Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Fakultätentags Joachim Schmiedl„Reihe von Stolpersteinen“

Unter den Theologen rumort es. Obwohl Papst Franziskus nicht an lehramtlicher Verschärfung kirchlich-theologischer Positionen gelegen ist, hat es allein im vergangenen Jahr eine Reihe von Irritationen gegeben, die das Verhältnis von katholischem Lehramt und Theologie belasten. Dabei hat die Theologie auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Über den Zustand des Fachs sprachen wir mit dem Vorsitzenden des katholisch-theologischen Fakultätentags Joachim Schmiedl.

Joachim Schmiedl schaut in die Kamera.
© privat

Herr Professor Schmiedl, zuletzt hat die Causa Ansgar Wucherpfennig, das nicht rechtzeitig ergangene „Nihil obstat“ nach der Wiederwahl des Rektors der Hochschule in Frankfurt St. Georgen, hohe Wellen geschlagen. Hat das den Ruf der Theologie nachhaltig beschädigt, nachdem von Vertretern anderer Fächer die Frage aufgeworfen wurde, wie es eigentlich um ihre Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit steht, wenn solche engen Grenzen gezogen werden?

Schmiedl: Ich bin sehr froh, dass eine Lösung gefunden werden konnte und Ansgar Wucherpfennig seine dritte Amtszeit antreten konnte. Wir haben uns als Dachorganisationen der katholischen Theologie bewusst hinter ihn gestellt und versucht, das Problem in einen größeren Zusammenhang hineinzustellen. Da geht es auch um den Stil der Kommunikation und um die Offenlegung der Themen, über die in Stellvertreterkriegen gestritten wird.

Wie leicht tut sich denn da die Theologie als eine Wissenschaft mit besonderen Voraussetzungen in den unabdingbaren interdisziplinären Gesprächen an der Universität?

Schmiedl: Theologie ist in sich selbst sehr interdisziplinär. Oftmals ist es sogar einfacher, mit den parallelen Wissenschaften außerhalb der Theologie in Kontakt zu kommen als beispielsweise als Kirchenhistoriker mit Pastoraltheologen oder Religionspädagogen...

Aber es bleibt doch die Frage, wie groß die Vorbehalte von Vertretern der anderen Fakultäten oder der Universität als solcher gegenüber der Theologie sind?

Schmiedl: Es gibt solche Vorbehalte. Allerdings ist keine Wissenschaft voraussetzungsfrei, jede hat ihre eigenen Axiome und möchte aufgrund dieser auch wertgeschätzt werden, das gilt für Naturwissenschaften genauso wie für Geisteswissenschaften. In jedem Fall hat die Theologie durch das Papier des Wissenschaftsrats zu den religionsbezogenen Wissenschaften aus dem Jahr 2010 eine Stärkung erfahren, weil dort ihre Notwendigkeit innerhalb der Universität eindrucksvoll unterstrichen wurde. Das ist aber auch der Auftrag, in diese anderen Zusammenhänge hineinzuwirken, die über unsere eigenen Fakultäten hinausgehen. Das gelingt unterschiedlich gut von Standort zu Standort. Aber beispielsweise die Gründung des neuen Instituts für katholische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin wird genau unter diesem Gesichtspunkt betrieben: dass da in die Universität, aber auch in gesellschaftliche und politische Debatten hinein, gerade etwa mit Blick auf ethische Fragen, auch von Seiten der katholischen Theologie Akzente gesetzt werden.

Wird denn das Institut dafür gut genug ausgestattet sein?

Schmiedl: Wenn fünf Professuren zustande kommen, entspricht das einer ganz ordentlichen Ausstattung, zumal man die Guardini-Professur dazurechnen kann, die ja auch eine katholische Weltanschauungsprofessur ist. Berlin hat den großen Vorteil, dass in viele Bereiche hinein sehr einfach Kontakte möglich sind. Wenn man in Berlin eine Tagung veranstaltet, bekommt man bei einer anschließenden Pressekonferenz schnell zehn, zwölf Journalisten zusammen. Das ist andernorts so nicht der Fall. Das bietet einem Institut in Berlin, egal wie stark es personell noch ausgestattet werden wird, einfach ganz große Chancen.

Es gibt auf der anderen Seite die Sorge, dass andere theologische Einrichtungen dadurch negativ beeinflusst werden. Besteht angesichts der Verteilungskämpfe um Studierende nicht die Gefahr, dass dies zu Lasten anderer Fakultäten und Institute geht?

