Ein ganz normaler Katholikentag mit doch eigener AgendaRegensburger Brückenschlag

Ende Mai fand in Regensburg der 99. Deutsche Katholikentag statt (vgl. dieses Heft, 325ff.). Vieles war wie immer; die gastgebende Diözese und ihr Bischof verschafften dem Katholikentag aber doch auch eine ganz eigene Prägung.

Ein Katholikentagsprogramm, selbstredend auch das des 99. Katholikentags Ende Mai in Regensburg, ist ein hochkomplexes Gebilde. Denn zumindest in seiner bisherigen, historisch gewachsenen Form muss der Katholikentag vieles leisten und nicht zuletzt in seinem knapp viertägigen Programm möglichst repräsentativ die Vielfalt kirchlichen Lebens abbilden – das der Kirche in Deutschland überhaupt und selbstverständlich auch das der gastgebenden Diözese mit ihren Eigenheiten. Verantwortlich für die Programmgestaltung des in der Regel alle zwei Jahre stattfindenden Katholikentags ist neben dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und dessen routiniert-professionellem Katholikentagsteam ein Heer aus Hauptamtlichen, aber auch vielen Ehrenamtlichen der jeweiligen Diözese. So ist ein Katholikentagsprogramm zwangsläufig immer auch ein Kompromiss zwischen unterschiedlichen Interessen.

Und immer mehr wird der Katholikentag ebenso– auch dieser Trend bestätigte sich in Regensburg – zu einer von den Besuchern und Besucherinnen offenbar sehr geschätzten Art kirchlicher Messeveranstaltung, zu einer „Best-practice“-Austausch- und Ideenbörse, zum Experimentierfeld im besten Sinne etwa im geistlichen und liturgischen Programm. Manches Programmangebot trägt aber auch Züge einer Selbsthilfegruppe: beispielsweise für die von pastoralen Umbauarbeiten in ihren Diözesen und Mega-Gemeindefusionen gebeutelten Haupt- und Ehrenamtlichen.

Eine Wallfahrt als Programmhöhepunkt

Im Programm des Katholikentags von Regensburg war die Eigenprägung durch das gastgebende Bistum (eines der ältesten Deutschlands) in vielerlei Hinsicht unübersehbar. So spielten in der jüngeren Geschichte der Katholikentage beispielsweise selten „Wallfahrten und Pilgerwege“ eine größere Rolle, im Programm von Regensburg war dieses Angebot einige Seiten stark. Und der gastgebende Bischof Rudolf Voderholzer ­erklärte umstandslos die fast ganztägige Wallfahrt zur „Madonna von Neukirchen“ (an der tschechischen Grenze gelegen) zum eigentlichen Höhepunkt des Regensburger Katholikentages. In Bayern ist die Wallfahrts- und Pilgertradition besonders stark ausgeprägt, wofür Namen stehen wie Altötting, Andechs, Vierzehnheiligen oder Maria Vesperbild.

Deutsch-tschechische Realitäten

Regensburg ist ein stark ländlich geprägtes bayerisches Bistum (bei früheren Katholikentagen fielen die bayerischen Diözesen insgesamt stets durch relativ kleine Besucherzahlen auf). Auf dem Gebiet der Diözese sind die Katholikinnen und Katholiken fast überall in der Mehrheit. Die Grenzlage des Bistums im Südosten der Republik (noch vor 25 Jahren am Eisernen Vorhang) beziehungsweise die Nachbarschaft zu Tschechien wurde in zahlreichen Veranstaltungen des Katholikentags zum Thema. Und stellte fraglos ein Highlight dar, auch wenn sich dies nicht unbedingt am Zuspruch der Katholikentagsbesucher selbst messen ließ.

Im Gegenteil: Die lichten Reihen bei den einschlägigen Veranstaltungen erinnerten an die Katholikentage von Karlsruhe 1992 und Saarbrücken 2006. Auch diesen hatte man, mit Blick auf ihre Grenzlage ganz im Westen beziehungsweise auf ein regional intensives, grenzüberschreitendes kirchliches Leben, thematisch einen Europa-Schwerpunkt gegeben. Dieser wurde aber weder von den Katholikentagsbesuchern selbst in der Breite angenommen, noch schlug er sich in der Außenwahrnehmung erkennbar nieder.

