Célestin FreinetGrundgedanken bedeutender Pädagogen und ihre Aktualität für die Bildungsarbeit heute (4)

Armut und gesellschaftliche Ungerechtigkeit beschäftigten Célestin Freinet ebenso wie die vorherrschenden Haltungen gegenüber Kindern und die Unmenschlichkeit der Lernmethoden seiner Zeit. Seine Beobachtungen und Erfahrungen führten zur Entwicklung seines reformpädagogischen Ansatzes auf Grundlage eines für die damalige Zeit neuen ganzheitlichen Bildes vom Kind.

Freinet wurde 1896 als fünftes von acht Kindern in Südfrankreich geboren. Sein Elternhaus war bäuerlich, er war den Umgang mit Natur, Tieren und Werkzeug gewohnt. Die Schulzeit muss für ihn wegen ihrer Einengung eher eine Qual gewesen sein, dennoch wollte er selbst Lehrer werden, begann 1913 seine Ausbildung und trat 1920 eine erste Stelle an. 1926 heiratete er seine Frau Elise, die ihm nicht nur familiär, sondern auch in seiner Tätigkeit als Lehrer und in der Entwicklung seiner Konzepte eine kompetente Partnerin gewesen ist. Pädagogisch ist er fasziniert von den unterschiedlichsten Strömungen der Reformpädagogik, die in diesen Jahren in Blüte steht. Die Bedingungen des Lernens, wie er sie als Schüler und Lehrer in den Schulen kennengelernt hat, widerstreben ihm. Die Idee des Landerziehungsheims von Hermann Lietz gilt als Vorbild für seine private Schule in Vence.

Das Kind ist Akteur seiner Entwicklung

Was zur Lebenszeit Freinets neu und radikal war, gilt heute als konzeptioneller Standard in der Frühpädagogik. Für Freinet steht das Kind im Mittelpunkt, er betrachtet das Kind als Akteur seiner Entwicklung. Er setzt „auf die Gesundheit und den Elan des Individuums, auf seine Ausdauer und seine schöpferischen aktiven Kräfte, auf die Entfaltung der seiner Natur gemäßen Möglichkeiten, damit es vorwärts schreite und sich in seiner maximalen Kräftebildung verwirkliche.“1 Kinder erschaffen sich selbst, sie gestalten, sie entscheiden, sie handeln ihrer eigenen Persönlichkeit entsprechend. Dem Individuum gebührt Respekt und Anerkennung seiner Eigenständigkeit, ihm wird Selbstentwicklung und Eigenverantwortlichkeit zuerkannt. Entsprechend gilt es, den Kindern das Wort zu geben, sie mitbestimmen zu lassen und ihre Wege der Entwicklung zu akzeptieren und zum Ausgangspunkt des Handelns zu machen.

Erziehungsziele sind nicht von außen bestimmt

Das Kind soll nicht auf die Ziele der Gesellschaft hin getrimmt werden, es soll „in einem größtmöglichen Maße zur Entfaltung seiner Persönlichkeit im Schoße einer vernünftigen Gemeinschaft“ 2 gelangen. Kinder sollen von Geburt an als Individuen behandelt werden, sie sollen Verantwortung und Mitspracherecht zugeschrieben bekommen. Freinet nimmt vorweg, was Jahrzehnte später in der Demokratisierungsbewegung der Elementarpädagogik (z. B. im Situationsansatz) Gestalt und gelebte Praxis erfährt. Erziehungsziele ergeben sich aus den Wegen und Entwicklungsbedürfnissen jeden Kindes. Diese zu finden und als Ausgangspunkt der Unterstützung der Kinder zu nutzen, wird als herausragende Aufgabe der Erziehenden gefordert.

