Kompetenzorientierung in der AusbildungEin Interview

Diese wird seit über einem Jahr von Fachschulen und -akademien in den Unterricht implementiert. Die Komplexität dieser Aufgabe wird erst nach und nach deutlich. Daher fordert die BöfAE in ihrem „Frankfurter Appell“ eine Unterstützung für Lehrkräfte. Wie diese aussehen muss, schildert Ruth Schwake im Gespräch.

Kindergarten heute: Warum forderten Sie erst 2015 von den Kultusministerien Unterstützung, obwohl das Qualifikationsprofil der Kultusministerkonferenz (KMK) schon 2011 vorlag?

Ruth Schwake: Es war ein langer Weg, bis aus den Vorarbeiten auf Bundesebene Lehrpläne für die Länder entstanden. Das Qualifikationsprofil der KMK, das die Aufnahme der Kompetenzen in die Lehrpläne vorsieht, wurde zwar im November 2011 entwickelt, aber erst 2012 verabschiedet. Und das war nur der erste Schritt. Der deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), der auf dem europäischen (EQR) aufbaut, trat dann 2013 in Kraft. Erst nach diesem zweiten Schritt konnten die Lehrpläne überarbeitet und angepasst werden. Sie müssen noch berücksichtigen, dass diese bis dato nicht kompetenzorientiert waren und in jedem Bundesland ein anderer Lehrplan galt. Deshalb musste zunächst ein länderübergreifender Lehrplan - erstmalig in der Geschichte der Erzieher- und Erzieherinnenausbildung - und das neue didaktische Konzept der Kompetenzorientierung entwickelt werden. Eine Arbeitsgruppe aus fast allen Kultusministerien der Länder hat das übernommen. Erst danach konnte jedes Bundesland seinen Lehrplan erarbeiten. Anfang 2015 konnten die meisten Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik mit der Implementierung der neuen Lehrpläne beginnen. Die Komplexität dieser Aufgabe wurde erst nach und nach deutlich.

Das erklärt noch nicht, warum Sie die Forderung im November 2015 ausgesprochen haben. Was war zu diesem Zeitpunkt passiert?

Wir erhalten aus den Ministerien Verordnungen, die umzusetzen sind. Wie das geht, was es in der Praxis bedeutet, das müssen wir lösen. In diesem Fall führt das zu einem völlig neuen System von Lernen und Unterrichten. Erst einmal haben die Lehrkräfte den neuen Lehrplan didaktisch so aufbereitet, dass daraus Unterricht bzw. eine Ausbildung werden konnte. Denn die zentralen Elemente „Kompetenzorientierung“ und „Handlungsorientierung“ bedeuteten einen Paradigmenwechsel auf didaktischer und methodischer Ebene. Die Teams in Fachschulen müssen einen hohen Aufwand an Curriculumarbeit leisten. Bundesländer und Schulen sind da auf unterschiedlichem Stand. Und zu Ihrer Frage: Im November findet immer die Jahrestagung der BöfAE statt, auf der wir aktuelle Themen der Ausbildung von Erziehern und Erzieherinnen diskutieren. Voriges Jahr sprachen wir darüber, was Kompetenzorientierung insgesamt und im Rahmen der Ausbildung an staatlichen und freien Schulen bedeutet. Es zeigte sich, dass wir unbedingt weitere Ressourcen benötigen, um ein solides Ergebnis in der Umsetzung der Lehrpläne zu bekommen. Wir haben intensiv diskutiert, wie sich die Lehrerrolle verändert, und es wurde deutlich, dass einige Bundesländer mehr Unterstützung aus den Kultusministerien benötigen. Form und Umfang der Unterstützung sind in den Ländern sehr verschieden.

Was fordern Sie konkret an Unterstützung von den Ministerien?

