Gesellschaft und Religionsgemeinschaften in ÄthiopienZwischen Orient und Afrika

Äthiopien ist ein Land, dessen Mentalität und Kultur geschichtlich bedingt viele Spannungen und Bruchstellen aufweist. Eine einige katholische Kirche mit ihren vielen Außenkontakten und theologischen Gelehrten wäre sicher ein wertvoller, stabilisierender Faktor. Stattdessen addiert sie ihre eigene Zerrissenheit zu der bereits in Äthiopien so mannigfach vorhandenen.

Als sich der populäre äthiopische Sänger Teddy Afro (bürgerlich Tewodros Kassahun) im Dezember 2013 zum 100. Todestag des Kaisers Menelik II. äußerte, löste sein Interview eine gesellschaftliche Kontroverse aus, wie sie sonst in Afrika südlich der Sahara undenkbar ist. Es ging dabei um die Interpretation der äthiopischen Geschichte am Ende des 19. Jahrhunderts und um die Frage, welche Rolle Menelik, Gründer des modernen Äthiopien, in Hinblick auf die Kolonialgeschichte Afrikas gespielt hat.

Teddy Afro hatte in seiner Würdigung den Schwerpunkt darauf gelegt, dass dieser Kaiser einen Krieg für die Einheit Äthiopiens gekämpft habe und ein Streiter für alle afrikanischen Völker gewesen sei. Durch seinen Sieg in der Schlacht von Adua 1896 habe er die koloniale Expansion der Italiener aufgehalten. Äthiopien konnte damals als einziges Land Afrikas der kolonialen Expansion der Europäer widerstehen.

Dem arabischen oder dem schwarzafrikanischen Kulturraum zugehörig?

Vertreter einer anderen geschichtlichen Sichtweise hielten dem Popstar entgegen, dass Menelik zum einen deshalb nicht als Held taugt, weil er selbst durch Verträge mit Italien dessen Okkupation des Hochlands von Eritrea akzeptiert hatte und im Tausch gegen finanzielle Garantien und Zugang zu europäischen Waffen die 1890 von Italien ausgerufene Kolonie Eritrea anerkannte. Zum anderen sei Menelik selbst ein kolonialer Aggressor gewesen, weil er sein Herrschaftsgebiet weit über die traditionell-äthiopischen Hochlande von Tigray und Amhara hinaus ausdehnte.

Mit Blick auf die umliegende Region Sub-Sahara ist dabei festzuhalten, dass es in keinem anderen Land so viel Diskussion und Streit um die eigene Geschichtsinterpretation gibt und dass dies ein wesentlicher Faktor für eine gesellschaftliche und kulturelle Zerrissenheit ist, die Äthiopiens Gestern, Heute und Morgen auf Schritt und Tritt prägt.

Die Expansion unter Menelik, die das Staatsgebiet des Kaiserreichs Abessinien mehr als verdreifachte, steht dabei geographisch und kulturell für einen weiteren Spannungsfaktor in der äthiopischen Seele, vollzog sie doch die Bewegung aus dem von der orthodoxen Kirche und den semitischen Sprachen geprägten Hochland hinaus in das Tiefland des Südens. Dort leben auch indigene Volksgruppen, die zu den schwarzafrikanischen Völkern mit ihrer traditionell animistischen Religion zu zählen sind und sich kulturell zum Teil sehr stark von den Menschen im Hochland von Amhara und Tigray unterscheiden.

An dieses selbst grenzt allerdings der Einflussraum der arabischen Welt: Sowohl im Westen und Norden (Sudan und Ägypten) als auch im Osten, wo die arabische Halbinsel nur durch die schmale Passage des Roten Meers getrennt ist von den ­schmalen Küstenstreifen der Nachbarländer. Zu welchem Kulturraum sich die Äthiopier eher zugehörig fühlen, dem arabischen oder dem schwarzafrikanischen, ist eine offene Frage, und die Stellung dazwischen prägt die Befindlichkeit, auch wenn natürlich das Gefühl einer Allein- und Sonderstellung in Äthiopien häufig anzutreffen ist und für diese Spannung eine naheliegende Lösung bietet.