Schmiedl: Die von Berlin aus gesehen nächsten Standorte sind Halle-Wittenberg, wo Religionslehrer ausgebildet werden, und dann Erfurt. Erfurt ist jedoch eine theologische Fakultät, die nicht nur in der Forschung bestens aufgestellt ist, sondern auch eine gute Integration in die Universität erreicht hat. Man muss angesichts dieser Frage schauen, welches Klientel wo angesprochen werden soll. In Berlin wird die Religionslehrerausbildung eher zweitrangig sein, genauso wie in dieser Universität in der Hauptstadt für die evangelische Theologie die Pfarrerausbildung sekundär ist. In Berlin wird es vor allem um die gesellschaftliche Relevanz gehen: das Verhältnis von Theologie und Kultur etwa. Auch die katholische Theologie wird da große Chancen haben, gerade weil das Umfeld sehr säkular geprägt ist – einmal abgesehen davon, dass in Berlin durch das Wachstum der Stadt immer mehr Katholiken wohnen. Das ist überhaupt ein Aspekt, der jetzt auch im gesamten ökumenischen Gespräch wichtiger wird. Die vielen Migranten, die in den letzten Jahren gekommen sind, haben die Konfessionsstruktur in Deutschland verändert, und zwar gerade auch im Blick auf orthodoxe Kirchen und Mitglieder altorientalischer Kirchen, die bis jetzt wenig präsent waren. Das wirkt sich in den Großstädten noch einmal anders aus als jetzt in kleineren Zentren und wird auch die theologischen Diskussionen in Berlin positiv prägen.

Das Lehrangebot und die Forschungsaktivitäten sind das eine. Auf der anderen Seite beklagen vor allem die Fakultäten auch einen Rückgang der Studierendenzahlen.

Schmiedl: Tatsächlich gehen sie zurück; sie haben sich aber vor allem verlagert. Die Zahl derer, die einen kirchlichen Beruf ergreifen wollen, ist deutlich gesunken. An manchen Standorten sind die Priesteramtskandidaten fast auf null, die Statistiken sind erschreckend in dieser Hinsicht. Mit Blick auf die Lehramtsstudierenden gibt es wellenmäßige Ausschläge nach oben und nach unten, insgesamt ist die Zahl dieser Studierenden einigermaßen stabil. Es gibt heute darüber hinaus auch viele Theologieinteressierte, die im Nebenberuf studieren, also berufsbegleitend, oder sich auch im späteren Alter für ein Theologiestudium melden.

Dass die Zahl der sogenannten Volltheologen so stark zurückgeht, liegt ja nicht an mangelnden Berufsperspektiven…

Schmiedl: Nein. Für Priester auf keinen Fall, und für Pastoralreferenten auch nicht mehr. Die erste Generation der Pastoralreferenten und Pastoralreferentinnen geht bereits in den Ruhestand und die zweite Generation wird in den nächsten Jahren so weit sein, sodass in vielen Bistümern Stellen frei werden. Insgesamt hat sich das Spektrum kirchlicher Berufe erweitert, nicht jedoch die Zahl derer, die sich dafür interessieren. Deshalb wird im Moment auch neu über verschiedene Zukunftswege zu kirchlichen Berufen nachgedacht. Nicht mehr alles konzentriert sich auf das Volltheologie-Studium. Das im vergangenen Jahr veröffentlichte Apostolische Schreiben über das Theologiestudium von Papst Franziskus mit dem Titel „Veritatis gaudium“ eröffnet hier neue Möglichkeiten, weil es kanonische Studiengänge ermöglicht, die für einen kirchlichen Beruf qualifizieren, aber mit Anteilen anderer Fächer kombiniert sind. Das haben wir in Deutschland noch kaum und vielerorts noch gar nicht ausgenutzt.

Woran liegt es denn, dass die Zahl der Volltheologen so stark zurückgeht?

Schmiedl: Das hat viel mit den Lebensperspektiven zu tun. In den letzten Jahren hat sich als Schreckgespenst entwickelt, dass mit einer zweiten Beziehung das Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst einhergeht. Das stimmt zum Teil, hier gibt es allerdings unterschiedliche Handhabungen in einzelnen Bistümern. Manche fragen sich aus anderen Gründen, ob sie sich ihr ganzes Leben lang auf das System Kirche einlassen wollen. Insgesamt hat sich die Struktur der Studentenschaft verändert: Den traditionellen Typ, der sich nach katholischem Kindergarten, katholischer Schule und Jugendarbeit für einen kirchlichen Beruf entscheidet, gibt es heute weniger. Stattdessen gibt es viel mehr suchende, fragende Studierende – wenn auch nicht unbedingt in den Vorlesungen, wo man sich mehr Engagement und mehr kritische Rückfragen wünschen würde… Hinzu kommt dann noch der Typus der „Bekehrten“, die aus einem religiös nicht sozialisierten Umfeld kommen und irgendwann während eines anderen Studiums oder auch danach merken, dass das Thema Religion und das Fach Theologie etwas für ihn oder sie ist.