Fort- und Weiterbildungen für die Lehrkräfte, um sich für die Anforderungen qualifizieren zu können. Dass Fachberater und Fachberaterinnen in allen Bundesländern in den Prozess eingebunden werden. Dass die Schulen besser werden und die Möglichkeit bekommen, sich regional auszutauschen; Handreichungen; Prozessbegleitung bei Umstellung der Lehrpläne. Damit meinen wir vor allem Stundenkontingente. Den Teams der Fachschulen ist erhebliche Mehrarbeit entstanden. Wir in den Fachschulen müssen ohnehin immer viel neben dem Unterricht planen und erledigen. Aber diese Änderung ist so grundlegend, dass wir für eine Übergangszeit Anrechnungsstunden brauchen. Damit der Paradigmenwechsel gelingt, ist eine erfolgreiche Implementierung der neuen Lehrpläne notwendig. Um das zu bewerkstelligen, müssen die Teams der Fachschulen und Fachakademien Zeit zur Verfügung haben. Das kann man nicht von heute auf morgen machen, auch nicht zusätzlich oder nebenbei.

Haben Sie aus den Ministerien schon Antwort erhalten?

Meines Wissens gibt es noch keine offizielle Antwort aus dem Bundesministerium und nur aus wenigen Länderministerien. In Niedersachsen haben wir schon eine informelle Antwort bekommen.

Und wie lautet sie?

Da in Niedersachsen bereits seit 2008 über einen Schulversuch die kompetenzorientierte Erzieher/-innenausbildung entwickelt wurde, können wir sie heute landesweit implementieren. Damals schon stellte das Ministerium entsprechende Ressourcen bereit. Auch den jetzigen Prozess begleitet es inhaltlich.

Vor welchen Herausforderungen stehen Fachschulen/-akademien und Lehrkräfte durch die Kompetenzorientierung?

Es gibt nicht mehr die klassischen Fächer, sondern Lernfelder. Die Kompetenzen, die von den Schülern und Schülerinnen entwickelt werden sollen, stehen nun im Vordergrund. Das stellt hohe und ganz andere Anforderungen an Lehrkräfte: Wie entwickle ich didaktisch zielführende Lernsituationen, sodass Schüler und Schülerinnen Handlungskompetenzen erwerben? Wie gestalte ich den Unterricht methodisch? Das zentrale Element - nämlich der Theorie-Praxis-Bezug - muss didaktisch neu geplant beziehungsweise integriert werden. Und wie konzipiere ich kompetenzorientierte Prüfungen? Denn der Begriff Kompetenz besagt, Wissen, Fertigkeiten und Sozialkompetenz in einer Handlung zusammenzubringen. Und das sieht man nur in Praxissituationen.

Herzlichen Dank. Wir wünschen Ihnen, dass Sie in allen Bundesländern die nötige Unterstützung erhalten.

Das Gespräch führte Dr. Katrin Creutzburg.

Kompetenzen3

Im Rahmenplan für die praktische Ausbildung von Erziehern und Erzieherinnen sind 15 Kompetenzen definiert, die im Laufe der Ausbildung zu erwerben sind:

  1. Pädagogische Beziehungen gestalten
  2. Erziehungs- und Bildungsprozesse gestalten
  3. Gruppenprozesse einschätzen und initiieren
  4. Gruppen eigenverantwortlich leiten
  5. Projekte, Aktivitäten und pädagogische Maßnahmen gestalten
  6. Zu verantwortungsbewusstem Umgang mit der Umwelt anleiten
  7. Partizipation ermöglichen
  8. Übergänge gestalten
  9. Rechtliche, konzeptionelle und organisatorische Bedingungen der pädagogischen Arbeit angemessen beachten
  10. Erziehungs- und Bildungspartnerschaften gestalten
  11. Konstruktiv im Team arbeiten, das Team weiterentwickeln
  12. Bei Öffentlichkeitsarbeit mitwirken
  13. An Konzeptions- und Qualitätsentwicklungsprozessen mitwirken
  14. In Netzwerken kooperieren
  15. Verwaltungs- bzw. Arbeitsabläufe mit den Kommunikationssystemen vor Ort mitgestalten

Ziel der Kultusministerien und Lehrkräfte ist es, diese 15 Kompetenzen so weit zu operationalisieren, dass sie in theoretischen und praktischen Schritten dargestellt und in der Ausbildung überprüfbar werden.

Ruth Schwake ist Dipl.-Pädagogin mit Staatsexamen in Sozialpädagogik an Berufsbildenden Schulen und Studiendirektorin an der Herman-Nohl-Schule in Hildesheim, Leiterin der Abt. Sozialpädagogik und Hauswirtschaft, Vorstandsmitglied der BöfAE sowie der LAG der Fachschulen für Sozialpädagogik, Erzieher/-innenausbildung in Niedersachsen.

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