Im Alltag bleibt aber die Stellung dazwischen prägend. So spricht für die Orientierung hin zum afrikanischen Kulturraum die Tatsache, dass die Hauptstadt Addis Abeba das Hauptquartier der Afrikanischen Union und der Wirtschaftskommission für Afrika (UNECA) beherbergt oder die äthiopischen Universitäten zahlreiche Partnerschaften mit Hochschulen in Kenia, Uganda und Tansania schmieden.

Für die Orientierung Richtung Orient spricht auf der anderen Seite vor allem die Tatsache, dass die Bewohner des abessinischen Hochlands, die sich selbst „Habescha“ nennen, von ihren äußeren Merkmalen her den Völkern der arabischen Welt näher stehen als den Schwarzafrikanern, vor allem aber aufgrund ihrer Sprachen Amharisch und Tigrinya, die zur semitischen Familie gehören.

Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche war über Jahrhunderte staatstragende und kulturprägende Kraft

Wer innerhalb der katholischen Szene unterwegs ist, wird diese Ambivalenz ebenfalls spüren: Auf der einen Seite die Orientierung nach Südwesten in den Kulturraum Ostafrika, wenn die katholische Bischofskonferenz Äthiopiens zur AMECEA gehört (Association of Member Episcopal Conferences in Eastern Africa, zusammen zum Beispiel mit Kenia, Uganda, Tanzania, Malawi und Sambia) oder die äthiopischen Jesuiten zur Provinz Ostafrika, immer wieder aber auch auf die Zuordnung Äthiopiens zum Kulturraum des Orients oder Nahen Ostens.

Sehr viel bedeutender als diese katholischen Verbindungen nach Nordosten ist jedoch diejenige der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, der nicht nur die Mehrheit der Äthiopier angehört, sondern die auch über viele Jahrhunderte die staatstragende und kulturprägende Kraft in Äthiopien war und deren Einfluss bis heute keinesfalls unterschätzt werden darf. Die „Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche“ ist eine der so genannten altorientalischen Kirchen und hat eine starke Verbindung zum koptischen Christentum in Ägypten. Jahrhunderte lang war sie offiziell gar nicht selbstständig, sondern ein Teil der (zahlenmäßig kleineren) Koptischen Kirche Ägyptens, bis sie 1959 durch den koptischen Papst von Alexandria in die Autokephalie entlassen wurde.

Ein von der europäischen Mission unabhängiges Christentum

Die Geschichte des Christentums im Hochland von Äthiopien und Eritrea ist mit der Missionsgeschichte Schwarzafrikas insofern überhaupt nicht zu vergleichen, da nicht die Offensive der europäischen Missionsorden am Ende des 19. Jahrhunderts das Christentum hierher brachte, sondern der aus Syrien/Libanon stammende Frumentius. Er kam in der Mitte des 4. Jahrhunderts ins Königreich Axum – zu einer Zeit also, als in Mitteleuropa die Lehre Jesu noch völlig unbekannt war. Als der von Frumentius erzogenen aksumitische König Ezana sich taufen lies, wurde das Christentum zur Religion seines Staates, Frumentius später zum ersten Bischof von Aksum.

Hiermit war die Verbindung von Herrscherhaus und Christentum besiegelt, die erst durch die Revolution der kommunistischen Derg offiziell beendet wurde, der Militärjunta, die 1974 den letzten äthiopischen Kaiser Haile Selassie stürzte. Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche blieb auch durch die Jahrhunderte das wichtigste Bindeglied der Kultur und Gesellschaft, während die Herrscherhäuser und die Hauptstädte immer wieder wechselten.