Ist eigentlich unsere Landschaft der theologischen Fakultäten angesichts der stark gestiegenen Bedeutung der Lehrerausbildung überhaupt noch passgenau?

Schmiedl: Wir haben keine Fakultät, die nicht in irgendeiner Form auch mit Lehrerausbildung zu tun hat. Aber wir müssen in den kommenden Jahren verstärkt über Kooperationen nachdenken, auch über Fusionen, vor allem aber über ein Studienangebot, das auf Fragen jenseits der klassischen theologischen Probleme Antworten für die Gesellschaft und ihre kulturelle Diakonie anbietet.

Die Zahl der Fakultäten, so heißt es immer, hängt letztlich auch an den Zahlen der Priesteramtskandidaten, weil hier durch die Bestimmungen der Konkordate eine gewisse Absicherung gegeben ist.

Schmiedl: „Veritatis gaudium“ bindet gerade den Fakultätenstatus nicht mehr an die Priesterausbildung. Das war im alten Akkomodationsdekret für unsere Verhältnisse anders ‒ das neue steht aber ja noch aus. Wir müssen heute mit einem realistischen Blick sagen, dass das im Moment nicht mehr praktikabel ist und sich so nicht halten lassen wird. Der sogenannte geistliche Prozess, den die Bischöfe derzeit mit Blick auf eine Reduktion der Seminare durchlaufen, spiegelt die Realität des Einbruchs der Zahl der Priesteramtskandidaten. Für diese würden einige wenige Seminare ausreichen. Manche sprechen deshalb auch schon vom „Bischofsmikado“: Wer sich zuerst rührt, hat verloren. Aber das ändert nichts an dem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auftrag der Fakultäten, die über die Priesterausbildung hinaus schon immer andere Funktionen hatten: Ausbildung anderer Berufsgruppen für kirchliche Dienste, für andere Berufsfelder, nicht zuletzt mit Blick auf gesellschaftliche Aufgaben.

Ist nicht ein Grund dafür, wenn zunehmend weniger junge Menschen Theologie studieren, dass sie gar nicht mehr die Erwartung haben, wirklich vorbehaltlos fragen zu können, radikal suchen zu dürfen, sondern vielmehr spüren, dass es da in einer von der Kirche abhängigen Wissenschaft zum Teil auch recht enge Grenzen von dem gibt, was gedacht werden oder was als Ergebnis der Suche dann herauskommen darf?

Schmiedl: Nicht jeder, der ein Theologiestudium abschließt, hat den gleichen weiten Horizont. Tatsächlich begegnet man in der konkreten kirchlichen Lebenspraxis Leuten, die auf kontroverse Fragen nicht antworten können oder nicht antworten wollen. Ähnlich haben wir heute Studierende, die mit sehr vielen Fragen kommen und diese stellen, während andere relativ klar festgelegte Meinungen haben, die sie aus dem Katechismus beziehen und an denen sie nicht rütteln wollen. Das ist eine Spannung, die wir in der Kirche insgesamt haben. Da sind Theologie-Studierende nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die Pluralität einfordert und lebt, und unserer kirchlichen Realität, die nicht in allen Fällen diese Pluralismusfähigkeit hat.

Wie viel Kirchlichkeit oder wie viel Bezogenheit auf religiöse Praxis und Traditionen ist auf der anderen Seite notwendig und wie muss das abgesichert werden, dass Theologie Theologie ist und nicht zur Religionswissenschaft wird?

Schmiedl: Das zeigt sich an den Inhalten der einzelnen Fächer. Die Religionswissenschaft außerhalb der theologischen Disziplinen geht zur Zeit sehr stark von einem methodischen Atheismus aus. Als Theologin und Theologe ist eine grundsätzlich positive Zustimmung auch zum Glauben notwendig. Das muss nicht in jeder Lehrveranstaltung präsent sein, lässt sich auch nicht daran ablesen, wie oft ich von Gott rede – oder ob ich gar am Anfang ein Gebet spreche oder nicht. Aber es muss deutlich werden: Der Glaube hat für mich als Theologe eine Bedeutung und ich lebe in gewissem Sinne auch in diesem Kontext.