Im Themenbereich „Politik und Gesellschaft“ oder auch im Zentrum „Globale Verantwortung und Europäische Nachbarschaft“ widmete sich jetzt der Regensburger Katholikentag unter Beteiligung politischer wie kirchlicher Prominenz aus ganz Europa den Perspektiven der europäischen Integration, der veränderten Rolle von Religion in Mittel- und Osteuropa, aber eben auch dem 25-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution von 1989 und konkret dem Miteinander zwischen den Nachbarländern Deutschland und Tschechien (die Diözesen Pilsen und Prag waren schon an der Entstehung des Regensburger Katholikentagsprogramms beteiligt).

Begehrte Referenten bei zahlreichen dieser Veranstaltung waren beispielsweise der um diese Partnerschaft sehr bemühte, erste und bisher einzige Amtsinhaber der 1993 errichteten tschechischen Diözese Pilsen, František Radkovský, der Erzbischof von Prag, Kardinal Dominik Duka, oder auch der Priester und Theologe Tomáš Halík, Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie in Prag.

Ein Podium diskutierte unter der vielsagenden Überschrift „Wenn der Slowake für den Griechen zahlt“ die Grenzen der Solidarität in Europa, ein anderes die besonderen Herausforderungen an eine europäische Minderheitenpolitik, gerade auch mit Bezug auf die Roma; ein weiteres nahm die die Chancen, Grenzen, aber auch die notwendigen Strukturen gesellschaftlicher Aussöhnungs- oder Integrationsprozesse in den Blick; unter der Fragestellung, wie sehr man heute noch in (Ost-)Deutschland und Österreich, im schlesischen Polen und in Tschechien in der eigenen Geschichte gefangen ist oder eben nicht.

In Regensburg war es so vor allem auch die „Ackermann-Gemeinde“, die sich dieser ganzen Thematik angenommen hatte und zahlreiche Veranstaltungen mitverantwortete. Gegründet von katholischen Heimatvertriebenen aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien ist sie innerhalb der Kirche und ihrer Verbändelandschaft besonders um die deutsch-tschechisch-slowakische Aussöhnung beziehungsweise Nachbarschaft bemüht.

Ausgesprochen anregend war in diesem Kontext aber beispielsweise auch ein Podium, das sich zugleich schon als Brückenschlag zum 100. Katholikentag in Leipzig 2016 verstand. Verantwortet vom Diözesanrat der in zwei Jahren dann gastgebenden Diözese Dresden-Meißen, diskutierten darüber, was Christsein im polnisch-tschechischen-deutschen Dreiländer­eck bedeutet, eine Laienvertreterin (Jana Hovorková) aus der nordböhmischen Diözese Leitmeritz, die Bürgermeisterin (Castenada Beata Trujillo) eines kleinen Ortes im niederschlesischen Polen, die Vorsitzende des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Görlitz, Evamaria Nowy, und die Bischöfe von Pilsen und Dresden Meißen, Radkovský und Heiner Koch; moderiert wurde die Veranstaltung engagiert und polyglott von einem sächsischen Sorben.

Wo kann man sich gegenseitig inspirieren, welche Rolle spielen Sprachprobleme in der (Kultur-)Grenzen überschreitenden Zusammenarbeit, wie stellt sich das Verhältnis zwischen Laien und Klerus in den jeweiligen Ortskirchen dar, wie groß sind die Unterschiede im Katholizismus der jeweiligen Länder selbst, zwischen Böhmen und Mähren in Tschechien, zwischen West- und Ostpolen, den westdeutschen und den ostdeutschen (und den bayerischen) Diözesen, welche Frömmigkeitsformen dominieren, wie funktioniert Katechese, welche Rolle spielt jeweils die Caritas? All diese Fragen und Themen, so versprach Bischof Koch, sollen in Leipzig einen thematischen Schwerpunkt bilden.