Der Weg des Christentums nach Äthiopien und seine besondere, unabhängige Stellung können wiederum als Bindeglied oder Position zwischen Nahem Osten und Schwarzafrika interpretiert werden. Zum einen stammte der Apostel Äthiopiens aus Syrien/Libanon und gab es die starke Verbindung nach Ägypten, zum anderen hat die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche für viele christliche Schwarzafrikaner und deren Nachfahren in aller Welt eine besondere symbolische Bedeutung, weil diese sie als einzige bis heute bestehende vorkoloniale christliche Kirche in Subsahara-Afrika sehen, dezidiert nicht zurückgehend auf europäische Missionare.

Der gleiche Gedanke liegt der Gründung der Rastafari-Bewegung zugrunde, die ihren Ursprung in Jamaika und Äthiopien hat und Kaiser Haile Selassie als Messias beziehungsweise als in der Schrift angekündigte Wiederkehr Jesu verehrt. Auch die so genannten „African Independent Churches“ – auf dem Kontinent weit verbreitete Freikirchen, die pfingstliche und traditionell-afrikanische Frömmigkeit vereinen – haben immer wieder die symbolische und tatsächliche Nähe zur äthiopischen Kirche als der ersten unabhängigen Kirche Afrikas gesucht.

Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche zählt heute rund 400 000 Kleriker

Das Selbstverständnis der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche sowie der abessinischen Kultur speist sich auch wesentlich da­raus, dass der Legende nach das Herrscherhaus aus der so genannten Salomonischen Dynastie stammt, also aus der Vereinigung des antiken Königs Salomo von Israel (etwa 1000 v. Chr.) mit der biblischen Königin von Saaba (1 Kön 10, 1-13). Diese sei in Wirklichkeit Mekade aus Aksum gewesen. Der erste König Menelik war der Legende nach der Sohn der beiden und soll im Jerusalemer Tempel die Bundeslade gestohlen und mit nach Aksum genommen haben. Dieser Legende gemäß befindet sie sich dort bis heute.

Tatsächlich ist die Genealogie des Kaiserhauses erst ab dem Jahr 1270, also fast 2300 Jahre nach der Zeit Salomos, einigermaßen gesichert, das legendäre Motiv der Abstammung aus dem Hause David/Salomo erklärt aber vieles von dem, was bis heute in Äthiopiens Identität und Religiosität vorfindlich ist: die Nähe zum Judentum; das Selbstbewusstsein, im Besitz der wahren Bundeslade Jahwes zu sein und das überall sichtbare Bild des „Löwen von Juda“ in Statuen, Skulpturen, Wappen und anderem.

Offiziell sind Staat und Religion seit dem Sturz des Kaisers durch die Derg streng getrennt. Dennoch ist klar, dass der orthodoxen Kirche als Trägerin der Kultur und Geschichte eine besondere Rolle zukommt. Die Präsenz der sehr großen Zahl von Priestern ist im täglichen Leben und im Straßenbild allgegenwärtig. Daneben gibt es nicht nur unzählige Diakone, sondern auch die sehr bedeutenden Mönche, deren Klöster für das spirituelle Leben der äthiopischen Christen herausragende Bedeutung haben.

Die Klosterregeln, die auf die Heiligen Antonius und Pachomios zurückgehen, zeigen wiederum die Verbindung zur kop­tisch-christlichen Tradition Ägyptens auf. Alle Kleriker zusammen kommen auf die enorme Zahl von rund 400 000.

Mit der Ausbreitung des Islam am Horn von Afrika im 17. Jahrhundert und durch den gleichzeitigen Abbruch der Beziehungen zur westlichen Kirche fiel Äthiopien in eine über 200-jährige Isolation, allenfalls etwas gemildert durch die Beziehung zu Ägypten. In dieser Zeit diente die orthodoxe Kirche als einziger Garant von Kontinuität und Moral, blieb aber auch in ihrer Frömmigkeit und Theologie komplett stehen, was sich bis heute spürbar auswirkt.

