Porträt„Dom Erwin ist unser Bischof“

Amazonas-Bischof Erwin Kräutler hat wichtige Zuarbeit zur Umweltenzyklika von Papst Franziskus geleistet.

Erwin Kräutler
© KNA-Bild

Bereits Monate vor ihrem Erscheinen hat die „Umwelt-Enzyklika“ von Papst Franziskus hohe Erwartungen geweckt. Nicht nur, weil der dort beschriebene unauflösbare Zusammenhang zwischen der Vision einer „armen Kirche für die Armen“ und der Auftrag zum Schutz von Umwelt und Klima offenkundig ein Kernanliegen dieses Papstes darstellt.

Unter den Namen derer, von denen sich Papst Franziskus hierbei hat zuarbeiten lassen, findet sich auch Erwin Kräutler, häufig apostrophiert als „Amazonas-Bischof“ oder als „Indio-Bischof“. 1980 hat ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens ernannt. Die Prälatur Xingu liegt im brasilianischen Bundesstaat Pará in Amazonien und erstreckt sich über 360 000 Quadratkilometer. Als Bischof trat Kräutler damit die direkte Nachfolge seines Onkels Erich Kräutler an, der von 1971 bis 1981 der Diözese mit Bischofssitz in Altamira vorstand. Der Onkel hatte den jungen Priester, 1965 in Salzburg geweiht, an den Xingu geholt.

Der Einsatz für die Rechte der indigenen Bevölkerung Amazoniens, für die von Großgrundbesitzern, Landspekulanten oder Holzhändlern ihrer Lebensgrundlage beraubten Kleinbauern und für die sogenannten Landlosen beziehungsweise der Schutz des brasilianischen Regenwaldes als deren „Mitwelt“ – das sind seit 50 Jahren auch die Lebensthemen des im österreichischen Voralberg am 12. Juli 1939 geborenen Ordensmannes (Missionare vom Kostbaren Blut). Bis heute: So kritisiert er die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Diese brächten deutlich mehr soziale Nachteile als Nutzen. Wie schon bei der Fußball-Weltmeisterschaft im letzten Jahr würden die Armen Brasiliens nicht profitieren, vielmehr sieht er die Kluft zwischen Arm und Reich im Land immer größer werden.

Seit Jahren ist Kräutler aber auch ein Gegner des in seinen Augen völlig überdimensioniert geplanten Kraftwerksprojekt „Belo Monte“ am Amazonas-Seitenfluss Xingu. Die Zustände rund um die Baustelle seien skandalös. Bis zu 50 000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

In seinem unermüdlichen Einsatz für die Armen und ihre in vielfacher Hinsicht bedrohte Umwelt ist „Dom Erwin“ zugleich auch ein Beispiel für die Bekehrung der lateinamerikanischen Kirche zur „Option für die Armen“ nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Eine Bekehrung, die sich konkretisierte in einem neuen Verständnis von „Mission“ oder der Neuordnung der Pastoral, in deren Mittelpunkt fortan „kirchliche Basisgemeinden“ stehen sollten.

Für dieses Engagement hat Kräutler – von 1983 bis 1991 stand er dem von der Brasilianischen Bischofskonferenz gegründeten „Indianermissionsrat“ (CIMI) vor und wurde 2006, nach dem plötzlichen Tod des Amtsinhabers, erneut Präsident – einen hohen Preis gezahlt. So überlebte er beispielsweise 1987 schwerverletzt einen inszenierten „Autounfall“.

In seiner kurz vor dem 75. Geburtstag im letzten Jahr veröffentlichten Autobiographie beschreibt er eine der „einschneidendsten Erfahrungen“ seines Lebens („Mein Leben für Amazonien. An der Seite der bedrängten Völker“, in Zusammenarbeit mit Josef Bruckmoser, Innsbruck 2014). 1983 war Kräutler als Vermittler zu einer Großdemonstration von Zuckerrohrschnittern geeilt, die man seit langem um ihren Lohn geprellt hatte. Aus Protest blockierten sie die „Transamazônica“. Die Polizisten, die Kräutler unterstellten, er habe die Arbeiter aufgewiegelt, verprügelten ihn und nahmen ihn fest. Die Landarbeiter aber, ihre Frauen und Kinder umringten Kräutler und schrien: „Lasst ihn los, er ist unser Bischof.“

Im Rückblick schreibt Kräutler: Dieser Ruf habe eine tiefe Beziehung geschaffen zwischen dem Volk und „seinem“ Bischof. Er habe gespürt, dass das Volk ihn angenommen habe, dass er einer von ihnen geworden war. „Das war für mich wie eine zweite Bischofsweihe“. 

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