Katholikentag Die Ost-West-Debatte erreicht den Katholikentag

Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich die Ost-West-Debatten alles andere als erledigt. Im Gegenteil, Dynamik und Emotionalität scheinen eher zuzunehmen. Gekennzeichnet sind sie in jüngerer Zeit von einem erstarkten Ost-Selbstbewusstsein. Nun sorgt das Thema für Streit auch bei den Planungen für den kommenden Katholikentag in Erfurt.

Kirchtürme
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Im Frühjahr flammte die Ost-West-Debatte mit zwei Sachbüchern ostdeutscher Autoren neu auf: Der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann fordert mit „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" eine kritische Reflexion über den Westen ein. Und er legt dar, warum der Osten auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht gehört werde. Die Historikerin Katja Hoyer versucht mit „Diesseits der Mauer" eine neue Geschichte der DDR erzählen, ohne den ständigen Vergleich mit dem Westen. Es geht ihr um die Sicht der Menschen, die den deutschen Sozialismus selbst erlebt haben.

Beide Autoren gelten als renommierte Wissenschaftler, mussten aber für ihre neuen Bücher teils harsche Kritik einstecken − interessanterweise aus Ost und West. Lesenswert sind sie dennoch, schon weil sie nachdenklich machen. Und weil sie zeigen, dass die Debatte über das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen, Fehlern in der Vergangenheit und deutsch-deutscher Geschichte weiter geführt werden muss, damit Deutschland weiter zusammenwachsen kann.

Auch den Deutschen Katholikentag, der vom 29. Mai bis 2. Juni 2024 in Erfurt stattfindet, hat das Thema jetzt auf Leitungsebene erreicht. Rumort hatte es hinter den Kulissen schon etwas länger, Anfang Dezember machte dann der Vorsitzende des Trägervereins des Katholikentags und ehemalige Erfurter Oberbürgermeister, Manfred Ruge, in der „Thüringer Allgemeinen" seinem Ärger Luft. Ostdeutsche Themen und Protagonisten seien im geplanten Programm unterrepräsentiert: „Wir sitzen unten am Katzentisch. Unsere Geschichten dürfen wir nicht erzählen."

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter und das Bistum Erfurt als Gastgeber wiesen die Kritik komplett zurück und reagierten gereizt. Bischof Ulrich Neymeyr und ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp bezeichneten Ruges Äußerungen als Belastung für die Zusammenarbeit. Neymeyr warf dem 78-Jährigen zudem „vereinsschädigendes Verhalten" vor.

Ruge montierte unter anderem: „In vielen Podien ist nicht ein einziger Teilnehmer dabei, der in der DDR gelitten hat. Schwerter zu Pflugscharen, das Symbol der DDR, kommt als Bibeltext in zwei Podien vor, aber ohne Stimme aus dem Osten." Objektiv überprüfen ließ sich das nicht, da das Programm noch in Planung befindlich ist und erst im März veröffentlicht wird.

Ein vorläufiges Ende des Streits markierte nun der Rücktritt Ruges vom Vorsitz des Trägervereins. Er begründete dies mit der Reaktion von ZdK und Bistum auf seine Kritik. Dabei trat er noch mal etwas unschön nach, indem er dem ZdK vorwarf, nach einem Leitspruch von Walter Ulbricht zu verfahren, von 1950 bis 1971 an der Spitze des Zentralkomitees der SED: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten."

Den inhaltlichen Ost-West-Diskurs wird man bei der Katholikentagsplanung indes weiterführen müssen, vielleicht mit noch mehr Sensibilität. Das Thema hat eine gesellschaftliche Relevanz, die nicht zuletzt durch zunehmende Krisen und Verunsicherungen eine neue Aktualität bekommen hat. Geht es doch auch den Bereich des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Bemerkenswerterweise spielte diese Ost-West-Thematik fast gar keine Rolle, als der Katholikentag zuletzt 2016 in Ostdeutschland − in Leipzig − Station machte. Damals richtete sich der Fokus vor allem auf Flüchtlinge und die AfD. Per Beschluss legte das ZdK damals erstmals fest, keine Spitzenfunktionären der Partei zu Katholikentagspodium einzuladen.

Zudem sollte ein Schwerpunkt der Dialog mit Konfessionslosen sein − was eher mäßig gelang. Symbolhaft dafür stand ein leerer Stuhl auf einem Hauptpodium unter dem Motto „Ich glaub nichts, mir fehlt nichts". Es fand sich damals kein konfessionsloser Diskutant, um etwa mit Thüringens protestantischem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) über die Gretchenfrage ins Gespräch zu kommen. Ähnlich verhielt es sich anderswo im Themenbereich „Leben mit und ohne Gott", den es erstmals auf einem Katholikentag gab. Man wird im Mai sehen, ob und was Erfurt auf diesem Feld von Leipzig gelernt hat.

Doch zurück zum Streit über die Ostperspektive und -gewichtung. Alt-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erklärte, wenn der Katholikentag schon in Ostdeutschland tage - das dritte Mal seit der Wiedervereinigung - sei es doch vernünftig, dies auch zum Thema zu machen: „Dazu gehören die Erfahrungen ostdeutscher Christen, ostdeutscher Katholiken, aber auch die Probleme des Zusammenwachsens in den letzten 30 Jahren. Da ist ja viel Positives passiert. Aber es ist noch nicht alles gelungen, es gibt immer noch Streit und Unzufriedenheiten. Darüber muss man auch auf einem Katholikentag sprechen."

Es scheint − auch für den ostdeutschen Katholiken Thierse − Konsens zu sein, dass es dafür offenbar einen ostdeutschen Austragungsort braucht. Die Tatsache, dass bei einem Katholikentag im Westen niemand auf die Idee kommt, nach ostdeutschen Themen im Programm zu fragen, lohnt vielleicht auch die selbstkritische Reflexion.

Zudem riet Thierse, nicht nur den Blick in die Vergangenheit zu richten, sondern nach vorn. Was etwa könne man aus den ostdeutschen Diaspora-Erfahrungen für heute lernen? Gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (vgl. HK, Dezember 2023, 13-16).

Diese hatte übrigens auch Konfessionslose befragt und diverse Ergebnisse nach Ost- und Westdeutschland unterschieden, was eine genauere Betrachtung lohnt. So zeigt sich etwa eine stärker Kirchenbindung im Osten: "Die zunehmende christliche Minderheitensituation in Ostdeutschland geht inzwischen offenbar mit einer Stärkung kirchlicher Mitgliedschaftsidentität bei den verbliebenen Kirchenmitgliedern einher." Man müsse den Unterschied zum Westen nicht überinterpretieren, hieß es, dennoch sei es ein bemerkenswerter Befund, weil er in früheren KMU'en nicht festgestellt werden konnte.

Ein Punkt, den Dirk Oschmann in seinem Sachbuch anführt, sind fehlende Ostdeutsche in Leitungspositionen - und damit fehlende Vorbilder für Jüngere. Das lässt sich auch für die katholische Kirche feststellen. Drei der fünf katholischen Bischofsstühle in Ostdeutschland sind von Westdeutschen besetzt. Ab 2026 werden sie alle nacheinander frei, da die aktuellen Amtsinhaber fast im gleichen Alter sind. Die Neubesetzung eines Bischofsstuhls − ob in Ost oder West − mit einem Ostdeutschen hätte zweifelsohne einen eigenen Nachrichtenwert. Was auch schon einiges aussagt.

Von Karin Wollschläger
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