlich-kulturelle Normen lernt, also zum Beispiel, sich am Tisch „richtig“ zu verhalten. Es kommt vor, dass Eltern das Speisenangebot der Kita ablehnen oder kritisieren. Ein solches Verhalten kann als Auseinandersetzung mit der pädagogischen Fachkraft interpretiert werden, wer über die Ernährung des Kindes und damit über sein gesundheitliches Wohl entscheiden darf.
Pädagogische Fachkräfte, Kita-Leitungen und Träger sind gut beraten, die Vorstellungen von Eltern zum Thema Ernährung wahrzunehmen und in geeigneter Weise im Qualitätsrahmen der Einrichtung zu berücksichtigen. : 1 Bei Wünschen von und an Eltern kann eine persönliche und wertschätzende Kommunikation Lösungswege eröffnen. So stärkt etwa ein positives Feedback zur Entwicklung des Kindes die Eltern und zeigt, dass die Kita eine wertvolle Unterstützung ist. Mit einer zustimmenden und offenen Haltung lädt die pädagogische Fachkraft die Eltern zur vertrauensvollen Zusammenarbeit ein. Damit würdigt die Kita den Familienalltag des Kindes. Beide Seiten – Kita und Eltern – können ihre Ziele und Werte zum Ausdruck bringen. Dabei darf es nicht darum gehen, Wertevorstellungen anzugleichen. Es ist vielmehr hilfreich, Akzeptanz und Austausch über die Besonderheiten und Merkmale der jeweiligen Lebenswelt in den Fokus zu stellen. : 2

Über das NQZ

Das Nationale Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) ist auf Bundesebene zentraler Ansprechpartner der Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung der Länder mit der Aufgabe, Maßnahmen und Initiativen zur Qualitätsentwicklung der Kita- und Schulverpflegung in Deutschland zu koordinieren und weiterzuentwickeln. Im Fokus der Aktivitäten stehen die Lern- und Bildungspotenziale von Mahlzeitensituationen. Im Kontext des Gute-KiTa-Gesetzes unterstützt das NQZ die Bundesländer im Handlungsfeld „Gesundes Aufwachsen“ in interministerieller Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Weitere Infos: unter https://www.nqz.de/das-nqz/gute-kita-gesetz

Was Kinder beim Essen lernen

Das gemeinsame Essen ist ein wichtiger Bestandteil im Tagesablauf einer Kita. Kinder können bei den Mahlzeiten grundlegende und dauerhaft prägende Ernährungskompetenzen erwerben. Ihre aktive Beteiligung an Lern- und Gestaltungsprozessen ermöglicht ihnen, reflektierte Ess-Entscheidungen zu treffen. Diese Beteiligung ist alltagsintegriert und altersangepasst (z. B. einen Löffel reichen, im Quark rühren oder Obst schneiden). Die Kinder erfahren dabei, was ihnen guttut und was ihr Körper braucht. So gewinnen sie langfristig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wenn Mahlzeitensituationen so gestaltet sind, dass Kinder positiv und neugierig agieren können, schafft das auch Entspannung im Kita-Team und für die Eltern.

Empfohlene Geschmacksvielfalt

Eine Orientierung an wissenschaftlichen Empfehlungen kann sinnvoll und hilfreich sein. Das gilt auch gerade dann, wenn unterschiedliche Meinungen im Kita-Team oder in der Zusammenarbeit mit den Eltern zur Verpflegungssituation aufeinandertreffen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat einen bundesweiten „Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas“ : 3vorgestellt. Im Fokus der Empfehlungen steht eine abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl, die den Kindern eine große Geschmacksvielfalt ermöglicht. Zudem bietet sie Kita und Eltern Verlässlichkeit, was die bedarfsgerechte Nährstoff- und Energieversorgung betrifft. In seiner aktuellen Fassung berücksichtigt der Qualitätsstandard auch Aspekte der Nachhaltigkeit.
Die Empfehlungen lassen viel Spielraum für Individualität, um die Lebensvielfalt der Kinder und ihrer Eltern sowie die verschiedenartigen Rahmenbedingungen von Angeboten der Kinderbetreung abzubilden. Unabhängig davon, ob sich Kitas gerade in einer Phase der (Neu)Konzeption befinden oder nicht: Um Handlungsfelder für eine Qualitätsentwicklung rund um das Verpflegungsangebot zu identifizieren, hilft grundsätzlich die praktische Anwendung der „DGE-Checkliste für die Verpflegung in Kitas“ : 4. Diese nimmt auch die Gestaltung der Mahlzeitensituationen, die Kommunikation mit den Eltern, eine gesundheitsförderliche Ess-Umgebung und entsprechende Bildungsangebote in den Blick. Sie bezieht dabei ausdrücklich alle Agierenden im Umfeld der Kita ein, die vor allem durch eine abgestimmte Kommunikation zum Gelingen einer guten Kitaverpflegung beitragen. Falls Kindertagesstätten und Kita-Träger hierbei Unterstützung und Fachinformationen benötigen, können sie sich an die Vernetzungsstellen Kitaverpflegung wenden.
Kitas kommen immer wieder mit „neuen“ Eltern und Kindern in Kontakt, deren Lebensrealität unterschiedlich ist. Auch verändert sich das Kita-Team. Daher können das Entwickeln von Qualitätskriterien, die Auseinander- und Umsetzung von Verabredungen zur Ernährungsbildung und zum Mahlzeitenangebot ein dauerhafter Prozess: 5 bleiben. Entscheidend ist, sich für diesen Prozess zu engagieren und alle Beteiligten für eine gesundheitsfördernde Ernährungsbildung zu sensibilisieren.

Fazit

Kita-Leitungen und -Träger haben die Möglichkeit, die Potenziale, die der „Bildungsort Mahlzeit“ bereithält, auszuschöpfen. Das Ziel ist eine gesunde ernährungsbildende Kita als lernendes System, das mit Eltern in engem Austausch steht und die Kinder miteinbezieht.

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