Vor der Kita ist was losEine Baustelle wird zum spannenden Lernort für Kleinstkinder

Die Arbeiten an der Straße sind für Kinder eine gute Gelegenheit, bei den Expert(inn)en Wissenswertes über Maschinen und Fahrzeuge zu erfragen. Ihre Erlebnisse spielen und bauen sie nach. Ein Projekt über ko-konstruktives Lernen in Alltagssituationen.

Vor der Kita ist was los
© Kirsten Bender, Dortmund

Die bis 3-jährigen Kinder interessieren sich für Baustellen. Mit großen Kissen und Baustellenabsperrungen bauen sie seit Wochen in ihrem Gruppenraum Baustellen nach. Es sind auch Westen, Helme und Handschuhe zum Verkleiden vorhanden. Eines Morgens fällt den Kindern eine Veränderung auf der gegenüberliegenden Straße auf. Was ist denn da los?

Eine Baustelle vor der Haustür

Am Fenster zur Baustelle hin wird es immer voller. Die Kinder schauen hinaus und erzählen sich aufgeregt, was sich vor der Kita abspielt. Was für ein Glück: Vor dem Kinderhaus wird eine Baustelle eingerichtet. Die Kinder, die früh da sind, schauen zu, wie ein Fahrzeug nach dem anderen ankommt. Diejenigen, die später kommen, müssen einen Umweg fahren, weil sie an den Absperrungen nicht mehr vorbeikommen. Die Kinder haben sich eine Menge mitzuteilen. Diese Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen und besuchen gemeinsam die Baustelle. Zuerst schauen die 3-Jährigen zu, wie die Fahrbahndecke mit einem Crusher aufgebrochen wird. Das macht einen fürchterlichen Lärm. Dann befördert die Maschine die Asphaltstücke über ein Förderband auf einen Lastkraftwagen. „Die Maschine ist wie ein Langhals, der Asche ausspuckt“, umschreibt Jonathan den Vorgang. Nachdem die Fräse ihre Arbeit verrichtet hat, beobachten die Kinder, wie sie gereinigt und auf einen Lkw gefahren wird, bereit zum Abtransport. Für heute scheinen die Arbeiten beendet zu sein.

Das ist ein Radlager und kein Bagger

Am Straßenrand parken noch weitere Baustellenfahrzeuge. Die Kinder schauen sie sich genau an. Zu jedem Fahrzeug haben sie eine Idee: „Mit der großen Rolle machen die alles ganz platt, damit die Autos wieder schön fahren können.“ „Davor buddeln die aber noch ein ganz tiefes Loch mit dem Bagger.“ „Das ist kein Bagger. Das ist ein Radlader“, erklärt eines der Kinder. Auf dem Lkw entdecken die Kinder einen Stampfer, der „immer auf und ab hüpft“. Am zweiten Tag haben manche Eltern Schwierigkeiten, ihre Kinder in die Kita hineinzubringen, weil diese lieber direkt zur Baustelle gehen und weiter zuschauen möchten. Beim gemeinsamen Besuch sehen wir, dass die Baustellenfahrzeuge, die am Vortag am Straßenrand geparkt wurden, im Einsatz sind. Wir informieren uns in Büchern und im Internet und können die Fahrzeuge benennen. An einer Stelle trägt der Radlader große Asphaltstücke ab und bringt sie zu einem Muldenkipper am Ende der Baustelle. An einer anderen Stelle lässt ein Deckenfertiger heißen Asphalt auf die Erde rieseln, eine Walze glättet und verdichtet ihn. Die Kinder laufen hin und her, um nichts zu verpassen. Allerdings sind die Fahrzeuge auch ziemlich laut. Das gefällt nicht jedem. „Die Bauarbeiter haben auch Ohrenschützer auf“, bemerkt Marina. „Vielleicht können wir für Ina auch welche ausleihen.“ Außer Ina wollen alle bleiben und weiter zuschauen. Auch der Stampfer ist in Aktion. Emilian hüpft auf und ab, während eine Erzieherin ihn an den Schultern fasst und wie ein Stampfer hin- und herbewegt. Das spielen die Kinder noch lange nach dem Projekt immer wieder nach. Emilian stellt fest, dass der Sand dort, wo er hüpft, wirklich platt und fest wird. Ein kleines Stück Asphalt bleibt liegen. Die Kinder schnuppern daran. Asphalt sieht zwar „schön aus, aber stinkt ganz doll“. Die Bauarbeiter freuen sich über die Abwechslung und die Zuschauer/-innen. Sie rücken sogar mal die Absperrung zur Seite, damit die Kinder besser schauen können. Was genau an der Straße gemacht wird, erfahren wir allerdings nicht. Es ist sehr laut und die Arbeiter sprechen kaum Deutsch. Leider ist die Baustelle schon nach zwei Tagen wieder verschwunden. Für die Kinder haben wir einige Fotos von den Fahrzeugen gemacht und sie im Gruppenraum aufgehängt. In den Erzählrunden geben die Kinder den Fahrzeugen ihre richtige Bezeichnung. Für Jonathan, Antonia und Marina ist das richtige Benennen sehr wichtig. Die Kinder berichten auch von Baustellen, die sie schon mal woanders gesehen haben. Marina zeigt stolz Fotos von der Baustelle im eigenen Garten.