Fachkräfte gewähren den Kindern Raum

Erziehung im Sinne Freinets verlangt eine aufmerksame und zugewandte Haltung von Fachkräften. Entscheidendes Prinzip ist es, die eigenen Wege der Kinder zu fördern. „Jede Pädagogik ist verfehlt,“ – so schreibt Freinet – „die sich nicht zunächst auf den zu Erziehenden stützt, auf seine Bedürfnisse, seine Gefühle und seine innersten Wünsche.“ 3 Das Kind ist hungrig nach Leben und Aktivität. Erzieherinnen unterstützen Kinder darin, diesem Hunger nachzugehen. Sie geben ihnen im Rahmen des pädagogischen Alltags die Verantwortung und die Möglichkeiten zur Hand, diesen Hunger zu stillen und Erkenntnisse des Lebens zu gewinnen. Die Erwachsenen achten aufmerksam auf die Wege des Kindes und ermöglichen es ihnen, ihren Bedürfnissen Ausdruck zu geben und ihre Vorstellungen von Welt zu erproben. Erziehung ist nach Freinet ein Prozess, der durch tastendes Versuchen und die Einflüsse der natürlichen Lebensumstände bestimmt wird. „Aufgabe der Erzieherin ist es dabei, die individuellen Potenziale und Neigungen des Kindes zu erkennen und ihm eine entsprechend reiche, helfende Lernumwelt zu schaffen, in der es die optimale Förderung erhält.“ 4 Dazu bedarf es eines Konzeptes in Kindertagesstätten, das diesen individuellen, oft spontanen und differenzierten Wünschen des Kindes Raum und Anregung gibt. Heute finden sich solche Ansätze in vielen Konzeptionen der Frühpädagogik (z. B. im offenen Kindergarten).

„Die natürliche Methode“

Dieser in der Freinet-Pädagogik gebrauchte Begriff entstand aus der Abgrenzung Freinets zur Schulpädagogik seiner Zeit. Den Unterricht erlebte er als weltfremd, an den Interessen der Kinder vorbei. Schulbücher waren für ihn ein Instrument der Verdummung. 5 Sein pädagogischer Ansatz stellt das Kind ins Zentrum und nicht mehr den Lehrer. Ausgangspunkt ist das reale Leben der Kinder. „Die natürliche Methode, die auf den freien Ausdruck des Kindes und das tastende Versuchen gegründet ist, fördert die einzelnen Lernschritte in Richtung auf eine genetische Arbeit, die allen Ansprüchen des Menschen gerecht wird.“ 6 Freinet nutzte das alltägliche Leben und seine Herausforderungen als Lernfeld für die Kinder. Er nutzte den Raum und die Natur als aktuelle und reale Gegebenheiten, mittels derer die Kinder ihre Erfahrungen machen können. Die selbstständige Arbeit mit der Umwelt erkannte er als erziehende Kraft. Bekannt geworden ist Freinet im Bereich des Lese- und Schreibunterrichts durch die Einführung der Schuldruckerei. Hier konnten die Kinder ihre frei entwickelten Texte setzen und drucken und darüber zum Austausch mit anderen geraten. Im Bereich der Frühpädagogik bedeutet dies, die Entwicklungsräume der Kinder so natürlich wie möglich zu gestalten und ein Milieu der alltäglichen Anregung zu schaffen, die Impulse setzt, denen die Kinder aus eigenem Interesse nachgehen können. Dazu gehört auch der freie und häufige Umgang mit der Natur.

Die Rechte der Kinder achten

„Wir wollen, dass unsere Schule ein gemütlicher, anheimelnder Ort sei, in dem das Herz des Kindes aufbricht und ihre Gedanken offenbart werden.“ 7 Neben der Betonung von Lerntechniken und Lernarrangements bedarf das pädagogische Handeln im Sinne Freinets einer behutsamen Begleitung durch die Erwachsenen und einer unterstützenden Gestaltung des Alltags gerade in Kindertagesstätten. Die Erzieherinnen sind nicht nur dafür zuständig, den sachlichen und natürlichen Rahmen des Lernmilieus zu gestalten. Entfaltung von Kindern ist nur in einer Atmosphäre möglich, in der sie die Erwachsenen als unterstützend und interessiert, als dialogbereit und zustimmend erleben können. Die Lernatmosphäre in Freinet- Einrichtungen ist geprägt durch die Achtung der Rechte der Kinder, die Anerkennung und Individualität der Kinder und die zustimmende Unterstützung aller Prozesse, die von den Kindern ausgehen. Dadurch, dass jedem Kind zugestanden wird, nicht das Gleiche wie die anderen Kinder zur gleichen Zeit zu tun, bedarf es in der pädagogischen Praxis einer sensiblen Verständigung zwischen Erwachsenen und Kindern und den Kindern untereinander. Dieses dialogische Szenario ist kennzeichnend und wird in Einzelgesprächen, Gruppengesprächen und Kinderkonferenzen praktiziert.