„Ratzinger-Stadt“ Regensburg

Immer prägt selbstverständlich aber auch der Ort des Katholikentags, die gastgebende Stadt selbst das Programm: Ein ­Katholikentag in der Industriestadt Mannheim mit seinem Kongresszentrum (2012), gelegen im städtischen Ballungszentrum Rhein-Main-Neckar, ist in gewisser Hinsicht kaum zu vergleichen mit dem Katholikentag in einer Stadt wie Regensburg: eine deutlich kleinere Stadt mit einem 2006 zum Weltkulturerbe erklärten geschlossenen historischen Zentrum. Die geschichtsumwobene „Steinerne Brücke“, die sich allerdings den Katholikentagsbesuchern einer Grundsanierung wegen nur verhüllt präsentierte, gab die Inspiration für das Leitwort des Katholikentages „Mit Christus Brücken bauen“. Und welche Chance stellte der Reichtum Regensburgs an Kirchen für das gottesdienstlich-spirituelle, aber auch das Kultur-Programm dar!

Umgekehrt war die relativ abgelegene Campus-Universität, die nicht nur eine Reihe der für den Katholikentag klassischen „Zentren“ beherbergte („Frauen und Männer“, „Ehe, Familie und Generationen“, „Globale Verantwortung“, „Bildung und Wissenschaft“), auch für viele größere Podiumsveranstaltungen alternativloser Veranstaltungsort, womit dieser Katholikentag wieder zu einem der langen Wege wurde.

Mit einer besonders originellen Idee nutzte man im Kulturprogramm des Katholikentags das besondere Flair der Stadt und wandelte die (Raum-)Not zur Chance: Auf einem vor der malerischen Kulisse Regensburg dahingleitenden Donauschiff fanden, organisiert durch den Würzburger Pastoraltheologen Erich Garhammer, Gespräche und Lesungen mit einer ganzen Reihe renommierter Schriftsteller und Schriftstellerinnen statt, unter ihnen Ulrike Draesner, Harald Grill, Reiner Kunze, Sibylle Lewitscharoff, Andreas Maier, Petra Morsbach, SAID und Arnold Stadler. Diese hatten sich zuvor auch bereit erklärt, eigene Beiträge zum Motto des Katholikentags für eine Anthologie zu schreiben (Erich Garhammer [Hg.], Literatur im Fluss. Brücken zwischen Poesie und Religion, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014).

Selbstredend präsentierte sich Regensburg im Katholikentagsprogramm aber auch als Ratzinger-Stadt: Eine mehrmalig angebotene „Wallfahrt“ auf den Spuren von Papst Benedikt XVI. führte vom Regensburger Priesterseminar, dort gab es auch eine vom „Institut Papst Benedikt XVI.“ verantwortete Dauerausstellung zum Lebensweg und der Theologie Joseph Ratzingers, über das „Islinger Feld“ – dort hatte der deutsche Papst während seiner sechstägigen Pastoralreise durch Bayern und dem dreitägigen Besuch in Regensburg im Jahr 2006 mit über 200 000 Teilnehmern eine Messe gefeiert – zum Wohnhaus in Pentling (seit 2010 im Besitz der Stiftung Papst Benedikt XVI.): Dieses hat der Dogmatikprofessor der noch jungen Universität Regensburg für sich und seine Schwester gebaut, nachdem er aus dem 68er-bewegten Tübingen in die noch heile Welt des beschaulichen Regensburg geflohen war.

Bei den Auftritten der „Regensburger Domspatzen“ werden umgekehrt viele Katholikentagsbesucher aber eben auch an den Bruder Georg Ratzinger gedacht haben, der als Domkapellmeister den renommierten Chor lange Jahre geleitet hat, eine insgesamt prägende Priestergestalt in Regensburg war und dort heute noch lebt.

Wie vermutlich bei keinem der letzten Katholikentage zuvor spielte in der Programmgestaltung für Regensburg direkt oder indirekt der gastgebende Bischof beziehungsweise die gastgebenden Bischöfe eine Rolle. Für die Ausrichtung eines Katholikentages ist das ZdK auf die Einladung eines Diözesanbischofs angewiesen, was in jüngster Zeit gelegentlich mit etwas Zittern und bangem Warten verbunden war und ist.