Im Kinderhaus wird es laut

Von der Baustelle zurück, ziehen die Kinder ihre Bauarbeiterwesten an, setzen die Helme auf und spielen nach, was sie gesehen haben. Dabei sind sie selbst Fahrzeuge und entsprechend laut. Das vorhandene Baumaterial reicht nicht mehr aus. Im Bewegungsraum geben wir den Kindern zusätzlich zu den Kissenelementen jede Menge Schuhkartons, die hin- und herbefördert, aufgebaut und wieder umgestoßen werden. Jonathan findet beim Spielen auf dem Bauteppich kein Fahrzeug. Also haben wir welche in handlicher Größe gebaut. Die Bauarbeiterfiguren stellen die Kinder aus Korken und Stoff her. Als Helm setzen sie den Figuren Kronkorken auf und malen sie gelb an. Aus Papier entstehen die Leitkegel für die Absperrung, aus unterschiedlichen Kartons, Zeitungspapier, Kleister, Toilettenpapierrollen, Bierdeckeln, Käseschachteln und Pappe die Fahrzeuge. Die Kinder schauen sich die Fahrzeuge vorher noch einmal genau an. In der Mitte der Runde liegen die Materialien. Die Kinder haben eine Vorstellung davon, womit sie das Grundgerüst und die Räder oder Walzen darstellen möchten.

Eine Baustelle im Gruppenraum

Sie probieren eine Weile aus, wie die Teile zusammenhalten könnten. Der Tipp, die Einzelteile mit Kleister und Zeitungspapier aneinanderzukleben, hilft weiter. Es macht ihnen Freude, mit dem Kleister zu matschen und die Zeitungspapierschnipsel auf den Schachteln zu verteilen. Die Kinder wissen genau, welche Schachteln an welche Stellen kommen. Damit das Ganze auch hält, brauchen die jüngeren Kinder unsere Unterstützung. Am darauffolgenden Tag nehmen die Fahrzeuge Gestalt an. Nachdem der Kleister getrocknet ist, bringen die Kinder mit Briefklammern und Kleber die Schaufeln und Räder an. Zum Schluss kommt Farbe dazu, dabei orientieren sie sich am Original.
Für die Fahrzeuge gibt es einige kleinere Materialien wie Kastanien, Korken und Verpackungsmaterial, die hin- und herbewegt werden können. Da die Kinder sich für unterschiedliche Fahrzeuge entschieden haben, können sie nun auch Prozesse nachspielen. Am Spieltisch beladen die Kinder ihre Fahrzeuge mit Sand und setzen die Arbeiten an ihrer eigenen Baustelle fort.

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