Wenn Kinder arbeiten, spielen sie

Freinet spricht vom Begriff der Arbeit als Haupt-Tätigkeit des Kindes. Der Begriff des Spiels bleibt dahinter zurück. Unter Arbeit wird eine Tätigkeit verstanden, die aus dem inneren Trieb des Kindes nach Erfüllung und Bestätigung entspringt. Wir würden dies heute als kindliches Spiel beschreiben. Freinet nennt diese Arbeit auch „Arbeit mit Spielcharakter“ (travail-jeu). Arbeit gehört bei Freinet zur natürlichen Bestimmung des Menschen und unterstützt ihn in der Entwicklung seiner geistigen und körperlichen Kräfte. Und sie findet im realen Leben statt. Wenn Kinder also in ihrem Leben die Dinge aus eigenem Antrieb ernsthaft betreiben und sich in ihren Welten betätigen, so würde das für den Erwachsenen wie Spiel aussehen. Für die Kinder ist es im Sprachgebrauch Freinets Arbeit. „Sehen Sie sich genau an, wie Kinder spielen: Man sieht, dass sie in ihrer Arbeit völlig bei der Sache sind, in einer anderen Welt versunken, in der sie schließlich ihren Bedürfnissen und in ihrem Rhythmus entsprechend leben. […] Greifen die Erwachsenen ein, ist der Zauber gebrochen.“ 8 Ob man heute den Spiel-Begriff gegen den des Arbeitsbegriffes diskutieren möchte oder nicht, scheint zweitrangig. Entscheidend sind die selbstbestimmten Aktivitäten der Kinder, die sie mit hohem Ernst im Umfeld ihres Erfahrungsraumes betreiben müssen, um ihr Potenzial, ihren Lebenswillen und ihre Neugierde auf die Welt zu befriedigen.

Partizipation leben

In den Freinet-Klassen gehört es zum selbstverständlichen Alltagsablauf, dass in Klassenkonferenzen und Tagesbesprechungen die jeweiligen Anliegen und Wünsche der Kinder vorgetragen und diskutiert werden. Die Verantwortung, die Kinder für ihr eigenes Lernen übernehmen, geht in eine Verantwortung für gemeinsame Entscheidungen und für das gemeinsame Lernen über. Kinder und Erwachsene kommen in gleichem Maße zu Wort. Mitverantwortung wird nicht gespielt, sondern praktiziert. Das Recht, sich in alles einmischen zu dürfen, durchzieht den gesamten Alltag. Die Erwachsenen nehmen den Kindern so wenig Entscheidungen wie möglich ab.

Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen

Freinet war Lehrer, tätig und engagiert für die schulische Entwicklung von Kindern. Gleichwohl entfaltete sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ein Interesse, die Grundannahmen und Visionen des französischen Pädagogen nutzbar zu machen für die Frühpädagogik. Freinet-Pädagogik ist kein starrer Organisationsrahmen. Es gibt keine reinen Freinet-Kindergärten, es gibt keine Freinet-Materialien, es gibt kein Freinet-Diplom. Freinets Ideen entstanden in der Praxis und er selbst betonte, dass er keine strenge Lehre geschaffen habe. „Wir bieten den Erziehern, die in ihren Klassen in Schwierigkeiten geraten sind, Werkzeuge und Techniken an, die lange erprobt wurden; diese können ihnen die pädagogische Arbeit erleichtern.“ 9 Er entwickelte Grundhaltungen, die gegenüber Kindern zu leben sind: Anerkennung der Rechte der Kinder, Dialogbereitschaft, Lernen im Leben, Lernen durch Tun und Ausprobieren, Selbstverantwortung der Kinder. Dies macht den Reiz der Freinet-Pädagogik aus, die mitunter als „Ideen-Steinbruch betrachtet wird, aus dem sowohl ganze Blöcke als auch Einzelelemente entlehnt werden können, um den Unterricht in allen Schulformen – […] – offener, lebensbezogener, schülerfreundlicher zu gestalten.“ 10 Aus dem Vermächtnis Célestin Freinets können folgende Ideen für die aktuelle Arbeit in Kindertageseinrichtungen wirksam werden:

  • Beziehung zwischen Erzieherin und Kind
    Wir finden bei Freinet Aussagen zur Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind. „Die individuelle Erziehung setzt Liebe voraus, Erziehung ist Liebe.“ 11 Oder: „Glücklich sind die Schüler, die auf ihrem Weg einem großherzigen und klugen Erzieher begegnen.“ 12 Gleichzeitig wehrt sich Freinet gegen Haltungen, denen keine Handlungen folgen. Die Pädagoginnen haben ein Ziel, nämlich das Wachstum und das Drängen des jungen Menschen nach Erkenntnis zu unterstützen. Erzieherinnen in Kindertagesstätten haben den Auftrag, eine für jedes Kind förderliche Umgebung zu gestalten. Im Dialog mit jedem Kind und durch Beobachtungen wird sie herausfinden, welche Herausforderungen das Kind weiterbringen. Sie vertraut darauf – und das ist das Entscheidende –, dass jedes Kind spürt und weiß, was es braucht und was es benötigt.
  • Selbstentscheidung und Selbstverantwortung
    Folgerichtig ist es den Kindern in Einrichtungen, die nach den Prinzipien Freinets arbeiten, möglich, eigene Entscheidungen zu treffen, was, wo und mit wem sie spielen (oder arbeiten) möchten. Die Einrichtungen verfügen über ein Konzept, in dem Kinder jeweils Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten vorfinden, z. B. durch ein offenes Raumkonzept. Kinder können sich Bewegungsanforderungen stellen, die Werkstätten aufsuchen, im Atelier tätig sein oder in den Garten gehen. Dazu werden Regeln vereinbart oder Voraussetzungen geschaffen, die das Prinzip der Eigenverantwortung unterstützen. „Werkstatt-Diplome“ oder „Bewegungsraum- Führerscheine“ werden eingeführt und können von den Kindern erworben werden, um der gegenseitigen Verantwortung einen Rahmen zu geben. Kinder übernehmen auch Ämter und Pflichten, beispielsweise für die Pflege der Pflanzen und des Gartens.
  • Spielen und Arbeiten in lebensnahem Raum
    „Sinn entsteht dort als leitendes Prinzip, wo sich Kinder nahe am wirklichen Leben entwickeln können.“ 13 Kennzeichnend ist in Freinet-orientierten Kindertagesstätten, dass die Gestaltung des Milieus unmittelbar am wirklichen Leben orientiert ist. Die Beschäftigung mit realer Technik, realer Natur und realem wirtschaftlichem Leben steht im Mittelpunkt. Die oftmals erwähnte Druckerpresse im Zeitalter von Freinets Wirken steht hierfür heute symbolhaft. Die Kindertagesstätte ist Tor zum Leben in der realen, greifbaren und gesellschaftlichen Welt. Es wird ein Garten angelegt, es wird dort, wo es möglich ist, der Wald, das Feld, das Gewässer miteinbezogen. Andernorts gehört das kulturelle Angebot im Umfeld der Kindertagesstätte zum festen Begegnungs-Ort. Begegnungen mit Berufen und Wirtschaft gehören ebenso zum Programm wie das Einkaufen und günstigstenfalls die Beteiligung an Verpflegung und Zubereitung von Mahlzeiten. Handwerkliche Notwendigkeiten im Haus gehören zur Alltagserfahrung ebenso wie die Verrichtungen des täglichen Lebens: fegen, saugen, aufräumen. Es gibt echte Werkzeuge in Haus und Garten.
  • Ateliers und Werkstätten
    Die Anregung der Kinder durch Raum und Materialien ist ein weiteres herausragendes Kennzeichen dieser Pädagogik. Freinet spricht von der „neuen Fähigkeit, eine günstige Umgebung schaffen zu können und den besten Gebrauch des Materials zu ermöglichen, das wir den Kindern als Hilfe zu ihrer Verwirklichung in der Arbeit an die Hand geben.“ 14 In den Freinet- Schulen dachte er dabei an Ateliers und Werkstätten in den Bereichen Feldarbeit, Schmiede, Tierzucht, Druckerei, Schreinerei, Weberei, Bau, Mechanik, Handel, Forschung, Kreativität und vieles mehr. Leicht zu übertragen scheinen diese Ideen auf die Arbeit in heutigen Kindertagesstätten nicht. Es gibt aber ermunternde Beispiele von Werkstätten, „Funktionsräumen“ und Lebensbereichen, die in Kindergärten immer wieder mit Erfolg eingerichtet und genutzt werden: Töpferei, Bewegungsbaustelle, Holzwerkstatt, Mechanik-Ecke, Forscher-Labor, Schreibecke, Künstleratelier, Nähwerkstatt, Hauswirtschaftsbereich. „Freinet-Pädagoginnen gehen davon aus, dass die Kindertageseinrichtung aus Sicht der Kinder vor allem ein Ort ist, den sie für sich gebrauchen können. Ein Ort mit viel Bezug zu ihrem gegenwärtigen Leben.“ 15