Mit großer Erleichterung, aber auch mit einer gewissen Genugtuung hat sich vor diesem Hintergrund die Vollversammlung des ZdK über die Einladung des Katholikentags nach Leipzig gefreut: Eine ganze Delegation aus dem Bistum Dresden-Meißen war mit Bischof Koch letztes Jahr angereist, um mit spürbarer Vorfreude und großem Engagement die katholische Kirche in Deutschland zu einem Katholikentag in die traditionsreiche Messestadt und damit zum zweiten Mal in das ostdeutsche Bistum einzuladen – nach einer überaus gelungenen Premiere schon fast unmittelbar nach der Wende, 1994, in Dresden selbst.

Am Anfang stand die überraschende Einladung von Bischof Müller

Die Einladung des Katholikentags nach Regensburg im Sommer 2011 dagegen war seinerzeit ein kirchenpolitischer Aufreger erster Güte. Hatte doch auf Seiten des ZdK niemand mit einer Einladung ausgerechnet des damaligen Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, heute Kardinal und Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, rechnen können – angesichts dieser gemeinsamen Geschichte:

Ende des Jahres 2005 hatte der Regensburger Bischof den Diözesanrat in seinem Bistum abgeschafft. Der damalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, warf Bischof Müller daraufhin „Rechtsbruch“ vor und einen unbegründeten Angriff auf das „traditionsreiche System des deutschen Laienkatholizismus“. Verschiedene Schreiben römischer Dikasterien beziehungsweise deren Interpretation in Stellungnahmen des Regensburger Ordinariats verschärften die Lage. Nach einigem Ringen nahm die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken die Delegierten des neu geschaffenen und vom Bischof besetzten Regensburger „Diözesankomitees“ zwar als gleichberechtigte Mitglieder des ZdK auf. Bischof Müller setzte dennoch über mehrere Jahre seinen Anteil an der Finanzierung des ZdK aus (vgl. HK, April 2007, 189 ff.).

Beim Regensburger Katholikentag selbst ließ sich nun Kardinal Müller durch seinen Nachfolger (und theologischen Schüler) mit terminlichen Gründen entschuldigen. Ein Nachspiel in gewisser Hinsicht fand der Konflikt dennoch, in einer Podiums-Veranstaltung zur Rolle und Bedeutung der Laien im Zweiten Vatikanum: In seinem Eröffnungsreferat unterstrich Bischof Voderholzer (seit Januar 2013 im Amt) nicht nur seine Unzufriedenheit mit dem Begriff „Laie“; zu stark sei die landläufige Assoziation mit dem Nicht-Experten. Als Alternative schlug Voderholzer den Begriff „Weltchrist“ vor, da dieser eben den Weltdienst der Laien, ihren Auftrag und ihre Sendung in die Welt besonders gut zum Ausdruck bringe. Den Appell zu dieser Begriffsrevision verband der frühere Trierer Dogmatikprofessor freilich mit der eindringlichen Warnung vor einer weiteren „Klerikalisierung der Laien und der Laisierung der Kleriker“; befremdet zeigte er sich dabei beispielsweise, wie sehr die Laien immer mehr in den Altarraum drängten.

Demgegenüber betonte etwa die Vizepräsidentin des ZdK, Claudia Lücking-Michel, sekundiert durch den Münsteraner Theologen Klaus Müller, die für das Zweite Vatikanum zentrale Vision vom Volk Gottes beziehungsweise dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften. Eindringlich betonten sie die den mündigen, zur Freiheit berufenen Laien in der Kirche. Ausdrücklich forderte Müller, als Priester in Regensburg inkardiniert, Bischof Voderholzer schließlich auf, die „Rätereform“ von 2005, die Auflösung der bis dahin bestehenden Katholikenräte, zu kassieren.

Streitfall „Donum Vitae“

Schon zu Beginn der Programmarbeit für den 99. Katholikentag ließ Bischof Rudolf Voderholzer erkennen, dass er die Präsenz von „Donum Vitae“, als eines für ihn offensichtlich nicht katholischen Vereins beim Katholikentag nicht fraglos akzeptieren werde. Dieses freilich nicht ganz überraschende Signal wiederum traf bei einigen Mitgliedern des ZdK auf relativ blanke Nerven.