Ein wesentlicher Faktor ist dabei die alte Sprache Ge’ez, die in der Liturgie eine ähnliche Rolle einnimmt wie das Latein in der römisch-katholischen Kirche vor der Liturgiereform nach 1963. Da die gesprochenen Sprachen Äthiopiens sich aber von Ge’ez wegentwickelt haben, trug ihre weitere ausschließliche Benutzung in der kirchlichen Liturgie dazu bei, die äthiopisch-kulturelle Identität zu stärken und die Isolation von Kirche und Gesellschaft zu zementieren.

Erst Kaiser Haile Selassie erkannte die Notwendigkeit, das traditionelle theologische Bildungssystem durch eine moderne Ausbildungsstätte für den leitenden Klerus zu ergänzen. 1942 gründete er das „Holy Trinity Theological College“ in Addis Abeba als die höchste theologische Bildungseinrichtung der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Dieses hat bis heute Bestand, bräuchte aber dringend stärkere Beziehungen zur internationalen theologischen Scientific Community sowie professionellere Strukturen in Lehre und Organisation.

Außerdem durchläuft nach wie vor nur ein sehr geringer Teil der Kleriker eine akademisch-theologische Ausbildung. Das geringe Ausbildungsniveau unter ihnen lässt sich auch daran ablesen, dass viele kein Englisch sprechen, obwohl dies neben Amharisch an Schulen und Universitäten Unterrichtssprache ist.

Die große Hungersnot 1984/85 bleibt ein nationales Trauma

Mehr noch als bei seinen Vorgängern war bei Haile Selassie die Beziehung zur äthiopischen Kirche ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Nach seinem Sturz durch die kommunistischen Derg unter dem Militärherrscher Mengistu Haile Mariam wurde dann auch prompt der herrschende Patriarch, Abuna Theophilos, gefangengenommen und die Kirche dazu gezwungen, einen neuen Patriarchen zu wählen. Die Verfasstheit der Äthopisch-Orthodoxen Kirche als Staatskirche wurde aufgehoben und die darauf folgende Terrorherrschaft brachte das Land vor allem dann an den Rand des Abgrundes, als Gewalt („Red Terror“) und Misswirtschaft zur großen Hungersnot 1984/85 führten, die acht Millionen Menschen betraf und zum Tod von zwischen einer halben bis einer Million Menschen führte.

Bis heute begründet diese schreckliche Zeit eine Art nationales Trauma und führt dazu, dass sich die Äthiopier damit auseinandersetzen müssen, dass ihr Land vom Rest der Welt so häufig nur mit dieser Katastrophe identifiziert wird.

Auch nach dem Sturz der Militärdiktatur ging die Geschichte der gegenseitigen Verflechtung von Kirche und Staatsmacht weiter und auch die neuen Herrscher unter Rebellenführer und Regierungschef Meles Zenawi sorgten für die Absetzung eines Patriarchen, bei dem sie zu viel Nähe zur vorherigen Regierung sahen. So kam Abune Paulos ins Amt, der wie die Führer der Regierungspartei EPRDF (Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front) aus der Region Tigray stammte.

Wenn man auch die autokratische Gesinnung der EPRDF-Regierung nicht mit der Terrorherrschaft der Derg vergleichen kann, so gibt es dennoch viele Stimmen in Äthiopien, die das momentane Regime nicht für berechtigt halten, den „Red Terror“ jener Zeit in einem eigenen Museum zu brandmarken. Hält sie doch selbst unzählige politische Gefangene, schränkt Presse- und Meinungsfreiheit massiv ein und bekämpft jede politische Opposition mit eiserner Hand.

Muslime fühlen sich angesichts ihres großen Anteils an der Bevölkerung notorisch benachteiligt

Der massiven Unterstützung der internationalen Entwicklungshilfe, gerade auch Deutschlands, hat dies keinen Abbruch getan und wer mit ausländischen Fachkräften in Äthiopien spricht, erfährt davon, dass die Regierung und ihre Adminis­tration an vielen Stellen ein genuines Interesse an der Entwicklung des Landes zeigt. Nur so sei es auch zu erklären, dass der Hochschulsektor auf solch massive Weise ausgebaut wurde, was natürlich gleichzeitig das Potenzial von gebildeten, kritischen Geistern verstärkt, die es eigentlich im heutigen Äthiopien nicht besonders leicht haben.

