BriefgeheimnisseEin Gespräch unter Kindern

Erwachsene bekommen ständig Briefe. Papiere mit Zeichen, die für die meisten Kita-Kinder noch nicht zu entschlüsseln sind. Spannend sind sie trotzdem – und sie laden zum Nachahmen ein.

Briefgeheimnis
© Maria Sieberer-Semo, Wien

NOAH (5;4 J.): „Wie schreibt man Papa?“

ERZIEHERIN: „Warum?“

NOAH: „Ich mach einen Brief! Frag mich nicht, woher ich das kenne, Matvej ist die Idee eingefallen.“

MATVEJ (5;1 J.): „Noah, du brauchst eine Briefmarke.“

Die Kinder schreiben verschiedene Buchstaben auf einen Zettel, packen diesen in ein Papier und kleben das Papier zusammen.

MATVEJ: „Ich hab’ eigentlich vergessen, was in meinen Brief drinnen steht. Noah, was steht in meinem Brief drinnen?“

NOAH: „Weißt du, wie man ihn aufmachen kann? Da, wo es so flach ist. Aber ich mach’ es nicht, sonst ist er kaputt. Ich kleb’ Blumen drauf, damit alles ein bisschen verschönert ist.“

MATVEJ: „Weißt du denn, was in deinem Brief steht, Noah?“

NOAH: „Ja, mein Name.“

ERZIEHERIN: „Habt ihr schon mal einen Brief bekommen?“

MATVEJ: „Ja, so eine Karte, wo ein Zettel drinnen ist, wo irgendwas draufsteht.“

NOAH: „Irgendwas halt. Das gibt man in einen Briefkasten, geheimnisvollen Briefkasten. (…) Mein Brief ist fertig! Ich schenk ihn meiner Mama, weil sie so lieb ist.“

ERZIEHERIN: „Wie habt ihr das gemacht mit dem Schreiben? Wie sind die Wörter in euren Kopf gekommen?“

FRIEDA (5;6 J.): „Wir verraten es nicht! Und weißt du, warum wir es nicht verraten? Weil wir es selber nicht wissen.“

Für mich ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie Kinder den Zugang zum Schreiben finden. Oft ist es wie ein Dominoeffekt. Ein Kind beginnt damit, Buchstaben aneinanderzureihen. Dann fragt es, was es da geschrieben hat, und amüsiert sich köstlich, wenn ich ihm sein Wort vorlese. Diese unbändige Freude ist wie ein Sog und zieht alle anderen Kinder in ihren Bann. Alle versuchen jetzt, Buchstaben aneinanderzureihen und wollen diese vorgelesen bekommen. Die Mädchen und Jungen sind zu Wortschöpfer*innen geworden!

Das Gespräch wurde in einem Kindergarten in Wien von Maria Sieberer-Semo dokumentiert.

Dialoge unter Kindern gesucht!

Gespräche von Kindern sind für die individuelle Entwicklungsbegleitung bedeutsam, oft geben sie auch Impulse für Aktionen und Projekte. Diese Reihe macht sichtbar, was Kinder über sich und die Welt denken und was sie interessiert. Wir laden Sie ein, mitzumachen und einen dokumentierten Dialog mit einem passenden Foto einzureichen.

Wir freuen uns auf Ihre Einsendung an: redaktion@kindergartenheute.de

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