Die von katholischen Laien auch und vor allem aus den Reihen des ZdK gegründete Initiative „Donum Vitae“ führt, nach dem von Rom verlangten Ausstieg der deutschen Bischöfe aus dem gesetzlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung, diese in einem nach eigenem Anspruch christlichen und auch kirchlich-katholischen Sinne fort. In den vergangenen fünfzehn Jahren seit Bestehen von „Donum Vitae“ haben prominente Katholikinnen und Katholiken, die sich in dem Verein „Donum Vitae“ engagieren, aber immer wieder „Ausgrenzungserfahrung“ von Seiten des kirchlichen Amtes machen müssen (vgl. HK, Februar 2012, 82 ff.).

Am Ende eines dem Vernehmen nach recht „intensiven“ Diskussionsprozesses und offenkundig geschuldet auch dem ­politisch-strategischen, diplomatischen Geschick des ZdK-Präsidenten stand nun eine Veranstaltung im offiziellen Katholikentagsprogramm, programmatisch betitelt „Schwangerenberatung und Schwangerenkonfliktberatung. Zum Schutz des ungeborenen Lebens als gemeinsame Aufgabe“. Diese Veranstaltung war für Bischof Voderholzer die Bedingung gewesen, um „Donum Vitae“ auf dem Katholikentag überhaupt zu dulden.

Auf dem Podium diskutierten zwei Vertreterinnen katholischer Lebensrechtsgruppen und eine Beraterin von „Donum Vitae“, der emeritierte Osnabrücker Sozialethiker, Manfred Spieker, einer der Hauptprotagonisten im „Streit um den Schein“, der jede Beteiligung kirchlicher Beratungsstellen an der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung mit der Ausgabe eines Beratungsnachweises ablehnt, der Frankfurter Moraltheologe und Jesuit Josef Schuster quasi als Gegenpart zu Spieker und die CSU-Sozialpolitikerin Barbara Stamm, eine Förderin von „Donum Vitae“.

In seinem Impulsreferat zur aktuellen Lage der katholischen Beratungsstellen und ihrer Arbeit hatte sich der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, eindrücklich bemüht, eine Grundlage für eine faire und konstruktive Auseinandersetzung zu legen. Das offizielle Fazit der kontroversen Podiums-Diskussion, bei der auch viele sattsam bekannte Argumente wiederholt wurden: Zu 90 Prozent stimme man, die katholischen Lebensrechtsgruppen und „Donum Vitae“, überein im gemeinsamen Ziel, Leben schützen zu wollen. Ein erster Schritt, dieses Grundtrauma der deutschen Ortskirche zu heilen?

Im Katholikentagsprogramm spiegeln sich aber ebenso quasi überregional verschiedene Ansprüche und Interessen. So gestalten beispielsweise Verbände, Ordensgemeinschaften oder geistliche Gemeinschaften, Organisationen, regionale Gruppen und auch die weltkirchlichen Werke, der Caritasverband und der Leiterkreis der katholischen Akademien in Deutschland „ihre“ Veranstaltungen innerhalb des Katholikentagprogramms – selbstredend vor dem Hintergrund ihres eigenen Auftrags und Selbstverständnisses, aber natürlich auch mit mal mehr, mal weniger erkennbaren Bezug zu Thema und Leitwort des Katholikentages. Fraglos passt vieles unter ein Motto wie „Mit Christus Brücken bauen“.

Beispielhaftes Miteinander

Und immer noch kommen weitere „Mitveranstalter“ zum Katholikentag dazu: So hat in Regensburg beispielsweise zum ersten Mal der Katholisch-Theologische Fakultätentag, der Zusammenschluss der Theologischen Fakultäten und der Institute für Katholische Theologie in Deutschland, eine eigene Veranstaltung verantwortet und damit ein häufig moniertes Desiderat des Katholikentages geschlossen: eine populärwissenschaftlich aufbereitete und vermittelte Auseinandersetzung mit aktuellen, genuin theologischen Fragen: In der konkreten Veranstaltung ging es um die Vorstellungen heutiger Zeitgenossen von Tod, Himmel und Hölle und ewigem Leben.

