PorträtHeilige Zweiflerin: Mutter Teresa

Der Weg für die Heiligsprechung von Mutter Teresa ist frei. Nachdem der Vatikan das dafür notwendige dritte Wunder bestätigt hat, wird Papst Franziskus die 1997 verstorbene Ordensschwester voraussichtlich in diesem Jahr zur Ehre der Altäre erheben. Damit rückt der „Engel der Armen“ erneut ins Bewusstsein.

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Mutter Teresa war nicht die einzige große Gestalt des Christentums, die unter der Erfahrung der Gottesferne zu leiden hatte.© KNA-Bild

Kaum war Mitte Dezember bekannt geworden, dass der Heiligsprechung Mutter Teresas nichts mehr im Weg steht, wandten sich die indischen Bischöfe an den Papst. In einem Brief baten sie Franziskus darum, die Heiligsprechung in der nordindischen Millionenstadt Kalkutta vorzunehmen, in der die Ordensfrau den größten Teil ihres Lebens gelebt und gewirkt hat. Die Seligsprechung hatte bereits 2003, nur sechs Jahre nach ihrem Tod, stattgefunden.

Geboren wurde Mutter Teresa als Anjezë Gonxha Bajaxhiu in Skopje. Anjezë war das dritte und letzte Kind wohlhabender albanischer Eltern. Sie besuchte eine katholische Mädchenschule im albanischen Shkodra und soll sich bereits im Alter von 12 Jahren für das Ordensleben entschieden haben. Im Jahr 1928, als sie 18 Jahre alt war, trat sie ins Postulat der irischen Loreto-Schwestern ein und wurde ins Mutterhaus des Ordens bei Dublin geschickt. Bereits nach kurzer Zeit kam Teresa nach Kalkutta, der ehemaligen Hauptstadt Britisch-Indiens, wo sie 1931 ihre ersten Gelübde ablegte. Im Jahr 1939 folgte die ewige Profess. Fast 20 Jahre lang unterrichtete Teresa nun „höhere Töchter“ in einer Schule ihres Ordens, bis sie im Jahr 1946 das erlebte, was sie „Gottes zweiten Ruf“ nannte. In ihrem Tagebuch schildert sie dieses Erlebnis als mystische Begegnung mit Jesus. Seitdem war Teresa überzeugt, dass es ihre Mission sei, Jesus in den Ärmsten der Armen zu dienen. Zwei Jahre dauerte es, bis sie den Erzbischof von Kalkutta mit wiederholten Gesuchen dazu gebracht hatte, ihr zu erlauben, die Klausur der Loreto-Schwestern zu verlassen und sich ihrer Mission zu widmen. Bald schlossen sich ihr zahlreiche freiwillige Helferinnen an. Es entstand eine neue Kongregation, die bereits 1950 vom Vatikan anerkannt wurde. Die „Missionaries of Charity“ waren geboren.

In diesem Moment – als Teresa ihr Ziel erreicht hatte und sich gemeinsam mit anderen Frauen mit einer eigenen Kongregation dem Dienst an den Armen widmen konnte – geschah etwas Verstörendes, von dem die Welt erst nach ihrem Tod im Jahr 1997 erfahren sollte. Jesus, dessen Stimme sie gehört hatte, war nicht mehr da. Sie spürte die Anwesenheit Gottes nicht mehr. „In meinem Inneren ist es eiskalt“, schrieb sie an den Erzbischof, und: „Die Seelen ziehen mich nicht mehr an – der Himmel bedeutet nichts mehr – für mich schaut er wie ein leerer Platz aus.“ Die Zeugnisse dieser Gottesferne, die Teresa in Tagebüchern und Briefen niederlegte, wurden 2007 vom Postulator ihres Seligsprechungsverfahrens, Brian Kolodiejchuk in einem Buch veröffentlicht (vgl. HK, November 2007, 487-489). Die Texte belegen eine Glaubenskrise, die sie während ihres gesamten Wirkens begleitete. Derweil wuchs ihr Orden. 1965 wurde die erste Niederlassung außerhalb Indiens in Venezuela gegründet. 1979 erhielt Mutter Teresa den Friedensnobelpreis. Heute unterhält der Orden 710 Häuser in 133 Ländern.

Hat Teresa der Welt etwas vorgespielt und die Öffentlichkeit mit ihrer manchmal naiv wirkenden Frömmigkeit, ihrem Bekenntnis zum Glauben und ihrer Treue zur Kirche getäuscht? Die „Zeit“ schrieb damals, bei der Lektüre der Aufzeichnungen komme niemals der Eindruck von Falschheit oder Fassadenhaftigkeit auf: „Der Gott, dessen Nähe sie nicht mehr spürt, hört nie auf, für sie Realität zu sein, letztlich die einzige Realität. Die Sehnsucht nach dem abwesenden Herrn verschwindet nicht, und sie zweifelt nicht daran, dass Jesus, von dem sie sich verlassen sieht, ihre Missions- und Nächstenliebedienste tatsächlich trägt, dass er ihr wirklicher Auftraggeber ist.“

Mutter Teresa war nicht die einzige große Gestalt des Christentums, die unter der Erfahrung der Gottesferne zu leiden hatte. Mystiker wie Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, Therese von Lisieux oder Charles de Foucauld kannten ebenfalls die „Nacht der Seele“. So hat die Veröffentlichung der Aufzeichnungen ihrer Verehrung keinen Abbruch getan. Ein Brasilianer, der an Gehirnabszessen litt, erlebte eine unerklärliche Heilung, nach dem seine Frau die Selige um ihre Fürsprache angerufen hatte. Die Heiligsprechungskongregation hat diese Heilung nun als „offizielles Wunder“ anerkannt.

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