  • Natur
    Der Bezug zum Leben beinhaltet auch den Bezug zur Natur. Nirgendwo ist das wahre Leben besser zu erfahren als in der Natur. Freinet- Kindertagesstätten stellen den Kindern die Natur zur Verfügung. Dies kann zunächst dadurch geschehen, dass die Natur ins Haus geholt wird. Stöcke, Blätter, Steine dienen als Bausteine und Grundstock für vielfältige Erfahrungen. Die Dinge des Gartens werden verwertet zum Essen und zum Schmuck. Andererseits können die Kinder das Haus oft verlassen und den Weg in die Natur suchen. Stunden, Tage und Wochen werden im Freien verbracht, sei es für Waldwochen, fürs Hüttenbauen, Spielen, Sammeln oder Erkunden.
  • Kindern das Wort geben
    Die Kindzentrierung, die Freinet postulierte, verlangt von den pädagogischen Fachkräften eine dialogische Haltung. Freinet führte unterschiedliche Instrumente in seinen Klassen ein, die sich in der Regel eigene Verfassungen und Aufgaben erstellten, die in Selbstkontrolle und demokratischer Abstimmung festgelegt wurden. In Kindertageseinrichtungen wurde dieser Ansatz, der seine Wurzeln im radikal-demokratischen Verständnis von Célestin Freinet hat, in modifizierter Weise umgesetzt. Klein formuliert sechs Erscheinungsformen:
    • das Recht, Geschichten erzählen zu dürfen
    • das Recht, eigene Anliegen vortragen zu dürfen
    • das Recht, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen treffen zu können
    • das Recht, Bedürfnisse zu äußern und Resonanz zu erfahren
    • das Recht, etwas Wichtiges für Erwachsene zu tun
    • das Recht auf die Verschiedenheit der Erwachsenen.16
    Ob Kinder – gerade kleinere Kinder – dies in „Konferenzen“ oder in großen Gesprächskreisen so formulieren und verstehen können, wie das bei älteren Kindern oder Jugendlichen vorstellbar und praktizierbar ist, ist zweitrangig. Erstrangig ist das Verständnis der Ansprüche, die das Kind an die Welt und an die Pädagoginnen in der Tageseinrichtung hat, nämlich gehört zu werden und Wirksamkeit zu erfahren.
  • Chancengleichheit
    Bleibt als abschließender Gedanke den politischen Aspekt der Freinet- Pädagogik zu betonen: Freinets Erziehungsgedanken sind emanzipatorisch, sie sollen Kinder und Menschen befreien von ihrer Reduzierung auf Verwertbarkeit in Gesellschaft und Wirtschaft. Waren die einfachen Industriearbeiter durch die Entfremdung der Arbeitswelt zu Freinets Zeiten ebenso benachteiligt wie die Kriegsflüchtlinge und die Verfolgten faschistischer Regime in Europa, so würde sich das Engagement moderner Pädagogik sicher den „Verlierern“ des heutigen Bildungssystems zuwenden, den Kindern aus Migrationsfamilien, den Kindern bildungsferner Schichten und den Familien mit weniger Einkommen.

„Freinet war mit Leib und Seele Erzieher, dem es besonders um eine Hilfe für sozial schwache Kinder und Familien ging. Sein ganzes Wirken ist ein beredtes Zeugnis für sein sozialpädagogisches Engagement bis zur Selbstaufopferung. Wer in seinem Sinne arbeiten will, muss sich jedoch auch zu seinen pädagogischen Maximen bekennen, welche die Erziehung in den Mittelpunkt all ihres Bemühens stellt, […] welches lebensnah ausgerichtet und immer zum Lernen bereit ist.“ Und: „Bei Freinet gibt es keine fertigen Rezepte oder gar operationalisierende Lernziele. Er lässt jedes Kind seinen eigenen Weg tastend bis zur optimalen Entfaltung seiner Begabungsmöglichkeiten gehen.“ 17

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