Von kirchenpoltischer Bedeutung war eine andere Regensburger Premiere: Zum ersten Mal fanden sich im offiziellen Katholikentagsprogramm Gruppen und Referenten, die sonst dem „Forum Deutscher Katholiken“ zuzurechnen sind. Der Zusammenschluss eher traditionalistisch orientierter Katholiken und Katholikinnen versteht sich innerhalb der sich immer pluraler darstellenden katholischen Landschaft in Deutschland ausgesprochen-unausgesprochen als eine Art Gegenkraft zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als dem vermeintlichen Repräsentant eines „reformistischen“ kirchlichen Mainstreams. Seit 2001 veranstaltet das „Forum Deutscher Katholiken“ seinen eigenen, allerdings deutlich kleineren „Katholikentag“, den so genannten Kongress „Freude am Glauben“.

Das mit Blick auf eine Aussage von Papst Franziskus gewählte Thema und Leitwort für den diesjährigen Kongress Ende Juli in Fulda „Der Mensch ist gefährdet – was kann ihn retten?“ spiegelte sich auch in einer Veranstaltung des offiziellen Katholikentags-Programms wider, hier allerdings überschrieben mit einem zentralen Begriff aus der Rede vor dem Bundestag des emeritierten Papstes Benedikt XVI. bei seiner Deutschlandreise 2011: die „Ökologie des Menschen“.

Auf dem von der „Arbeitsgemeinschaft Lebensrecht München“ verantworteten und mit acht Personen durchaus üppig besetzten Podium (Publikumsbeteiligung war nicht vorgesehen) saßen unter anderen der emeritierte Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger, die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die Psychotherapeutin Christa Meves, der emeritierte Osnabrücker Sozialethiker Manfred Spieker und zwei prominente Protagonistinnen der katholischen Lebensschutz- oder Lebensrechtsszene, die Psychologin Consuelo Gräfin Ballestrem und Hedwig Freifrau von Beverfoerde.

Die Kirchenreformer von „Wir sind Kirche“ sind seit einigen Katholikentagen schon mit einem Stand auf der so genannten „Katholikentagsmeile“ und auch im offiziellen Katholikentags-Programm mit eigenen Veranstaltungen vertreten. Zusätzliche Veranstaltungen, auch mit Referenten, die im offiziellen Programm nach Aussage von „Wir sind Kirche“ nicht erwünscht waren – etwa der Vorsitzende der Pfarrer-Initiative Österreich, Helmut Schüller, oder der emeritierte Frankfurter Jesuit, Ökonom und Sozialethiker, Friedhelm Hengsbach – fanden in Regensburg zum ersten Mal unter dem Label „Katholikentag Plus“ statt; früher hieß dieses „Ergänzungsprogramm“ der katholischen Reforminitiativen „Katholikentag von unten“.

Die drängende Frage nach unserer Wirtschafts- und Lebensweise und deren Folgen für die Weltgemeinschaft ebenso wie für die nachfolgenden Generationen bildeten dabei ebenso einen thematischen Schwerpunkt des Programms von „Katholikentag Plus“, wie sich auch eine ganze Fülle von größeren und kleineren Veranstaltungen des offiziellen Katholikentagsprogramms diesem Themenkomplex gewidmet haben.

In seiner Bilanz des Regensburger Katholikentags hob ZdK-Präsident Alois Glück vor Pressevertretern besonders hervor, dass dieser Katholikentag ein starker Beitrag „zum Brückenschlag in unserer Kirche“ gewesen sei. In einer bisher nicht dagewesenen Breite und Vielfalt seien sich hier Menschen und Gruppen mit den unterschiedlichsten Glaubenswegen und Frömmigkeitsformen begegnet. Man sei sich mit großer Toleranz, aber auch großer Neugierde aufeinander begegnet. Für Glück kann der Katholikentag so nicht nur beispielhaft für ein Miteinander in der Kirche sein, sondern auch für das Miteinander in einer immer pluraler werdenden Gesellschaft.

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