Sie haben schon mehrfach positiv auf „Veritatis gaudium“ abgehoben. Der Fakultätentag hat sich damit jetzt bei der Vollversammlung aber auch sehr kritisch auseinandergesetzt. Was ist der entscheidende Grund dafür, nachdem das Dokument mit einer Einleitung von Papst Franziskus beginnt, die der Theologie nicht nur einiges zutraut, viel Lob enthält und wenig Grenzen auferlegt?

Schmiedl: Das Schreiben zerfällt tatsächlich in zwei unterschiedliche Teile. Da gibt es einerseits diesen ermutigenden ersten Teil von Papst Franziskus, in dem von vielem die Rede ist, was uns Theologen ganz nahe ist: die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der eigenen Tätigkeit, der Aufruf zu mehr Zusammenarbeit, zur Netzwerkbildung. Mit unseren verschiedenen Strukturen, ob das jetzt der Fakultätentag oder die Vereinigung der Arbeitsgemeinschaften der theologischen Disziplinen ist, die sich regelmäßig treffen, haben wir hier in Deutschland bereits eine nicht selbstverständliche breite Netzwerkbildung. Das kann man in Gesprächen mit Kollegen aus anderen Ländern bestätigt bekommen. Auf der anderen Seite verharrt der Hauptteil des Schreibens mit den Normen für die Organisation der theologischen Studieneinrichtungen in den alten Bahnen. Bei der Bestellung der Theologieprofessoren gibt es etwa weiterhin eine ganze Reihe von Stolpersteinen.

Wo liegen da die größten Probleme?

Schmiedl: Sie beziehen sich zum einen auf die Wahl der Themen für wissenschaftliche Arbeiten, die unter den kirchlichen Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Verleihung der Abschlüsse und der Bestellung des Lehrkörpers leiden. Wir haben gerade in den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. erlebt, dass es relativ wenige Theologen gegeben hat, die an moraltheologischen Fragen weitergedacht haben. Auch in anderen Bereichen wie der Dogmatik oder der Ekklesiologie – vor allem mit Blick auf die Ämterfrage – gab es eine nur sehr zurückhaltende wissenschaftliche Beschäftigung. Dabei sollte doch eigentlich klar sein, dass die wissenschaftliche Qualifikation durch die Universität festgestellt werden muss – und nicht durch die Kirche. Sie muss in ihren Gremien, zunächst einmal in den Fakultäten, dann auch in den anderen universitären Institutionen, Rechenschaft darüber ablegen, wer die Qualifikation erfüllt, um später wissenschaftlich lehren zu können. An dieser Stelle kommt dann auch das „Nihil obstat“ mit Blick auf Lebensführung und Lehre jeweils entsprechend kirchlichen Vorgaben ins Spiel. Das Problem, das jetzt bei „Veritatis gaudium“ zusätzlich auftauchte und nicht nur unseren deutschen Gepflogenheiten, sondern auch unserem staatlichen Rechtssystem widerspricht, besteht darin, dass die Dekane der theologischen Fakultäten ein „Nihil obstat“ benötigen.

Warum braucht es überhaupt ein „Nihil obstat“?

Schmiedl: Diese Einrichtung gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Mit dem Ersten Vatikanischen Konzil und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes hat die katholische Kirche eine starke Zentralisierung auf Rom hin vollzogen. Diese Zentralisierung umfasste im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Bereiche, die Rom an sich gezogen hat. Für die theologische Lehre ist das seit der Apostolischen Konstitution „Deus scientiarum Dominus“ von 1931 der Fall. Eine Bischofskonferenz könnte diese Funktion aber genauso gut übernehmen. Das würde auch dem von Franziskus wiederholt vorgetragenen Wunsch nach mehr Synodalität entsprechen.

Warum reicht es nicht, wenn der Bischof, der von Rom ernannt worden ist, vor Ort das „Nihil obstat“ erteilt?

Schmiedl: Eine gesamtkirchliche Mitwirkung durch ein römisches „Nihil obstat“ ist in gewissem Sinne berechtigt, weil es um die Katholizität und Einheit der Lehre geht, muss aber eben immer auch berücksichtigen, dass diese sich in sehr unterschiedlichen Zugangsweisen zur Theologie, in unterschiedlichen hermeneutischen Schritten, auch in unterschiedlich kritischer Herangehensweise an noch nicht endgültig entschiedene Themen äußert. Wir haben im Übrigen in den letzten Jahrzehnten nie Probleme gehabt mit einem „Nihil obstat“, wenn der entsprechende Bischof hinter einer Berufung stand. Wenn er jedoch selber an den Kandidaten zweifelte und nicht wollte, dass jemand einen Lehrstuhl bekommen sollte, gab es auch Schwierigkeiten. Hier ist deshalb nicht nur Rom gefordert, sondern auch die Solidarität der Bischöfe mit ihren Theologinnen und Theologen.