Die Schwierigkeit, die nach Meles Tod zur politischen Lage in Äthiopien dazugekommen ist, ist begründet in der überragenden Rolle, die er selbst in den vergangenen zwei Jahrzehnten für die Ideologie und Politik der Partei und des Staates gespielt hat. Die nahezu sklavische Ausrichtung des jetzigen Leitungspersonals, inklusive des neuen Premierministers Hailemariam Desaglegn, an den Richtlinien und Vorgaben des Verstorbenen hinterlässt den Eindruck, dass Kurswechsel und Reaktion auf aktuelle Herausforderungen kaum möglich oder sehr schwierig sind. Eine Art Diktatur aus dem Grab heraus lähmt seither die Entwicklung neuer Ideen und Ansätze.

Mit der Dominanz der Orthodoxen Kirche haben andere Religionsgemeinschaften in Äthiopien freilich ein Problem, allen voran die Muslime, die durch das Ethiopian Islamic Affairs Supreme Council (EIASC) vertreten werden und die sich angesichts ihres großen Anteils an der Bevölkerung notorisch benachteiligt fühlen. Ihr Gefühl deckt sich mit dem von Beobachtern und Analysten, dass zwar offiziell Staat und Religion getrennt sind und alle Religionen gleiche Rechte haben, de facto aber nach wie vor das orthodoxe Christentum bevorzugt wird, obwohl seit der Derg-Zeit die wichtigen islamischen Feste auch als nationale Feiertage gefeiert werden.

Vor diesem Hintergrund spielen gerade diese Bevölkerungsanteile, also Zahlen und Statistiken eine wesentliche Rolle. Der Anteil der Muslime wird je nach Statistik zwischen 34 Prozent (staatlicher Zensus in 2007) und 50 Prozent angeben. Letzte Zahl beruht auf eigenen Schätzungen des EIASC und wird gestützt durch Zahlen, die das US-Außenministerium in Berichten über Äthiopien anführt.

Der erste Kontakt des Islam mit Äthiopien fand schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed statt, als eine Gruppe von Muslimen nach Äthiopien floh und dort freundlich aufgenommen wurde („Afrikanische Hidjra“). Dieses Ereignis hat bis heute für die muslimischen Äthiopier eine sehr wichtige, identitätsstiftende Bedeutung. Der Islam verbreitete sich in Äthiopien zunächst friedlich und langsam. Es entstanden muslimische Siedlungen mit entsprechenden Koranschulen und der islamischen Gelehrsamkeit, die diese Orte (etwa die berühmte, ummauerte Stadt Harar, aber auch Wollo und Jimma) von der kulturellen und historischen Bedeutung her denen des Christentums vergleichbar machten.

Ab dem 9. Jahrhundert entstanden eine Reihe islamischer Fürstentümer und Staaten, vor allem im Osten und Südosten des Landes. Erst im 16. Jahrhundert ereignete sich unter der Führung des muslimischen Eroberers Ahmad ibn Ibrahim al-Ghazi ein islamischer Djihad mit weitreichenden Folgen.

Durch die Eroberungen unter Menelik II. Ende des 19. Jahrhundert wurden wiederum weite Regionen, die vornehmlich islamisch geprägt sind, Teil des modernen äthiopischen Staates. Heute sind weite Teile des Landes nicht nur von mehrheitlich muslimischer Bevölkerung bewohnt, sondern auch kulturell und architektonisch geprägt durch den Islam.