Im Unterschied zu den Pontifikaten vorher gab es unter Franziskus noch keine öffentliche Maßregelung von Theologen. Trotzdem hört man, dass auch die Glaubenskongregation weiterhin aktiv ist und Druck auf Theologen ausübt.

Schmiedl: Offene „Nihil obstat“-Probleme hatten wir tatsächlich in den letzten Jahren keine. Das mag mit einer gewissen Vorsicht zusammenhängen. Natürlich gibt es manche, die eine Schere im Kopf haben, wenn sie sich schriftlich oder auch nur mündlich äußern. Das ist schade, und es ist zu hoffen, dass das nicht zu einer andauernden Praxis wird. Gerade angesichts des theologischen Reformstaus der vergangenen Jahre haben wir durch die Strukturveränderungen in den Bistümern die Frage nach Leitung in der Kirche neu zu stellen, einschließlich der nach synodalen Strukturen und einer Mitverantwortung auch im Sinne von Mitbestimmung in der Kirche. Wie frei ist dieses Nachdenken? Wie sehr darf es sich in der Öffentlichkeit ereignen? Die gelegentlich verlangten „gesicherten Erkenntnisse“ können schließlich nur im Dialog gewonnen werden. Ich erinnere an das Zweite Vatikanische Konzil, als im Vorfeld der Ständige Diakonat von vielen Bischöfen als Anliegen formuliert wurde. Am 30. Oktober 1963 wurde dann als eine von fünf Fragen im Sinne einer ganz einfachen Abstimmung gefragt: Soll der Ständige Diakonat wiederhergestellt werden? Und nachdem diese Frage positiv entschieden war, wurde die Erarbeitung der Kirchenkonstitution in dieser Richtung weiter verfolgt. Es handelt sich dabei aber um ein Amt, das über 1500 Jahre in der katholischen Kirche so nicht existierte. Ganz ähnlich stehen wir im Moment vor der Frage, wie fest die Kirchenstrukturen sind: nicht zuletzt auch ihre Ämter, von denen wir wissen, dass sie sich historisch entwickelt haben und manche Ausprägungen auch wieder verloren gegangen sind.

Und was beschäftigt die katholisch-theologischen Forschungseinrichtungen mit Blick auf Themen jenseits der binnenkirchlichen Diskurse am meisten?

Schmiedl: Das sind sehr unterschiedliche Themen, die sich auch von Fakultät zu Fakultät und von Institut zu Institut unterschiedlich stellen. Ein ganz entscheidendes Thema ist der interreligiöse Dialog. Wir sind an den Standorten, an denen es islamische Theologie gibt, in sehr engem Kontakt mit den Kollegen und Kolleginnen. Es ist uns schon ein Anliegen, dass gerade auch die islamische Theologie gut aufgestellt ist und sich auch in den universitären Kontexten Europas neu finden kann. Nicht zuletzt mit Blick auf solche interreligiösen Fragen gibt es sehr viele Kooperationen zwischen den Fakultäten und auch auf internationaler Ebene. Insgesamt brauchen wir in der Theologie mehr Internationalität. Ich persönlich erlebe das als eine sehr starke Herausforderung – aber auch als eine Chance. Ich bin im Moment dabei, ein internationales Projekt, einen neuen Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil aufzusetzen und arbeite dabei mit Kolleginnen und Kollegen aus allen fünf Kontinenten zusammen. Das ist eine sehr spannende Arbeit, macht aber auch deutlich, wie wir Theologie heute neu betreiben müssen: nicht einfach nur als Europäer oder gar Deutsche, als Chilenen oder Inder, sondern als solche, die die Impulse von allen aufnehmen und von daher noch mal einen neuen Blick auf Theologie und Kirche unter den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werfen. Gerade diese internationalen Zusammenhänge sind eine große Chance, weil dort andere Traditionen mit ins Spiel kommen, nachdem auf dem Konzil die großen Akteure mitteleuropäische Theologen und Bischöfe waren. Die theologische Landschaft hat sich mittlerweile sehr verändert. Wir haben ausgebaute theologische Strukturen in Südamerika, Nordamerika, USA, in Afrika erst zögerlich, in Indien, auf den Philippinen ziemlich stark. Wie kann das alles zusammenfließen in einen Blick auf die Kirche, der sowohl die Einheit als auch die Verschiedenheit zum Ausdruck bringt?

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