Vor allem die Völker der Harari, Afar, Gurage, Oromo und Somali sind überwiegend, teilweise durchgängig muslimisch. Wie fast überall in Afrika ist die islamische Szenerie hier zunehmend geprägt vom Einfluss der Golfstaaten und vor allem von Saudi-Arabien, das mit massiven finanziellen Mitteln den Bau von Moscheen und die Verschärfung der Lehre im Sinne des Wahhabismus fördert. Während Äthiopien in den vergangenen Jahrzehnten oft als gelungenes Beispiel für friedliches Zusammenleben der beiden großen Religionen genannt wurde, gibt es in jüngster Zeit leider immer wieder Berichte von gewaltsamen Zusammenstößen und gegenseitigem Hass. Noch kann man nicht von einem Flächenbrand sprechen, aber Besorgnis ist angebracht und die angespannte religionspolitische Lage in der Region und auf dem Globus macht vor Äthiopien keineswegs halt.

Das größte Wachstum verzeichnen pentekostale und neo-pentekostale Kirchen

Protestantische Christen spielen zahlenmäßig zwar nach wie vor nicht in der Liga der Orthodoxen und Muslime, sind allerdings stark im Wachsen begriffen. Wurde ihr Anteil im Zensus von 1994 noch mit 10,1 Prozent angegeben, stehen 2007 bereits 18,6 Prozent zu Buche. Im Vergleich dazu ist die katholische Bevölkerung winzig, die konstant unter einem Prozent liegt (1994: 0,9 Prozent, 2007: 0,7 Prozent).

Das größte Wachstum verzeichnen aber wie überall in Afrika die vielen kleineren pentekostalen und neo-pentekostalen Kirchen, die vor allem auf die Stadtbevölkerung und auf junge Menschen eine große Anziehungskraft ausüben. Die so genannten „Mainline Churches“ der Protestanten haben trotz der dogmatisch deutlich größeren Ferne ein sehr viel besseres Verhältnis zur Orthodoxie als die Katholiken.

Die Rolle der Katholiken ist eine sehr besondere und hängt historisch auch mit der Verbreitung des Islam zusammen. Mit der Verbreitung des Islam im 7. Jahrhundert ging eine zunehmende Isolierung der äthiopischen Kirche und Gesellschaft einher. Äthiopien wurde umringt von muslimischen oder „heidnischen“ Gesellschaften und abgeschnitten von den Entwicklungen der Weltkirche. So kam es, dass viele uralte Traditionen sich weitertradierten und auch eine Stagnation in der Theologie eintrat.

Ein wesentlicher geschichtlicher Zeitraum für das Verhältnis von Christen und Muslimen in Äthiopien ist das 16. Jahrhundert. Türkische Muslime eroberten weite Landstriche Äthiopiens und konvertierten die Bewohner zum Islam. Das christliche Herrscherhaus rief die Portugiesen zur Hilfe. Sowohl die Angriffe der islamischen Truppen als auch der Beistand der Portugiesen war vielfältigen Schwankungen unterworfen. Viele Kirchen und Klöster wurden in diesen Kriegen zerstört.

Die Portugiesen versuchten, die Bevölkerung zum Katholizismus zu bekehren. Dies wurde vom Kaiserhaus und vielen Gläubigen äußerst missbilligt. Anfang des 17. Jahrhunderts gelang es aber, einen der Kaiser zum Katholizismus zu bekehren und die Jesuiten (auf Betreiben des Gründers Ignatius von Loyola) einzuladen.

Schließlich kam ein anderer Kaiser an die Macht, der ab 1630 den orthodoxen Glauben wieder einsetzte und die Jesuiten mit einem Bann belegte oder sie hinrichten ließ. Gemälde in vielen orthodoxen Kirchen zeigen immer wieder dieses Motiv des orthodoxen Kaisers und Klerus, die mit weit ausgestrecktem Arm die Jesuiten des Landes verweisen.

Die historische Hypothek der katholischen Kirche

Für die Katholiken und deren Ansehen in der Gesellschaft ist diese historische Hypothek bis heute eine große Belastung, obwohl seither über 400 Jahre vergangen sind. Frische Nahrung erhielt die Katholiken-Feindschaft als italienische Aggressoren unter Mussolini 1936 einen erneuten Versuch unternahmen, Äthiopien zu erobern. Aufgrund ihrer überlegenen Waffen waren sie dieses Mal erfolgreich. Massive Gräueltaten (Massaker, Konzentrationslager) waren die Folge.

Da, vor allem von Eritrea her, die katholische Mission des 19. und 20. Jahrhunderts stark italienisch geprägt war (und ist), setzten viele Äthiopier die faschistischen Eroberer mit der katholischen Kirche gleich und es wurden Gerüchte verbreitet, denen zufolge Mussolini mit den vatikanischen Behörden unter eine Decke gesteckt haben soll, um Äthiopien noch besser für die katholische Mission zu gewinnen.

Aber nicht nur externe Anfeindungen machen der katholischen Kirche in Äthiopien das Leben schwer, es gibt auch eine innere Disharmonie, die wiederum eine Verbindung hat zur oft genannten äthiopischen Ambivalenz zwischen Orient und Afrika. Der katholische Metropolit von Addis Abeba (seit 1999 Erzbischof Berhaneyesus D. Souraphiel) ist das Oberhaupt der Äthiopisch-Katholischen Kirche, die ihre Gottesdienste nach dem Äthiopischen Ritus feiert und die auch drei Eparchien in Eritrea mit umfasst. Sie ist mit Rom uniert, in ihrer Liturgie und Frömmigkeit aber der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche sehr nahe, mit der sie auch die liturgische Sprache Ge’ez gemeinsam hat.

Auch die vielen Fastengebote und Fasttage werden von diesen Katholiken häufig in gleicher Weise eingehalten wie bei den Orthodoxen, zumindest ist dieses offiziell gefordert. Im Erzbistum Addis Abeba, vor allem in der Hauptstadt selbst ist die Feier des Äthiopisch-Katholischen Ritus eher in einer abgeschwächten Form anzutreffen, vor allem weil die Kirchen nicht besonders alt und durch die nachkonziliare Architektur (mit „Volksaltar“) geprägt sind. Andernorts wird der Äthiopisch-Katholische Ritus aber in konsequent durchbuchstabierter Form weiterentwickelt, was bei den Gläubigen keineswegs unumstritten ist. Dabei wird immer wieder der Vorwurf laut, die Katholiken sollten zu quasi-orthodoxen Christen gemacht werden.

Eben diese Spannungen und Konflikte sind an der Tagesordnung im Umgang mit der katholischen Kirche des Römischen Ritus in Äthiopien. Diese ist im Süden beheimatet, also in jenen Gebieten, die unter Menelik II. neu zu Äthiopien hinzukamen und in denen man davon ausging, dass es keinen Einfluss der Orthodoxie gibt. Missionsarbeit wurde dort von europäischen Missionaren in gleicher Weise wie andernorts in Afrika durchgeführt. Die klassische Missionsstation mit Kirche, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Werkstätten sind im Süden überall zu finden.

Daraus hervor ging eine einzigartige Stellung des katholischen Bildungswesens, und die katholischen Schulen sind nicht nur die erfolgreichsten des Landes, sondern auch die bei sämtlichen Bevölkerungsgruppen beliebtesten, gleich welcher Religionsgemeinschaft sie angehören.

Ob diese Gebiete in Zukunft auch dem Äthiopisch-Katholischen Ritus unterstellt werden sollen, ist eine viel (aber kaum offen) diskutierte Schicksalsfrage für die Katholiken in Äthiopien. Für ein Land, dessen Mentalität und Kultur so viele Spannungen und Bruchstellen aufweist, wäre eine einige katholische Kirche mit ihren vielen Außenkontakten und theologischen Gelehrten sicher ein wertvoller, stabilisierender Faktor. Stattdessen addiert sie ihre eigene Zerrissenheit zu der bereits in Äthiopien so mannigfach vorhandenen.

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